Chemnitz als Hartz-IV-Versuchslabor

Der Fernsehsender RTL lässt eine Reporterin einen Monat lang im Plattenbau wohnen, unter den Bedingungen einer Arbeitslosen. Dass das Experiment nicht in Berlin stattfindet, liegt angeblich am Wohnungsmarkt.

Eigentlich muss sich Hanna Klouth um ihr Einkommen keine Sorgen machen. Sie ist festangestellte Redakteurin und Reporterin beim Fernsehsender RTL in Köln. Für den Monat Mai aber lebt sie im Auftrag ihres Dienstherren von 416 Euro im Monat in Chemnitz. Die Summe entspricht dem Hartz-IV-Regelsatz. Täglich berichtet Klouth im Fernsehen von ihren Erfahrungen mit dem knappen Budget.

Nun stellt sich die Frage, warum ausgerechnet Chemnitz ausgewählt wurde. Die Befürchtung, dass alte Klischees bedient werden sollen, liegt nahe. "Es geht uns nicht darum, Chemnitz als Hartz-IV-Stadt darzustellen", entgegnet Klouth. Ursprünglich sei geplant gewesen, einen Versuch in Berlin und einen auf dem Land zu starten. Dann sei aber schnell klar gewesen, dass die Wohnungsnot in Berlin zu groß sei. Denn vor allem die Wohnungen, die vom Amt bezahlt werden, seien in der Hauptstadt extrem knapp. "Wir wollten aber niemandem eine Wohnung wegnehmen", sagt die Reporterin. In Chemnitz dagegen gebe es diesen Mangel nicht und man sei schnell fündig geworden. "Es war mehr oder weniger Zufall."

Die gefundene Wohnung befindet sich an der Arno-Schreiter-Straße in Markersdorf. Dass ihr Experiment nicht ganz die Realität widerspiegelt, ist der 28-Jährigen klar. "Bei mir geht der Kühlschrank nicht kaputt und ich habe auch keine Kinder", sagt sie. Darum versucht sie, mit echten Hartz-IV-Empfängern ins Gespräch zu kommen. Sie war beim Jobcenter, beim Verein Neue Arbeit Chemnitz, im Sozialkaufhaus und bei der Tafel. Dort hat sie auch zwei Frauen kennengelernt, die sie gestern in ihre Wohnung eingeladen hatte. Mit Jacqueline Labinsky und Nicole Schreiter diskutierte sie über das Arbeitslosengeld II. Aus der Politik waren die Chemnitzer Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich (CDU) und Detlef Müller (SPD) eingeladen.

Bei ihren Recherchen hat Klouth zwei Knackpunkte ausgemacht: Ein Leben mit Hartz-IV sei hart, aber möglich. Jedoch führe es zur Ausgrenzung aus der Gesellschaft und es sei schwer, wieder in Arbeit zu kommen. Denn schon nach einem Jahr gelte man als langzeitarbeitslos und so jemanden stelle niemand gern ein, man sei einfach zu lange raus. Davon kann Nicole Schreiter ein Lied singen. Seit 2016 war sie arbeitslos, seit Anfang Mai hat sie einen neuen Job als Reinigungskraft. Gefunden habe sie den aber nicht übers Jobcenter. Dort habe man ihr, da sie alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Alter von 7 und einem Jahr ist, nichts anbieten können. Auch bei Bewerbungsgesprächen sei ihre Familiensituation immer Thema und Grund für Ablehnungen gewesen.

Jacqueline Labinsky ist Mutter von fünf Kindern. Zwei seien schon ausgezogen, ein Sohn, der jetzt volljährig sei und eigenes Geld verdiene, werde bald ausziehen. Auch sie habe die Erfahrung gemacht, dass es wegen der Kinder schwer sei, eine Arbeit zu finden. Und dann verlange der Arbeitgeber noch Auto und Führerschein.

Detlef Müller sieht das Problem nicht nur beim Staat, sondern auch bei den Arbeitgebern. Diese hätten sich jahrelang auswählen können, wen sie einstellen. "Da gehörten Mütter ohne Auto nicht dazu", so Müller. Auch da müsse sich etwas verändern. Heinrich fügte hinzu, dass gerade kleine Firmen lernen müssten, sich um die Arbeitslosen und nicht umgekehrt zu bewerben.

Dass Jacqueline Labinskys Sohn auszieht, liegt an der Bedarfsgemeinschaft, die sie mit ihm bildet. "Sein Gehalt wird von meinem Geld abgezogen", so die 44-Jährige. "Er würde für mich arbeiten, das kann doch nicht sein", sagte sie. Ebenfalls schwer begreifbar für sie: Auch das Kindergeld wird als Einkommen gewertet. Müller pflichtet ihr bei: "Das Kindergeld gehört nicht als Einkommen angerechnet."

Nicole Schreiter hat trotz des neuen Jobs noch Probleme mit dem Amt. Der erste Lohn werde Mitte Juni kommen. Doch das Jobcenter habe sofort, nachdem sie den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, die Zahlungen eingestellt. "Wovon soll ich bis Mitte Juni leben", fragte sie. Heinrich riet ihr, Widerspruch einzulegen. Doch Schreiter winkte ab. Dazu fehle ihr die Kraft, das habe sie schon so oft gemacht. "Die Ohnmacht gegenüber dem Amt kenne ich", sagte der Bundestagsabgeordnete. Denn in den 80er-Jahren habe er selbst mit seiner Familie über ein Jahr lang von Sozialhilfe gelebt. Einig waren sich alle Anwesenden, dass Anträge beim Jobcenter zu bürokratisch seien und zu lange dauerten. Heinrich und Müller sagten, CDU und SPD wollen die Formulare reduzieren.

