Ausstatterin für den Chemnitzer Opernball übergibt an Nachfolgerin

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Hella Erler lebt für die Mode, hat sie in der DDR als Designerin sogar mitgestaltet. Mit 77 Jahren übergibt sie ihre Boutique an Gritt Rudolph. Auch in deren Berufsleben spielten Textilien eine große Rolle.

Gibt es tatsächlich Zufälle? Ereignisse, für die es keine Erklärung gibt, die einfach so passieren? Hella Erler und Gritt Rudolph erleben solch einen Tag Mitte vergangenen Jahres. Es ist ein sehr heißer Augusttag und Hella Erler öffnet die Tür, um zu lüften. Es werden einige freundliche Worte gewechselt, beide sind sich vor vielen Jahren schon einmal begegnet. "Sie wollen wohl mein Geschäft übernehmen, habe ich provokant gefragt", meint Hella Erler. Sie ist 77 - was man dem Energiebündel nicht ansieht.

Hella Erler hat in der DDR bei der sehr bekannten Firma "Lucie Kaiser" gelernt und an der Fachschule für Bekleidungstechnik Berlin Modedesign studiert. Eine berufliche Station war auch Chefdesignerin "Plauener Spitze" in Plauen. "Wir waren mit neuen Ideen gefordert", sagt die Modeexpertin. Ihre erste Kollektion: Mode in Schwarz-Weiß-Natur, Pullis mit Leder und Spitze. Die Kollektion begeisterte, der Salon Plauener Spitze wurde zu Kulturtagen im In- und Ausland eingeladen und präsentierte dort die Kollektion. Für die außergewöhnliche Verarbeitung der Plauener Spitze erhielt Hella Erler 1981 den Kunstpreis der DDR als Mitglied des Verbandes Bildender Künstler.

1992 gründen Hella Erler und ihr Mann Wieland Erler das Unternehmen Erler Fashion. Mit einer kleinen Belegschaft von etwa 25 gut ausgebildeten Fachleuten produzieren sie Mode in ausgesuchter Qualität und besonderem Design und präsentieren sie zu Modemessen in Leipzig, München und Berlin sowie zur internationalen Messe Collections Premieren Düsseldorf. Diese Orderveranstaltungen zwei Mal jährlich bedeuten zwar Stress, die Kollektion muss auf den Punkt stehen. "Diese Atmosphäre und das ganze Drumherum hat mich immer wieder begeistert und inspiriert", sagt Hella Erler. Sie ist in der Fachpresse und im Fernsehen begehrte Gesprächspartnerin. "Wir waren die erfolgreichste Textilfirma im Osten, es fehlte aber das Startkapital. Die schlechte Zahlungsmoral und der hohe Zinssatz haben uns das Genick gebrochen."

1998, vier Jahre vor der Insolvenz, übernimmt sie die Boutique in der Hartmannstraße und macht sie auf ihre ganz typische Art und Weise unverwechselbar. Oberstes Gebot ist Qualität: "Ich habe ausgewählte Kollektionen eingekauft wie Annette Görtz, Luisa Cerano und Beate Heymann." Mit einer ausgesuchten Kollektion an Fest- und Ballkleidern lebt sie zudem ihre Passion für Spitze und Eleganz. Der Chemnitzer Opernball ist nicht nur ein großes gesellschaftliches Ereignis in der Stadt, sondern auch eine Zeit intensiver Arbeit im Modesalon. Es bedarf oft viel Zeit und Beratung, bis die Kundin die passende Robe findet. "Ich habe mich bemüht, dass kein Kleid zum Ball zwei Mal auftaucht", sagt Hella Erler. Auch sehr bekannte Künstlerinnen wie die Sängerin Ute Freudenberg und die Entertainerin Katrin Weber oder Sportlerinnen wie die Eisläuferin Mandy Wötzel, die Turnerin Sophie Scheder kaufen ein. "Ich habe mit meinen Kundinnen geweint und gelacht und bin sehr dankbar", sagt sie.

Zurück zu jenem heißen Tag im August 2020. Gritt Rudolph geht das kurze Gespräch mit Hella Erler nicht aus dem Kopf. Sie und ihr Mann sind erst zurück nach Chemnitz gezogen, sie sucht eine neue berufliche Herausforderung. Und wenn es um Mode und deren Herstellung geht, kann sie mitreden. Gritt Rudolph ist eine vom Fach. Nach der Lehre zur Damenmaßschneiderin absolviert sie ein Textilstudium an der Textilfachschule in Reichenbach/Vogtland. Ein Praktikum während des Studiums absolviert sie bei Erler Fashion in Mittweida. Nach dem Studium geht sie nach Niedersachsen und entwickelt in Ingolstadt bei einem Automobilzulieferer Autositzbezüge: "Ich bin Textilien und Leder immer treu geblieben."

Für die Übernahme der Boutique im Stadtzentrum braucht sie nur wenige Tage zu Überlegen. Das, was Hella Erler aufgebaut hat, gefällt ihr und sie möchte es weiterführen. Beide haben bereits gemeinsam neue Ware eingekauft. Hella Erler hat sie machen lassen und war begeistert: "Gritt hat genau das gewählt, was auch ich gekauft hätte. Wir stimmten beim Einkauf mit unserem Geschmack für die Kunden überein."

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