Auf der Suche nach dem neuen Miteinander

Schüler, Unternehmer, Sportler und Kulturleute: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat sich mit Chemnitzern getroffen. Krisengespräche in einer Stadt unter Generalverdacht.

Geplant war das so nicht. Eigentlich hatte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sich Donnerstagmittag beim Unternehmen Baselabs am Technologiecampus über Softwarelösungen für automatisiertes Fahren informieren wollen. Innovation, made in Chemnitz, stand auf dem vor Wochen festgezurrten Programm seines Besuchs in der Stadt. Doch statt Zukunftstechnologie ist es am Ende allzu Gegenwärtiges, das ihn nach den Ereignissen der vergangenen Tage beschäftigt - nicht am Campus, sondern im Rathaus am Markt.

Dort sitzt Kretschmer am großen Tisch des Grünen Salons mit rund 20Vertretern derer, die dieser Tage oft unter dem Begriff Zivilgesellschaft zusammengefasst werden. Die Universität ist dabei, die Kirche, Künstler aus Hoch- und Subkultur, Unternehmer, Vertreter des Chemnitzer Sports, auch Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. "Ihnen allen", so twittert Kretschmers Büro später, "müssen wir den Rücken stärken! Sie sind wichtig für unsere Gesellschaft, sie sorgen für Zusammenhalt!"

Das Krisengespräch, so schätzen Teilnehmer später ein, dürfte wohl nur der Auftakt gewesen sein für eine Reihe ähnlich breit aufgestellter Runden in den kommenden Wochen. Denn der Ruf und das Bild der Stadt, so ihre Überzeugung, haben in den vergangenen Tagen empfindlich gelitten; das Wort "Totalschaden" macht die Runde. Nun komme es darauf an zu zeigen, dass der Schein trügt, Chemnitz in Wahrheit so nicht ist, wie es weltweit im Fernsehen zu sehen war, heißt es.

"Es ist traurig, dass diese Geschichte Chemnitz trifft", sagt Nancy Gibson, die Leiterin der Städtischen Musikschule. "In so kurzer Zeit ist vieles an gesellschaftlichem Engagement wie weggewischt." In den Medien stehe die Stadt jetzt als ein Nest voller Rechtsradikaler da. "Es ist sehr wichtig, jetzt Farbe zu bekennen", meint Gibson.

Mit gegenseitigen Schuldzuweisungen und Lagerdenken werde das aber kaum zu erreichen sein, so die allgemeine Überzeugung. "Wir müssen die breite Bevölkerung zurückholen", sagt Micaela Schönherr, die Präsidentin des Basketball-Zweitligisten Niners. Derzeit dominierten die Ränder, die große gesellschaftliche Mitte sei kaum wahrnehmbar, so die Unternehmerin.

"Viele Leute haben das Gefühl, es hört ihnen keiner zu", hat Egmont Elschner beobachtet. "Es gibt große Bevölkerungsgruppen, die ganz sicher keine Nazis sind, aber auch nicht links, und die haben ein Recht darauf, dass man sie ernst nimmt", meint der Vorsitzende des Kulturbeirats der Stadt. Und er warnt davor, den Kopf in den Sand zu stecken. Er habe Mitte der 1990er-Jahre schon einmal eine Stadt in einer ähnlichen Krisensituation erlebt - Magdeburg. "Daher weiß ich: Es gibt auch eine Zeit danach."

Wie ein besseres Miteinander aussehen kann? Anregungen dazu finden sich zuhauf an den Wänden eines Klassenzimmers der Oberschule "Am Flughafen", in dem Kretschmer sich vor seinem Besuch im Rathaus mit knapp zwei Dutzend Schülern getroffen hat. "Wir alle bringen uns ein", heißt es da, "Wir beschimpfen uns nicht", "Wir hören uns zu." Mehr als 360 Kinder und Jugendliche lernen an der Schule. Über 30 Prozent von ihnen besitzen einen Migrationshintergrund.

Politikerbesuch in einer Brennpunkteinrichtung also? Nein. Vielmehr in einer Schule, die kürzlich für ihr Projekt "Demokratisches Handeln" mit dem Sächsischen Schulpreis ausgezeichnet wurde. Mit gelben und roten Karten wie beim Fußball sowie Schülergerichten wird dabei bereits seit vielen Jahren von Gleichaltrigen zur Räson gerufen, wer sich nicht an gemeinsam aufgestellte Regeln hält. Im ärgsten Fall gibt es Wiedergutmachungsaufgaben - Vortrag ausarbeiten, Plakat gestalten, sauber machen. "Wir spüren, dass sich das in der Entwicklung der Schüler auszahlt", sagt Schulleiterin Kerstin Daniel. "Unsere Schulabgänger wissen, was sie wollen."

Wie umfassend auch solche Lektionen "Lernen fürs Leben" sein können, erfährt Kretschmer von einem der jungen Mitstreiter aus erster Hand. Auf die Frage des Ministerpräsidenten, was seine Eltern zu seinem Engagement im Demokratieprojekt sagen, antwortete der junge Mann: "Mein Vater fürchtet, ich mache mich unbeliebt." Mehr zum Besuch Michael Kretschmers in Chemnitz lesen Sie auf den Seiten 1 und 3.

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