Bieterwettstreit um Artiseda-Fabrik

Das Interesse bei der Versteigerung der Industriebrache war größer als erwartet. Am Ende erhielt ein örtlicher Unternehmer den Zuschlag - für ein Vielfaches des geschätzten Wertes.

Limbach-O./Zwickau.

Zwangsversteigerungen von Gewerbebrachen sind selten eine spannende Angelegenheit. Oft können die Gläubiger froh sein, wenn sich überhaupt jemand findet, der die Mindestsumme bietet. Am Mittwochvormittag bot sich im Amtsgericht Zwickau hingegen ein ganz anderes Bild. Dort kam die ehemalige Artiseda-Textilfabrik in Limbach-Oberfrohna unter den Hammer. Neben Vertretern der Stadtverwaltung sowie der Sparkasse Chemnitz als Gläubiger waren etwa zehn weitere Interessierte anwesend. Drei davon gaben Gebote ab.

Eine gute halbe Stunde und genau 39 Gebote dauerte es, bis die Sieger feststanden. Silke und Rico Wrzal erhielten bei 250.000 Euro den Zuschlag. Das war deutlich mehr, als man erwarten konnte, schließlich war der Wert des leer stehenden Industriegebäudes per Gutachten auf 80.000 Euro taxiert worden. Rico Wrzal führt ein Unternehmen für Gebäudetechnik mit Sitz in Kändler und ist im Stadtrat Mitglied der CDU-Fraktion. Was die Eheleute mit dem traditionsreichen Objekt an der Chemnitzer Straße vorhaben, wollten sie im Anschluss nicht verraten. Man werde die Pläne zunächst der Stadtverwaltung vorstellen, bevor man an die Öffentlichkeit gehe, erklärte Rico Wrzal. Nur so viel gab er preis: Seine Frau und er wollten die Fabrik weder privat noch für die Gebäudetechnik-Firma nutzen. "Es wird ein ganz neues Projekt." Dass sich die Wrzals mit dem Umbau von historischen Gebäuden auskennen, haben sie schon bewiesen: 2008 erhielt das Ehepaar für die denkmalgerechte Sanierung einer Villa an der Weststraße den zweiten Preis beim städtischen Fassadenwettbewerb.

Die Herausforderung, die sich die Wrzals nun aufgeladen haben, dürfte aber ungleich größer sein. Die ebenfalls denkmalgeschützte Artiseda-Fabrik mit der Klinkerfassade und dem markanten Turm, um 1870 als Firmensitz der damaligen Trikotagenfabrik Louis Schaarschmidt errichtet und Ende der 1920er-Jahre umgestaltet, steht seit 20 Jahren leer. In einigen Etagen befinden sich noch Nähmaschinen, zudem stapeln sich Textilien in Transportwagen. "Allein die Entrümpelung dürfte 100.000 Euro kosten", schätzt Eckhard Stiegele. Der Geschäftsführer des Leipziger Immobilienunternehmens Hansa Real Estate beteiligte sich an der Versteigerung. Er hätte in der Fabrik, die sich bislang in Privatbesitz befand, gern Eigentumswohnungen im Loftstil eingerichtet, erklärte er. Doch sein letztes Gebot gab Stiegele bei 145.000 Euro ab. Ein höherer Preis rechne sich für ihn nicht, sagte er. Um die Artiseda-Fabrik zu sanieren, sind laut Beobachtern mehrere Millionen Euro nötig.

Ein Berliner Architekt war offenbar bereit, dieses Geld in die Hand zu nehmen. Gemeinsam mit den Wrzals trieb er die Gebote immer weiter nach oben. Er rief sogar noch die Summe von 251.000 Euro in den Raum, als die Richterin den Zuschlag bereits erteilt hatte. Aussagen zu seinen Plänen für die Immobilie lehnte der Architekt gegenüber der "Freien Presse" ab. In Chemnitz hat er ein bekanntes ehemaliges Industrieareal erworben und vermietet es nun unter anderem als Werkstatt, Büro oder Lager.

Michael Claus, Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung im Limbacher Rathaus, verfolgte die Versteigerung ebenfalls. "Ich bin überrascht, was die Beteiligung und die Höhe der Gebote betrifft", sagte er später. Durch den hohen Preis könne die Stadtverwaltung, die das Versteigerungsverfahren angestrebt hatte, alle entstandenen Kosten unter anderem für die Zwangsverwaltung des Gebäudes begleichen. Noch aus einem weiteren Grund zeigte sich Claus sehr zufrieden mit dem Ausgang: Weil die Anzahl der unsanierten Objekte in Sachsens Großstädten immer mehr schrumpfe, gerate nun auch eine Stadt wie Limbach-Oberfrohna ins Visier von Investoren. "Das ist für uns eine sehr interessante Sache", stellte Claus fest. So hätten die Bieter, die dieses Mal leer ausgingen, bereits Interesse an anderen Gebäuden in der Stadt signalisiert. Anders als jene hatten die Wrzals zuvor nicht das Gespräch mit dem Rathaus gesucht, bestätigte Claus. "Ich bin davon völlig überrascht worden. Wir haben einen Gesprächstermin für nächste Woche vereinbart."


Kommentar: Es gibtHoffnung

Der Mittwoch war ein guter Tag für Limbach-Oberfrohna. Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass das Interesse an einer seit Jahrzehnten leer stehenden Fabrik, in die mehrere Millionen Euro investiert werden müssen, derart groß ist. Doch weil es in Leipzig, Dresden und Chemnitz kaum noch lohnende Objekte für die Immobilienbranche gibt, bieten sich plötzlich Chancen für Limbach-Oberfrohna. Gerade für den Ortsteil Oberfrohna, der auch Jahrzehnte nach der Wende noch von Industriebrachen geprägt ist, lässt das hoffen.

Eine weitere gute Nachricht ist, dass ein Ehepaar aus der Stadt den Zuschlag erhalten hat. Rico Wrzal kann es sich nicht leisten, die Sanierung auf die lange Bank zu schieben, weil er als Unternehmer und Stadtrat einen Ruf zu verlieren hat.

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