Chemnitz diskutiert: Auf ein Wort!

Friede, Freude - Pustekuchen. Beim ersten Gesprächsabend kommen die Teilnehmer nicht immer auf einen Nenner, aber dafür auf den Punkt. Und das kann helfen.

Chemnitz.

"Es ist eben so", sagt Katrin Muschert, die in einem Chemnitzer Brennpunkt ein Eiscafé betreibt: "Wir haben 35 bis 40 Leute, da sind 15 Nationen drunter. Meine ausländischen Mitarbeiter muss ich inzwischen beschützen, weil die offen angefeindet werden. Und was sich meine Mitarbeiter bei diesen Pro-Chemnitz-Demos anhören müssen, das ist unterste Schublade... Die erste Kündigung liegt auf dem Tisch, manche wollen wegziehen, weil sie sich in Chemnitz nicht mehr sicher fühlen. Das ist die eine Seite. - Und dann gibt es meine deutschen Mädels, die ich abends um zehn auch nicht mehr alleine nach Hause gehen lassen kann. Der Stadtpark, der Wall ..."

"Die Angst hat also zwei Dimensionen?" fragt Gunnar Bertram.


"Ja. Das wird alles in einen Topf geschmissen und umgerührt. Ausländische Kollegen, die arbeiten und Steuern zahlen, und die Problemleute, das sind zum Teil auch Ausländer, und es sind genug Deutsche dabei. Und das macht alles kaputt."

Katrin Muschert hat die volle Aufmerksamkeit der Runde, die in einer früheren Bedienstetenkammer der "Villa Esche" miteinander spricht. Zwei weitere Gesprächsrunden tagen unterm Dach, eine vierte im ersten Geschoss, eine fünfte im Saal "Stadtblick". Veranstalter: die "Freie Presse", Dauer: vier Stunden, Thema: städtische Sicherheit. Prominente Vertreter der Chemnitzer Zivilgesellschaft moderieren. Gunnar Bertram zum Beispiel ist der Vorstandschef der hiesigen Volksbank.

Muscherts Eiscafè "Cortina" ist in Chemnitz eine bekannte Adresse: Innenstadtlage, Straße der Nationen, der Rote Turm in Sichtweite, gegenüber der Stadthallenpark. Der Park hat eine tatsächliche und mediale Karriere als Kriminalitätsschwerpunkt hinter sich. Zeitweise galt ein Alkoholverbot, das war für die Anlieger eine ruhigere Zeit. Heute drücken sich dort wieder die "Bankangestellten" herum, wie Frau Muschert sie nennt, und es werden Drogen aus großen Taschen verkauft, wie sie beobachtet. Mehrmals täglich gebe es Polizeieinsätze. "Die Polizei macht einen Spitzenjob!"

Man müsse mehr durchgreifen, meint Ulrich Feiertag, ein Chemnitzer Ingenieur und freier Dozent, der von sich sagt, dass er "nach allen Seiten lese", auch nach weit rechts und weit links, Leserzuschriften verfasse, vieles für "übertrieben" halte und doch bestürzt sei von dem, was passiert. Sein Grundton ist ironisch - "Ich bin ja schon sechzig, ich muss abends nicht mehr raus!" Mit hintersinnigen Fragen treibt er die Diskussion voran. "Mehr Gesetzlichkeit, mehr Konsequenz, das richtet sich doch nicht gegen Flüchtlinge per se. Nutzt so etwas nicht allen, die sich positiv verhalten?"

Man soll sich in Chemnitz wieder wohlfühlen können, sagt Katrin Muschert, es soll wieder Spaß machen in der Stadt - und zwar jedem. Auch ihrem Restaurantleiter Fredj Chamakhi, der seit zwanzig Jahren hier lebt und in diesem Moment an einem anderen Tisch erzählt, wie er, seine Familie und seine drei Kinder permanent beleidigt werden, als Sozialschmarotzer beschimpft, am häufigsten übrigens von Rentnern. "Leider. Und ich sage das mit wirklichem Respekt vor dem Alter!"

