Chemieanlagenbau Chemnitz: Bundesweit erstes sauberes Benzin ist fit für Großproduktion

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Für die Herstellung in großem Umfang sind Investoren notwendig. Der CAC erhofft sich dafür politische Weichenstellung.

Chemnitz.

Der Chemnitzer Chemieanlagenbau (CAC) ist seiner Vision von Grünem Kraftstoff ein Stück näher. Die Technologie zur Erzeugung von CO2-neutralem Benzin nur aus Kohlendioxid, grünem Strom und Wasser ganz ohne fossile Brennstoffe hat Marktreife erreicht. Für die Überführung in die großindustrielle Produktion werden Investoren gesucht. "Klimaschutz ist eine globale Herausforderung und wird nicht ausschließlich durch Elektromobilität erreicht werden", sagt Geschäftsführer Jörg Engelmann, der gemeinsam mit seinem Vater Joachim Engelmann das Unternehmen führt. Selbst China als einstiger Motor der Elektromobilität habe offenbar den Verbrennungsmotor neu bewertet und entwickle ihn weiter. Solche synthetischen Kraftstoffe werden als E-Fuels bezeichnet. Das ist die Abkürzung des englischen Wortes für Elektro-Kraftstoffe - electrofuels. Das von CAC entwickelte Benzin ist den Angaben zufolge in allen Automobilen mit Otto-Motor einsetzbar und hat zu fossilem Benzin vergleichbare Werte bei Leistung und Verbrauch.

Das Kerngeschäft der 300 Mitarbeiter zählenden Firma ist der Anlagenbau. Die Nachfrage eines Kunden brachte Joachim Engelmann vor etwa 15 Jahren auf synthetisches Benzin und damit auf ein mögliches weiteres Geschäftsfeld. Der Kunde wollte wissen, wie sich das Erdölbegleitgas, das bei der Erdölgewinnung abgefackelt wird, sinnvoll umsetzen lässt. 2008 begannen die Entwicklungen. Die wichtigste Prozessstufe in der Herstellungskette setzte CAC in einer zur TU Bergakademie Freiberg gehörenden Demonstrationsanlage auf dem Gelände des ehemaligen Silberbergwerks "Reiche Zeche" um. Hier wird das aus Kohlenstoffdioxid und Wasserstoff gewonnene Methanol zu Benzin umgewandelt. Es ist die bundesweit erste Demonstrationsanlage zur Herstellung von synthetischem Benzin und wurde vom Land Sachsen mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung gefördert. Freiberg hat eine lange Tradition auf dem Gebiet der Brennstofftechnik. 1924 wurde hier das Staatliche Braunkohle Forschungsinstitut gegründet, das sich mit der Gewinnung und Veredlung von Brennstoffen befasste. Diese Aufgabe übernahm 1956 das Deutsche Brennstoffinstitut. Sie wird vom Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen der Bergakademie fortgeführt.

Seit 2019 testen Automobilhersteller das synthetische Benzin auf Motor-Testständen und unter realen Bedingungen. Die Anlage in Freiberg kann 100 Liter pro Stunde herstellen. In einer ersten industriellen Anlage sollen es bis zu 50.000 Tonnen werden, ab 2024 bis zu 250.000 Tonnen pro Jahr. Ziel sind bis 2030 jährlich eine Million Tonnen. "Diese Menge leistet bei einem Jahresverbrauch in Deutschland von etwa 16 Millionen Tonnen Kraftstoff für Otto-Motoren einen wichtigen Beitrag zur Erfüllung der Klimaziele", sagt Engelmann.

An einem Grünen Ersatz für Benzin und Diesel wird seit langem getüftelt. Unter anderem wurde untersucht, ob sich nachwachsende Rohstoffe wie Mais, Raps oder Weizen als Ausgangsbasis für Kraftstoffe für Otto- und Dieselmotoren eignen. Es wurden jedoch Monokulturen in großem Ausmaß befürchtet und deshalb dieser Ansatz verworfen. Das Pariser Klima-Abkommen von 2016 hat den Druck verstärkt: Bis 2050 will die Weltgemeinschaft fossile Energien durch regenerative ersetzen. Das betrifft neben Pkw auch Flugzeuge und Schiffe. Ein sauber verbrennender, klimaneutraler und bezahlbarer Kraftstoff wäre laut Professor Martin Gräbner von der Bergakademie eine Lösung für all diese Verkehrsbereiche. Auch Porsche hat diese Marktlücke erkannt und entwickelt mit Partnern in Chile die weltweit erste kommerzielle Großanlage für E-Fuels. In Sachsen betreibt neben CAC unter anderem Sunfire in Dresden derartige Projekte. "Grüne Treibstoffe können der sächsischen Wirtschaft neue Exportchancen eröffnen. Sächsische Wissenschaftler stehen weltweit mit an der Spitze bei der Erforschung klimaneutraler Treibstoffe", sagte Christoph Neuberg, Geschäftsführer der IHK Chemnitz.

