Berührende Lieder über die Melancholie des Widerstands

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Klara Deutschmann, Robert Stadlober und Daniel Moheit haben frühe Gedichte von Stefan Heym vertont und ihm mit dieser Klangcollage ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.

"Ich aber ging über die Grenze", schrieb der junge Helmut Flieg 1933 in einem Gedicht. Da war er 1931 wegen eines anderen Gedichts schon des Gymnasiums in Chemnitz verwiesen worden, war schon über eine Grenze gegangen, nach Prag, wo er den Namen Stefan Heym annahm. Und er würde noch über viele Grenzen gehen müssen in dem Jahrhundert der Kriege, dem Jahrhundert der Opportunisten, der duldenden, wegschauenden Mehrheit.

Mit diesem Text beginnt auch der Dienstagabend im Rahmen des Festivals "Kammermachen" im Weltecho, an dem die musizierenden Schauspieler Robert Stadlober und Klara Deutschmann gemeinsam mit dem Akkordeonisten Daniel Moheit vertonte Gedichte von Stefan Heym im Bühnenambiente eines alten Wohnzimmers, ausgestattet von Astrid Noventa, vorstellen. Und einem Wunder gleich, das so nur die Kunst vollbringen kann: Die in den 1930er-Jahren angesichts des Faschismus in Deutschland geschriebenen Gedichte, verbunden mit späteren Texten von Stefan Heym, haben nichts von ihrer Kraft verloren. Im Gegenteil. "Ich aber ging über die Grenze ... Nichts nahm ich mit mir als meinen Hass. Den pflege ich nun ... Und ich komme wieder ... Dann steh ich im Land, das sich befreien will."Die Musik ist meist leise und zurückhaltend. Robert Stadlober streichelt die Gitarre mehr, als dass er die Saiten schlägt, Klara Deutschmann und Daniel Moheit weben mit Oboe und Akkordeon einen zeitlos klingenden Teppich, der die Worte verbindet und das manchmal arg strapazierte Versmaß, die einer Aussage untergeordneten Reime der Jugendlyrik sanft überspielt. Die sorgfältig ausgewählten Texte, einige fast 100 Jahre alt, klingen wie eine Beschreibung der konfliktreichen Gegenwart, provozieren oft melancholisch, aber umso dringender den Widerstand gegen die Übel der Welt, die ihre Wurzeln auch in der Vergangenheit haben. Sie erinnern an die "Brände, von denen eben nur die Zündschnur glimmt", den "Ekel auf Vorschuss" angesichts der "Zeitungsnotizen von kleinen Morden, nebensächlichen Misshandlungen und harmlosen Quälereien". Zeugen von der Trauer angesichts der Tode, der Konzentrationslager - "Wir gehen stumm und schleppend bang vielleicht den allerletzten Gang" -, angesichts der "Armen": "Niemand meint's doch mit den Armen schlecht. Wenn man könnte, wie man wollte, würd man geben! Aber nicht, wenn ihr zu drohen euch erfrecht!"

Und obwohl, wie die drei Künstler Heym zitieren, "nach Auschwitz nichts mehr ist, wie es mal war", hatte der Schriftsteller die Hoffnung nie verloren. Auch das klingt in dem literarisch-musikalischen Gesamtkunstwerk von Deutschmann, Stadlober und Moheit mit. Sie führen es bis zu den Tagen des Umbruchs in der DDR, als Stefan Heym auf der Demonstration am 4. November 1989 sprach und das Gefühl hatte, "als habe einer ein Fenster aufgestoßen" - was dem Programm den Titel gibt. Und er, Heym, habe selbst erlebt, "wie Menschen sich verändern, genug um ins Gewicht zu fallen". Auf diese Veränderung zielt das Programm, mit dem die drei Künstler Stefan Heym ein lebendiges, ganz gegenwärtiges Denkmal setzen - mit sehr langem Applaus honoriert und schöner, als es der Stefan-Heym-Platz in Chemnitz je war.

Das Festival "Kammermachen" dauert noch bis zum 11. Oktober an. Weitere Informationen stehen unter www.weltecho.eu

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