Ein verlässliches Sicherheitsgefühl, glaubt die Betreiberin des Eiscafés, würde viele Probleme in Chemnitz lösen. Das findet breite Zustimmung, aber mit dem Sicherheitsgefühl ist das so eine Sache. "Es wäre ein abendfüllendes Programm, nach Altersgruppen aufgegliedert zu erläutern, wo die Ängste herkommen", sagt Uwe Reißmann, der frühere Chemnitzer Polizeichef, ein Mann wie ein Schrank von stoischer Ausstrahlung, der als Experte allen Workshops zur Verfügung steht. In einer aktuellen Veröffentlichung zur inneren Sicherheit in Sachsen legt der Leipziger Soziologieprofessor Kurt Mühler dar, dass so ein Sicherheitsempfinden nie das tatsächliche Kriminalitätsniveau widerspiegelt - eine Tatsache, die durch die Chemnitzer Erfahrungen bestätigt wird. Es gibt auch keinerlei Maß, wie hoch das Kriminalitätsniveau sein müsste, um einem wünschenswerten Sicherheitsempfinden zu entsprechen, schreibt Mühler. Vermehrte Anstrengungen in der Kriminalitätsbekämpfung führten nicht automatisch zur Verbesserung. Schon gar nicht lasse sich dieses Empfinden nur durch Worte und Appelle beeinflussen. Uwe Reißmann erklärt, dass der Stellenabbau der vergangenen Jahre bei der Polizei in Chemnitz mit der relativ niedrigen Kriminalitätsbelastung zusammenhing: "Da gingen im Bereich der Polizeidirektion 300 bis 400 Stellen weg, weil nur sehr einseitig auf die Straftaten geschaut wurde. Die beste Prävention ist aber die Präsenz uniformierter Kräfte in der Stadt, die zu Fuß unterwegs und für den Bürger ansprechbar sind!"

Bei "Chemnitz diskutiert" erläutert Reißmann mehrfach, dass aus polizeilicher Sicht "eine niedrige dreistellige Anzahl von Intensivtätern" für das verantwortlich sei, was den Frieden in der Stadt belaste. Wenn, wie angekündigt, der Stadtordnungsdienst und die Polizeipräsenz vor Ort bis nächstes Jahr aufgestockt werden, erwarte er Besserung. Auch die Videoüberwachung, ursprünglich in Bussen und Bahnen eingeführt, dann auf kritische Orte ausgedehnt, wirke positiv: "Das verhindert keine Straftaten, aber man kann sie leichter verfolgen. Und das hat vorbeugende Wirkung." Nachholbedarf sieht Reißmann bei der Justiz. Die Schwellen der Strafverfolgung seien in vielen Fällen zu hoch, den Tätern passiere nichts. "Das deutsche Recht ist alt und gut, aber es ist vom heutigen Deliktgeschehen bisweilen überfordert."

Es gibt Kräfte in der Stadt, die ungehindert davon profitieren, Ängste zu schüren und Gerüchte zu verbreiten. Das ist offensichtlich. Konstruktive Leute suchen nach verbindenden Interessen, egal, wo jemand politisch steht. Für Frieden und Sicherheit seien die meisten, daran lasse sich anknüpfen, glaubt Ralf Sippel, Geschäftsführer der Zebra-Werbeagentur und Moderator bei "Chemnitz diskutiert". Jeder sei gefordert, die Stadt ein Stück besser zu machen. "Respektvolles Verhalten, Aufrechterhalten des Dialogs, keinen Alltagsrassismus dulden, elementare Höflichkeit - das können wir tun. ,Arsch hoch' in der Straßenbahn, Platz anbieten, die alte Dame sitzt zuerst, wie wir das in der DDR gelernt haben. Da kommen wir doch her!" Schmunzeln im Raum.

Die Wahrnehmungen können freilich auseinanderklaffen. Was der eine gar nicht bemerke, das sei des anderen "autsch", sagt Sippel. Der Rentner Eckhard Lorenz kann lange über Dinge reden, die er in der Stadt gehört, im Café und in der türkischen Moschee beobachtet oder im Internet gelesen hat. Er äußert viele Bedenken. Übergriffige Ausländer, aggressive Reporter - im Disput mit dem Ministerpräsidenten Kretschmer rief er: "Die Presse lügt!" Die "Freie Presse" hat ihn trotzdem eingeladen, und er ist gekommen. Die Chemnitzer Ballettchefin Sabrina Sadowska, die aus der Schweiz stammt, hält ihm im Pausengespräch entgegen, dass sie eine gewisse Lust bei vielen Chemnitzern beobachte, das Haar in der Suppe zu suchen, alles schlechtzureden. "Ich wünschte mir, es gäbe mehr Studenten in der Stadt, junge und weltoffene Leute! 40.000 Studenten, das wären für 240.000 Einwohner doch nicht zu viel!" - "Aber keine Chinesen!" sagt Eckhard Lorenz sofort. "Die bauen uns dann alles nach und nehmen uns die Arbeitsplätze weg!"