Der Einsatz von E-Fuels sei allerdings nur mit Technologieoffenheit erreichbar - das sei durch die Fokussierung auf E-Mobilität derzeit aber nicht der Fall, sagt Jörg Engelmann. Das Elektroauto sei für den Stadtverkehr bis etwa 50 Kilometer täglich und die Brennstoffzelle aufgrund des Platzbedarfs für große Fahrzeuge sinnvoll. Für alle Pkw dazwischen fehle aktuell eine klimafreundliche Lösung. Allein in Deutschland ist fast ein Viertel aller Autos und damit elf Millionen Fahrzeuge älter als fünf Jahre. In Osteuropa sind die Fahrzeuge noch älter. "Verbrennungsmotoren werden uns somit noch lange begleiten", sagt der Unternehmer und fügt hinzu: "Synthetisches Benzin ist ohne zusätzlichen Aufwand für die Autofahrer sofort einsetzbar." Es könne bestehendem Kraftstoff zugemischt werden oder ihn vollständig ersetzen und damit die Lücke schließen. Auch Tankstellen könnten weiter genutzt werden.

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1010 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 23
    11
    Zaungast
    25.06.2021

    Wie wäre es denn mal damit:

    WENIGER fahren/fliegen.
    WENIGER transportieren.

    Wirkungsgrad solcher Maßnahmen: 100%.

    "Nebenbei" führte das zur Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen und zu Chancen für globale Gleichberechtigung.
    Statt Waren/Personen: Daten transportieren.
    Nicht ausschließlich, so blauäugig muss man nicht sein. Aber tendenziell.

    Schlecht für die Margen multinationaler Konzerne und deren Stakeholder.
    Gut für die Erde und ALLE hier existierenden Lebewesen.

  • 21
    11
    macxs
    25.06.2021

    Ein bisschen Kontext dazu:
    Verbrennungsmotoren haben einen Wirkungsgrad von ca. 35-40%. D. h. von der (hoffentlich grün erzeugten) Energie zur Herstellung des e-Fuels, bei der es auch einen Wirkungsgrad gibt(, den ich gern hier gelesen hätte), bleibt letztlich vermutlich um die 20-30% Wirkungsgrad der Primärenergie. Ein Akku hat da schon eher um die 90% (bei Wind, Wasser, Sonne).

    Der Weisheit letzter Schluss ist deshalb auch das nicht. Aber ein toller Beitrag, um alte Infrastruktur weiter - grüner - zu nutzen. Das spart ja auch in gewisser Weise die zwingende Erneuerung alter Technik, die ja auch CO2 ausstößt.

  • 32
    6
    Progress
    25.06.2021

    Na, das ist doch 'ne gute Nachricht. So kann ich meinen Verbrenner dann mit Grünen Kraftstoff weiter fahren und die Produktion von Verbrenner zur Klimarettung muss nicht 2030 eingestellt werden. Gut auch für den Erhalt der hochspezialisierten Arbeitsplätze im KfZ-Gewerbe. Heutige Auszubildende haben wieder eine Perspektive in ihrem erlernten Beruf. Ob die Politik sich für den umfassenden Einsatz dieser Technologie stark macht? Die Windrad-,Fotovoltaik- und Akku, sowie Wasserstofflobby wird wohl abwinken.

  • 33
    2
    Mehrdenker
    25.06.2021

    Hochachtung für diesen Erfolg. Man darf sich auch einfach mal ehrlich freuen und Respekt zollen für den CAC ohne gleich wieder dogmatisch gegen die ach so böse Politik zu wettern. Im Artikel steht schliesslich auch, dass die Forschung durch EU-Gelder unterstützt wurde.

