Bundespräsident kürt Deutschlands beste Jungforscher

Zwei Tage voller Spannung und Jurygespräche. Am Sonntag standen dann die Sieger von "Jugend forscht" fest. Zu feiern gab es viel. Ein Problem aber bleibt.

Chemnitz.

Tara Moghiseh wirkt noch etwas aufgelöst, nachdem die Traube von Fotografen und Politikprominenz an ihrem Stand in der Halle 2 der Chemnitzer Messe vorbeigezogen ist. Nur wenige Minuten zuvor durfte die 17-jährige Schülerin vom Staatlichen Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek höchstpersönlich erklären, womit sie sich die vergangenen Monate und Jahre beschäftigt hat.

"Im Gespräch war ich dann doch etwas nervös gewesen", sagt Tara. Schließlich habe sie noch nie mit einer solch berühmten Person gesprochen. Auch das Blitzlichtgewitter sei zunächst etwas irritierend gewesen. "Aber nach kurzer Zeit merkte ich, dass der Bundespräsident auch ein ganz normaler Mensch ist. Da konnte ich mit ihm sprechen, so wie mit den anderen Besuchern auch, die sich für mein Projekt interessierten."


Was die Jungforscherin zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Nur kurze Zeit später wird es ein Wiedersehen mit Frank-Walter Steinmeier geben - auf der Bühne des Konferenzsaals der Messe. Vor mehr als 1200 Gästen wird der Bundespräsident ihr die Siegerurkunde überreichen - für den ersten Preis des Bundeswettbewerbes "Jugend forscht" in der Kategorie "Arbeitswelt". Damit ist Tara eine von sieben Preisträgern, die den mit 2500 Euro dotierten Preis mit nach Hause nehmen durften und von Steinmeier persönlich beglückwünscht werden.

"Ihre Forschung kann dazu beitragen, dass akute Leukämien früh erkannt und somit die Chancen auf Heilung erhöht werden", hieß es dazu in der Laudatio. Tara Moghiseh hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich weiße Blutkörperchen (Leukozyten) schneller und preiswerter untersuchen lassen - für eine schnelle Diagnose der Blutkrebserkrankung ist dies fundamental. Der Schlüssel dazu: Künstliche Intelligenz. Mithilfe eigens programmierter Algorithmen erlaubt die Methode eine Unterscheidung der fünf verschiedenen Leukozyten-Typen. "Nach den heutigen Methoden braucht es dafür noch Medizinisch-Technische Assistentinnen, die Proben am Mikroskop untersuchen", erklärt die 17-Jährige. Der Clou an der Methode: Die eingesetzten Algorithmen lernen, die Merkmale der Leukozyten immer besser zu erkennen. Eine Identifikation gänzlich unbekannter Blutproben verläuft mit der Zeit also immer schneller.

Tara Moghiseh ist aber nur eine von 190 Teilnehmerinnen am Bundesfinale, die mit 111 Forschungsprojekten den Juroren so viele Ideen wie nie zuvor präsentiert hatten. Der von "Stern"-Gründer Henri Nannen ins Leben gerufene Wettbewerb ging dieses Jahr in die 54. Runde. Für Steinmeier, der auch Schirmherr des Wettbewerbes ist, bedeutet "Jugend forscht" auch: "Da gehen uns die Leute in den naturwissenschaftlichen Fächern nicht aus." Wie Daniel Giese, Sprecher der Stiftung ,Jugend forscht‘ bestätigt, nehmen neun von zehn Wettbewerbs-Teilnehmern später ein Studium im MINT-Bereich auf (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik).

Dabei bilden die 190 Teilnehmern am Bundeswettbewerb nur die Spitze. Mehr als 200.000 Jungforscher starteten in den Regionalwettbewerben. Danach folgen Landeswettbewerbe, schließlich die Bundesrunde. "Wer es bis hierher schafft, wird auch seinen Beitrag leisten, dass wir alle irgendwann in dieser Welt besser leben können", spricht Steinmeier vom Podium herab.

So ständen die Jungforscher vor einer großen Aufgabe. Sie müssten Lösungen finden für die Konsequenzen wirtschaftlichen Handels in der Vergangenheit, so Steinmeier. Stichworte, die immer wieder fallen: Klimawandel, Umweltverschmutzung, begrenzte natürliche Ressourcen. Bereits zum Auftakt des Wettbewerbs hatte Raimund Neugebauer, Präsident des Fraunhofer-Instituts, gelobt: "Viele ,Jugend forscht‘-Projekte dieses Jahr beschäftigen sich mit solchen Problemen, die wir der jungen Generation überlassen haben."