Ebenfalls diskutiert wurde die Frage, ob der Hartz-IV-Satz erhöht werden müsste. Schreiter sagte, sie wünsche sich stattdessen eine Erhöhung des Mindestlohns, damit es sich lohne, arbeiten zu gehen. Auch Aufstocken trotz Arbeit sei keine Lösung. "Ich arbeite doch, um meine Familie zu ernähren und vom Staat loszukommen." Detlef Müller pflichtete ihr bei: "Der Mindestlohn müsste bei 12,50 Euro liegen."

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6Kommentare
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  • 4
    0
    1005
    26.05.2018

    Ralf66 kann ich voll und ganz beipflichten.Bei uns im Haus wohnt auch ein "Hartzer";welcher sich auf Kosten der Steuerzahler schon seit 20 Jahren ohne nennenswerte Arbeit vergnügt.Die Sommerzeit kostet er voll aus, abends kommt er quietschvergnügt und braungebrannt aus dem Garten.Faulheit läßt grüßen.
    Seine Gesundheit schont er und wird dabei noch steinalt,wobei Minijobber und Mindestlöhner beizeiten ins Gras beißen.

  • 7
    1
    ralf66
    24.05.2018

    Ich bin gespannt, wann hier mal ein Bericht steht von einer Familie, wo Mutter und Vater den ganzen Tag buckeln gehen, trotzdem ein Kind oder Kinder groß ziehen, die keine Gelder vom Staat bekommen, alle finanziellen Probleme selbst regeln müssen und über die nicht jeden Tag in den Medien, wie über die armen Hartzer debattiert wird ob das Geld nun reicht oder nicht, wie man zur Arbeit kommt und wieder nach Hause, wenn man das Kind in den Kindergarten schaffen kann und so weiter. Die Hartzer, die ich kenne, komme prima mit ihrem Leben klar und das schon über 20 Jahre ohne Arbeit, nach dem Motto: ''Rostig wird die Eisenbahnschiene wenn kein Zug darüber läuft, frostig wird des Hartzers Mine wenn er nicht mal einen säuft.''

  • 8
    3
    cn3boj00
    23.05.2018

    Allein die Tatsache, dass hier die Frage "wieso Chemnitz" im Mittelpunkt steht zeigt wieder einaml, dass den meisten die eigentlichen Probleme dank der Medien gar nicht bewusst sind. Es ist doch egal wo, die Frage ist doch, wozu die ganze Bürokratie um ein paar Almosen, die zum Sterben zu viel, zum Leben aber zu wenig sind? Wieso gibt der Staat Unsummen an Geld für Jobcenter aus, welche diesen Menschen nicht helfen können? Würde man das Geld direkt den Betroffenen als Grundeinkommen geben, ohne jede Bürokratie, und gkleichzeitig den Mindestlohn so anheben, dass ein Anreiz da ist, würde es vielen Menschen besser gehen. Die Leidtragenden sind sowieso immer die Kinder in diesen Familien, noch extremer die Kinder alleinerziehender (meist) Mütter. Dass die für etwas büßen müssen, wofür sie nichts können, ist ein Armutszeugnis. Aber uns ist es wichtiger über Ost West oder was weiß ich zu diskutieren. Und Abgeordnete der Regierungsparteien blubbern da was rum, ohne dass sich das geringste ändern wird.

  • 4
    3
    Interessierte
    23.05.2018

    Ich habe nichts von Dresden geschrieben , aber der ´Landeshauptstadt´ hätte das auch gut getan ....
    Das ist nicht nur eine Unterwanderung von westlichem Geschäftsgebaren , das ist zwischenzeitlich die reinste westliche Invasion , was hier im Osten unterwegs ist und uns bevormunden will und uns in die rechten Wege leiten will ...

  • 5
    1
    Nixnuzz
    23.05.2018

    @Interessierte: Warum Dresden? Ehrlich gesagt, ist das doch bei der Einzel- als auch der Gesamtsituation ziemlich wurscht, wo man gegen Windmühlenflügel ankämpfen muss. Dank der "Unterwanderung" durch westliches Geschäftsgebaren sind die funktionierenden Arbeits-Ausschlusskriterien für H4-Empfänger doch "international". Schätze nur, das die beiden eingebundenen Politiker im Treibsand der Parteien keinen Schritt für diese Menschen unternehmen können. Holt z.B. Fr. Nahles dazu, denn deren Argumentation ist doch immer gut für einen Sturm im Wasserglas. Aber vielleicht liegt das Heil in der Wahrnehmungsverweigerung solcher Lebensbedingungen, weil das die staatlichen Geldflüsse stören würde - egal wer die Hosen an hat.

  • 3
    5
    Interessierte
    23.05.2018

    Es gibt doch nicht nur Berlin ( Marzahn ) und Chemnitz , da gibt es doch auch noch Köln ...

    Oder auch im Ruhrgebiet oder in München und in Hamburg gibt es doch auch viele HartzIV-Empfänger ...
    Warum denn nun gerade Chemnitz , sonst werden doch auch immer die Vorzeigestädte im Westen ausgewählt ...

    Oder in Dortmund
    https://www.ruhrbarone.de/nirgendwo-ist-armut-so-unsichtbar-wie-in-dortmund/66106

    Oder im Asternweghttps://www.vox.de/cms/die-dokumentation-asternweg-eine-strasse-ohne-ausweg-2015-2231755.html



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