  • 8
    18
    Lexisdark
    25.06.2021

    @heimat Wo sind E-Fuels gleich gut, effektiv und umweltgerecht im Vergleich zu einem Elektroauto? Auch mit dem Einsatz von Lithium, Kobalt etc., die was auch immer mehr reduziert wird, kommt man bei der gesamten Effizienz noch hinter den Benziner oder Diesel. Erstmal muss eingesetzte Energie umweltfreundlich werden, das ist noch ein langer Weg. Und dann noch mehr davon durch die Erzeugung von synthetischen Kraftstoffen verbrauchen kann nicht der richtige Weg sein.

  • 7
    45
    lax123
    25.06.2021

    Das wird ein Flop vor dem Herren werden; und das ist auch gut so. Das Zeug verbrennt mit Sicherheit weder sauber noch wird es jemals das Preisniveau fossiler Brennstoffe erreichen.
    Das Ende des stinkenden und lärmenden Verbrennungsmotors ist nah. Die Zukunft liegt in der Batterie- oder Wasserstofftechnik, damit lokal kein Gestank entsteht. Schade, die ehemals vorzeigbare mittlerweile nur noch lächerliche deutsche Automobilindustrie hat es verpasst.

  • 36
    42
    HEIMAT2021
    25.06.2021

    Jetzt stehen gruene Interessen und der eingeschlagene Weg des "Non plus Ultra" E Autos im absoluten Focus.Leider wird wegen dieser Lobby da alles vertaeufelt werden auch wenn es noch so gut,effektiv und Umweltgerecht ist.Und ausserdem muss dem Dt.Volk das Geld aus der Tasche gezogen werden damit auch in dieser Hinsicht die EU Laender sich angleichen.Ich finde unsere Gegenwart in vielen uns manipulierenden Entscheidungen nur noch eine Face.Leider....

  • 74
    5
    Neideiteln
    25.06.2021

    Ganz sicher gibt es viele Interessenten für eine Investition in diese Technologie. Zuallererst Unternehmen, deren Produktion sehr viel CO2 ausstößt und die an einer Verwertung von ausgefiltertem CO2 aus den Abgasen arbeiten.

    Die erste Adresse für das Chemnitzer Unternehmen wären wohl Zementproduzenten und Stahlwerke.

    Was dieses Unternehmen geleistet hat, ist großartig, und ich wünsche ihnen sehr viel Erfolg bei der Verwertung Ihres know-hows. Gute Juristen, die für ihre Heimat brennen und dafür sorgen, dass beim Patentschutz und bei den Investitionen nichts anbrennt, könnten den Erfolg sichern. Ich hoffe, dass man der Versuchung widersteht, sich aufkaufen zu lassen.

    Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde, dass im Osten die innovativen Unternehmen entstehen. Gerade Sachsen hat einen enormen Vorsprung in der Schul- und Hochschulbildung im MINT-Bereich. Mehr Selbstbewusstsein, und junge Leute, lernt, bleibt hier oder kommt zurück!

  • 76
    5
    Frima715
    25.06.2021

    Entwicklungen in diese Richtung der Kraftstoffe gibt es seit einigen Jahren. Leider fehlt der politische Wille, dies auch umzusetzen.

  • 70
    10
    jeverfanchemnitz
    25.06.2021

    Es fehlen Ökonomen mit A. in der Hose, die alle technischen Möglichkeiten gleichberechtigt!!!, ohne Lobbyinteressen, inkl. Rohstoffbeschaffung, Infrastrukturellem Aufwand, Energiebedarf, Entsorgung, Umweltverträglichkeit (Aufzählung sicher nicht vollständig) und gleicher Förderung über gleiche Zeit inkl. weiter Blick in die Zukunft durchrechnen.
    Also inkl. aller Kosten - nicht nur der unternehmensspezifischen, sondern auch der Gesamtgesellschaftlichen.
    Da hätte sich einer ne goldene Nase verdienen können Allerdings hätte er als härtesten Gegner nicht die Ökonomie gehabt sondern eben harte Lobbyinteressen.
    Ohne diese wissenschaftlich-ökonomische Basis rein auf E-Mobilität zu setzen, ist fahrlässig und riskant.