Bus und Bahn: 365-Euro-Ticket nimmt erste Hürde im Stadtrat

Der Nahverkehr soll billiger werden. Eine Ratsmehrheit hat die Verwaltung beauftragt, mögliche Szenarien durchrechnen zu lassen. Allein wird sich die Kommune das Projekt aber kaum leisten können.

Die Stadtverwaltung soll die Einführung eines 30-Euro-Monats- und 365-Euro-Jahrestickets für Linienbusse und Straßenbahnen innerhalb von Chemnitz sowie im gesamten Gebiet des Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS) prüfen. Das Ergebnis soll dem Stadtrat bis Herbst 2020 vorgelegt werden. Dem Antrag der Fraktionsgemeinschaft Die Linke/Die Partei und der SPD-Fraktion hat der Stadtrat am Mittwochabend mit 37 gegen fünf Stimmen bei elf Enthaltungen zugestimmt. Linke, SPD und Grüne, aber auch Teile der AfD, von Pro Chemnitz sowie der CDU stimmten zu, die Gegenstimmen kamen allesamt aus der AfD-Fraktion. Derzeit kostet die günstigste Monatskarte der CVAG im Abonnement etwa 42 Euro.

"Wir wollen Nahverkehr für einen Euro am Tag, aber wir wollen den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen", hatte Linken-Fraktionschefin Susanne Schaper das Vorhaben begründet. Daher müssten vor einer Entscheidung zunächst alle Fakten einschließlich der zu erwartenden Kosten auf den Tisch. Ihre Fraktion hoffe, dass sich derzeit, da der öffentliche Nahverkehr "in aller Munde" sei, vielleicht Fördermöglichkeiten für das Projekt eröffnen, so Schaper.

Auch SPD-Fraktionschef Detlef Müller räumte ein, günstigere Nahverkehrstickets kosteten "richtig Geld" und seien für die Stadt allein wohl nicht zu finanzieren. Daher drängte er die Verwaltung, sich schnellstmöglich, noch vor Abschluss der Prüfung des 365-Euro-Jahrestickets, beim Bund als eine von zehn Modellregionen zu bewerben, die mit Geld aus dem in Verbindung mit dem Ausstieg aus der Braunkohle beschlossenen Klima-Pakt gefördert werden sollen.

Absicht der Linken sei es, die Einführung des 365-Euro-Jahrestickets in die Diskussion über den Doppelhaushalt 2021/22 einzubeziehen, hatte Schaper erklärt. Sie und Müller betonten aber auch, dass die Senkung der Fahrpreise nicht das einzige Mittel zur Erhöhung der Qualität des Nahverkehrs bleiben dürfe. "Wir brauchen ein attraktives, an den Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichtetes Angebot", sage Schaper. Müller verwies auf täglich etwa 80.000 Ein- und Auspendler, die von außerhalb zur Arbeit nach Chemnitz oder umgekehrt unterwegs sind und ebenfalls von dem günstigen Jahresticket profitieren müssten.

Die Stadtverwaltung hatte in einer Stellungnahme zu dem Beschlussantrag vor den hohen Kosten gewarnt. Schon ohne das 365-Euro-Jahresticket müssten bei der CVAG in den nächsten vier Jahren Verluste zwischen 33 Millionen und 37 Millionen Euro durch Gewinne des Versorgers Eins ausgeglichen werden.

Einen Änderungsantrag zum Vorschlag von Linken und SPD hatte Nico Köhler (AfD) eingereicht. Er schlug zusätzlich zum 30- und 365-Euro-Ticket ein 15-Euro-Monats- und 180-Euro-Jahresticket für Schüler, Lehrlinge und Rentner vor. Der Antrag wurde mit 14 zu 35 Stimmen abgelehnt. Ermäßigungen für Schüler und Lehrlinge seien bereits in der Schülerbeförderungssatzung geregelt, begründete SPD-Mann Müller.


Kommentar: Skepsis ist angebracht

Volle Straßenbahnen und Busse in kurzen Abständen, wie ich das aus meiner Kindheit und Jugend kenne - ich hätte wirklich nichts dagegen. Doch mit noch mehr Bezuschussung der Fahrpreise wird es nicht getan sein. Denn sollten sich tatsächlich mehr Chemnitzer dazu entschließen, vom eigenen Auto auf den Nahverkehr umzusteigen, werden auch weitere - möglichst elektrisch angetriebene - Fahrzeuge benötigt. Bahnen und Busse lassen sich mithilfe von Fördergeld finanzieren, aber wo sollen die Fahrer dafür herkommen?

8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    3
    gelöschter Nutzer
    04.11.2019

    @maops0106: Als ich letzte Woche mit dem Bus der Linie 62 fuhr, wurde während der Fahrt ein neuer Fahrer über die Strecke instruiert. An der Zenti trafen wir dann auf eine Straßenbahn an der groß "Fahrschule" zu lesen war. Mein Eindruck: an der dünnen Personaldecke wird gearbeitet.

  • 5
    0
    mops0106
    04.11.2019

    @Einspruch:
    Es geht ja nicht nur um den Zustand der Straßen im Winter sondern auch um die Personaldecke der CVAG, die offenbar so dünn ist, dass bei häufigeren Erkrankungen Herbst/Winter gleich alles zusammenbricht.

  • 5
    1
    Einspruch
    02.11.2019

    @ Mops... Keine Bange, die Winterdienste haben wie jedes Jahr Einsatzbereitschaft gemeldet und das sie gerüstet sind. Hält bis zur ersten Schneeflocke....

  • 6
    1
    Zeitungss
    02.11.2019

    @99...….: Zu dieser Frage fällt mir wirklich nichts ein. Sie sind Gegner des ÖR, was Sie dürfen, mehr kann man aus dieser Frage nicht herausnehmen. Demnach wird RTL & Co für ihre Kosten aufkommen, viel Glück dabei.

  • 4
    1
    gelöschter Nutzer
    02.11.2019

    @99: Lesen Sie doch erstmal den Artikel, dann erübrigt sich die Frage.

  • 1
    7
    994374
    02.11.2019

    Wo kann man sich über die Bedingungen dieses Tickets informieren?
    Ist das eine "Zwangsabgabe" wie die Rundfunkgebühr (also auch für Nichtnutzer)?

  • 10
    1
    mops0106
    01.11.2019

    Mir graut es schon wieder vorm Winter und was dann von Seiten der CVAG kommen besser gesagt nicht kommen könnte.

    Der Zustand war schon im Winter 2017/ 2018 schlimm, was Ausfälle betraf. Aber vom Winter 2018 bis ca. August 2019 war es ja die totale Katastrophe.

    Bevor solche Projekte angedacht/ gestartet werden, sollte das offensichtlich vorhandene Geld in die Anwerbung und ordentliche Bezahlung des Servicepersonals und die Verdichtung der Taktung fließen.

  • 15
    1
    DTRFC2005
    01.11.2019

    Ja die Idee ist mehr als überfällig, aber leider ist der letzte Satz fast entscheidender als der Preis des Tickets. Wer soll Bus und Bahn steuern ?



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...