Eckhard Lorenz beklagt, dass er viele Leute kenne, die sich abgehangen fühlen, politisch heimatlos. Ulrich Feiertag meint: "Wer mit der Praxis der Migration, wie sie sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat, nicht einverstanden ist, wer diese Politik ablehnt und vielleicht ein Punktesystem will wie in Australien oder Kanada, der kann doch gar niemanden anders wählen als die AfD. Wo sollen die denn sonst ihr Kreuz machen?"

Viele Diskussionsteilnehmer fragen sich besorgt, wo die "politische Mitte" bleibt, warum sich öffentlich vor allem die Ränder artikulierten. Und Wolfgang Reiter, 89 Jahre alt, ehemals Polizist und Gewerkschafter, sagt unter Tränen der Rührung: "Ich habe Angst vor einem neuen Faschismus, denn ich habe den alten noch erlebt. Und ich habe große Angst um die Ausländer in unserer Stadt. Sie kommen hierher, benehmen sich anständig, studieren, und sie pflegen uns - und werden dafür auch noch angepöbelt!"

Am Ende des Abends stehen eine Menge konkreter Vorschläge im Raum, wie Chemnitz sicherer und friedlicher werden kann. Und viele Teilnehmer bewerten das Gespräch als positive Erfahrung. Man konnte neue Sichtweisen kennenlernen und, wie es der Autor Jens Soentgen in einem Buch mit dem schönen Titel "Selbstdenken!" empfiehlt, sich womöglich nicht nur eine, sondern zwei Meinungen bilden. Denn die Wahrheit, schreibt Soentgen, werde von niemandem ganz erreicht, aber auch von keinem ganz verfehlt.

Eine gewisse Orientierungslosigkeit, was ist links, was ist rechts, was ist richtig, wie sie die Gesprächsteilnehmerin Ingrid Popp in ihrem Lebensumfeld wahrnimmt, habe auch ihr Positives, findet sie: "Wir sind auf der Suche. Das ist gut, und es geht nur im Gespräch."

Erst einmal sei alles aufgebrochen. Aber in dem Wort "aufgebrochen" steckt ja auch "Aufbruch" drin.

 

Chemnitz diskutiert: das Special mit allen Texten.

Kommentar von Chefredakteur Torsten Kleditzsch: Miteinander reden macht klüger

Bewertung des Artikels: Ø 4.2 Sterne bei 5 Bewertungen
5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    0
    DTRFC2005
    16.10.2018

    @Blackadder: Nun auch ich war da und zu Beginn sehr skeptisch, wo das ganze hin lief. Ich hatte im Vorfeld eine völlig andere Vorstellung von der Diskussionsrunde. Von den 15 per Los verfahren gezogenen Chemnitzern waren immerhin 12 anwesend. An unserem Tisch gab es unter den Teilnehmern auch fünf verschiedene Ansichten, was gut war. Jeder hat dem anderen zugehört und ihn ausreden lassen, was heute gar nicht mehr so selbstverständlich ist.Leider war die Zeit, die zur Verfügung stand viel zu kurz, so das man tatsächlich den Eindruck hätte haben können, der Moderator drängelt. Im Nach hinein war das auch richtig so, sonst hätte man sich in der Diskussion verloren und wäre zu keinem Punkt gekommen. In der kleinen Pause konnte man auch, wenn man es wollte, sich mit den anderen unterhalten, die nicht in der eigenen Gruppe waren. Gerade hier fand ich es sehr spannend, das man Menschen eben nicht vom rein äußeren beurteilen darf und ihn rein optisch in eine Ecke zu stellen versucht. Still zuhören hat oftmals gereicht, um den ersten Eindruck über Bord werfen zu können. Am Schluss als alle Gruppen ihre Ergebnisse präsentierten, kam eines sehr deutlich zum Ausdruck. Es waren sich alle Gruppen einig, das die neu dazugekommenen Bürger etwas zu tun bekommen sollten. Gerade für die Jungen Menschen ist das wichtig. Sie kommen nicht auf dumme Ideen. Aber dabei war es auch egal, ob es sich um Ausländer oder Nicht-Ausländer handelt. Was ebenfalls interessant war, das Angst und Unsicherheit sehr stark von außen regelrecht geschürt wird. Die Angst, die Ausländer umtreibt vor Ausgrenzung, Hass und Rassistischen Äußerungen hingegen war sehr deutlich spürbar, auch die Angst vor Rechten.Das war zumindest mein Eindruck. Es wäre schön, wenn es derartige Runden weiterhin gäbe und ein Feedback, was nun aus den Ideen wird, wäre ebenfalls sehr wünschenswert.