Solch ein Problem ist etwa die Gewässerverschmutzung. Einer, der hierfür eine Lösung anbietet, heißt Fritz Henke und kommt vom Joliot-Curie-Gymnasium in Görlitz. Mit seinem Bioreiniger für Textilabwässer erreichte der 18-Jährige einen dritten Platz in der Kategorie Chemie und ist somit Sachsens höchstausgezeichneter Wettbewerbsteilnehmer - Dotierung: 1500 Euro.

Um hochbelastete Textilabwässer zu reinigen, setzt Fritz Henke auf Chitosan, welches sich zum Beispiel aus Garnelenschalen gewinnen lässt. Das anschließend zu Hydrogel oder Perlen verarbeitete Biopolymer ist in der Lage, umweltschädliche Farbstoffe zu binden und aus dem Wasser herauszulösen. Für die Aufbereitung verschmutzter Textilabwässer könne die Methode in Anbetracht immer strengerer Umweltauflagen in Zukunft an Bedeutung gewinnen, glaubt der Jungforscher.

Neben den ersten bis fünften Plätzen in den sieben Kategorien gab es noch zahlreiche Sonderpreise. Über einen solchen konnte sich etwa Leon Cornelius Schmidt freuen. Der 18-Jährige erhielt den Preis der drei Bundespatenorganisationen Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU), Siemens und Volkswagen. Zwar ist dieser Gewinn nicht dotiert, geht aber einher mit einem Praktikumsplatz beim IWU. Leon ist gebürtiger Hamburger, besucht aber das Sächsische Landesgymnasium Sankt Afra, Meißen. "Da konnte ich mich wissenschaftlich richtig austoben", schwärmt der junge Mann, der neben dem Abitur derzeit noch einen internationalen Schulabschluss anstrebt. Von seiner Auszeichnung hatte der stets gut gelaunte Nachwuchsforscher am Samstag erfahren, als die Sonderpreise übergeben wurden. "Da haben wir prächtig gefeiert." Doch als der Bundespräsident einen Tag später auch dem Stand des Wahlsachsen einen Besuch abstattete, war dieser völlig außer sich: "Das toppt wirklich alles."
Steinmeier und Bildungsministerin Karliczek durften sogar einen Blick durch eine Apparatur werfen, die Leon aufgebaut hatte. Darin lässt sich in verschiedenen Farbspektren erkennen, an welchen Stellen eine gedehnte Folie am ehesten zu reißen droht. Wozu das gut ist? Solche flexiblen Dünnschichtfolien können mit ebenso dünnen Solarzellen bestückt werden, die sich dann wiederum auf abgerundeten Gebäudeteilen oder sogar Rucksäcken und Textilien befestigen lassen. Durch das von Leon erdachte Verfahren lassen sich möglicherweise Beschädigungen bei der Herstellung der hochsensiblen Solarzellen verhindern.

Wie auch bei Leon Cornelius Schmidt ist die Stimmung während der Preisverleihung erwartungsgemäß positiv. Einen Wermutstropfen gibt es aber dennoch, auf den Siemens-Vorstandsmitglied Janina Kugel hinweist. "Wir brauchen deutlich mehr Mädchen bei ,Jugend forscht‘." Von den 190 Teilnehmern des Bundesfinales waren nur 54 weiblich. "Wir arbeiten daran", so die Antwort des Veranstalters.

Am frühen Nachmittag besuchte der Bundespräsident die TU Chemnitz. Der Erfolg dieser Hochschule könne mit an einem Stadtbild arbeiten, das "sich zum Positiven verändern soll und wird", so Steinmeier.

Preisträger aus Sachsen

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2Kommentare
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  • 0
    4
    Interessierte
    20.05.2019

    Was hatte er in etwa gesagt : Chemnitz ist schön !
    Aber der Mann war doch gar nicht - in Chemnitz !!!
    Und wenn , was hätte er denn dann gesehen ?
    Die Frau Merkel hatte nicht viel gesehen , dabei hätte ihr niemand was getan ......

  • 1
    4
    693774
    20.05.2019

    "Einen Wermutstropfen gibt es aber dennoch, auf den Siemens-Vorstandsmitglied Janina Kugel hinweist. "Wir brauchen deutlich mehr Mädchen bei ,Jugend forscht‘." Von den 190 Teilnehmern des Bundesfinales waren nur 54 weiblich."

    Wer hindert Mädchen daran, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen? Vielleicht liegt es doch an unterschiedlichen Interessen?



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