  • 4
    0
    cn3boj00
    08.10.2018

    Gerne oute ich mich als Teilnehmer und gebe noch paar eigene Eindrücke wieder. Es waren exakt 25 Leser, 10 wurden von der FP direkt angesprochen, 15 wurden unter Interessenten die sich gemeldet hatten ausgelost. Dazu 5 Moderatoren aus dem ööfentlichen Leben der Stadt, etwa 10 Presse-Leute, die nur protokollierten, und ein paar sogenannte Experten die man befragen konnte falss sie zufällig vorbeikamen. Im Folgenden kann ich nur für meine Gruppe sprechen:
    - Leider war die Frauenquote 0! Obwohl sich herauskristallisierte, dass das Problem der gefühlten Sicherheit vor allem Frauen betrifft.
    - Nur 1 von 6 (den Moderator eingeschlossen) Teilnehmer vertrat Positionen von AfD bzw. ProChemnitz, spiegelt nicht das Wählerpotenzial wieder.
    - Die Moderation war (bei uns!) schlecht, der Moderator hat sich zu sehr eingemischt und teilweise die Richtung vorgegeben, zu vie Zeit auf formale Dinge verwendet. Das geht besser.

    Als Fazit sehe ich trotzdem ein paar wichtige Aussagen. Eine davon habe ich unten erwähnt, wobei dies eher untergeordnet war, die Rolle des Staates wude gegenüber der Rolle des Individuums zu stark verdrängt.
    Interessant fand ich, dass alle 5 Gruppen unabhängig voneinander das Thema "Integration durch Beschäftigung" aufgegriffen haben. Denn unstrittig ist doch, dass allein die überproportionale Präsenz junger ausländischer Männer in Verbindung mit den steigenden Zahlen von Ausländerdelikten (unabhängig davon, ob sie von Asylbewerbern oder legalen EU-Ausländern ausgehen) die Sicherheitslage in ein so schlechtes Licht rückt.
    Und noch etwas ist mir aufgefallen: vermeintliche Experten versuchen immer wieder, herauszufinden was das für Menschen sind welche auf rechte Demos gehen. Dabei wird gern das Bild vom "abgehangenen Ossi" verwendet, der 28 Jahre nicht ernst genommen wurde. Das mag zum teil richtig sein, aber ich habe einigermaßen überrascht festgestellt, das auch jemand, der gebildet oder zumindest studiert ist (ist wohl nicht das gleiche), der 25 Jahre einen sehr gut nach Westtarif bezahlten Job hatte, nun über eine gute Rente verfügt, der also eindeutig zu den Gewinnern der Wende zählt, und persönlich kein einziges Mal bisher in eine bedrohliche Situation gekommen ist, zu Pro Chemnitz geht, weil sich die Ehefrau vor Kopftuchmädchen fürchtet. Nun grüble ich, wie das sein kann. Und mehr denn je komme ich zu dem Schluss, dass wir schon sehr stark in einer Propagandamaschine verfangen sind.

  • 3
    1
    Distelblüte
    08.10.2018

    @cn3boj00: Es wird ja nicht beim Reden bleiben. Und soweit ich das herausgelesen habe, waren ja nicht nur Leser der FP da und Bürger von Chemnitz, sondern auch Vertreter der Stadt, der Polizei usw.

  • 3
    1
    Blackadder
    08.10.2018

    Ich habe alle Gesprächsrunden sehr intensiv gelesen und fand viele verschiedenen Meinungen recht gut und gleichmäßig vertreten. Ich denke , die Auswahl spiegelt die Bevölkerung recht gut wieder. Mich würde mal interessieren, ob auch Kommentatoren hier aus dem Forum dabei waren? Vielleicht will sich ja einer outen?

  • 4
    0
    cn3boj00
    07.10.2018

    Selbst in 4 Stunden kann nicht alles angesprochen werden. Ich glaue z.B., dass es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der gefühlten Sicherheit und dem Vertrauen in die staatlichen Institutionen. Daraus könnte man eine Menge Maßnahmen ableiten, aber die "staatlichen Institutionen" müssten da mitmachen. Reden alleine reicht da garantiert nicht. Das ist wohl ein Kernproblem.



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