Chemnitz - eine Stadt auf der Suche nach Auswegen

Der gewaltsame Tod eines 35-Jährigen, Auseinandersetzungen in kaum gekanntem Ausmaß, verunsicherte Bürger - Chemnitz steht im Fokus wie noch nie. Am Donnerstag kommt der Ministerpräsident. Er will reden.

Nach den Chaos-Tagen von Chemnitz steht die Frage: Wie weiter? Welchen Weg sollte die Stadt jetzt gehen? Die "Freie Presse" hat nach Antworten gesucht.

Kultur & Sport: Ein Bündnis aus Kultureinrichtungen antwortet mit Musik. Unter der Schirmherrschaft der Chemnitzer Band Kraftklub werden an den kommenden vier Montagen Konzerte am Marx-Kopf stattfinden. Am kommenden Montag sollen ab 17 Uhr die Rapper Casper und Marteria dort auftreten. Die Konzerte sind kostenlos.

Christoph Dittrich, Generalintendant der Theater, appelliert an die Chemnitzer, sich auf den Zusammenhalt zu besinnen. Es müsse ein Zeichen gesetzt werden, als Vorbild könne der Friedenstag dienen. Mit einem hochgehaltenen Plakat sei es jedoch nicht getan. Es brauche Gemeinschaftserlebnisse, "um zu vermeiden, dass Leerräume entstehen, die von den Falschen besetzt werden", so Dittrich.

Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen, regt an, in einem öffentlichen Gespräch alle Bürger zum Austausch einzuladen, ohne Angst vor Meinungsäußerungen, aber unter Achtung grundlegender Menschenrechte, mit dem Ziel der Stärkung der Zivilgesellschaft. Es gelte, Modi zu finden, wie sich zivilisiert streiten lässt. Er überlege, einen künstlerischen Raum des Dialogs einzurichten. Dazu stehe er mit Künstlern in Kontakt.

Jan Kummer, Künstler und Vereinsmitglied des Klubs Atomino, mahnt zu Besonnenheit: "Ich denke, man ist gut beraten, alles erst einmal setzen zu lassen. Ein Großteil dessen, was sich derzeit abspielt, beruht auf einer Hysterie, die vor Jahrzehnten schon technisch bedingt noch gar nicht möglich gewesen wäre", so Kummer. "Das Falscheste wäre jetzt, sich ins Private zurückzuziehen. Man muss sich Gedanken machen, in welcher Stadt und in welcher Gesellschaft wir leben wollen - und was man selbst dafür tun kann."

Stadtsportbundpräsident Heiko Schinkitz hat nach eigenen Angaben am Montagnachmittag die Demonstration der Linken besucht und dort einige Sportler angetroffen. "Wir brauchen eine offene Stadt, um unserem Hobby nachgehen zu können", sagt Schinkitz, der für die Linke im Stadtrat sitzt. Die Vereine müssten noch mehr dafür einstehen, in internen Diskussionen mit den Mitgliedern als auch in der Kommunikation nach außen.

Kirche & Gesellschaft: Die evangelisch-lutherische Kirche will für Sonntag zu einer Kundgebung in der Innenstadt unter dem Motto "Wir in Chemnitz - aufeinander hören, miteinander handeln" aufrufen, sagt Frank Manneschmidt, seit Juni Superintendent des Kirchenbezirkes. Derzeit würden noch Partner gesucht. Die Kirche will um Gewaltlosigkeit, Respekt, Barmherzigkeit und Dialog werben. "Wir hoffen, damit jene Chemnitzer zu erreichen, die aus Angst vor Gewalt nicht an anderen Demonstrationen in der Innenstadt teilgenommen haben."

Tim Detzner, der Kopf hinter dem Bündnis "Chemnitz nazifrei", das die Gegendemo am Montag organisiert hatte, sagte, es komme jetzt darauf an, "die schweigende Mehrheit" zu mobilisieren. Am Montag waren rund 1500 Personen dem Aufruf des Bündnisses gefolgt. Man könne von Glück sprechen, das angesichts von 6000 Demonstranten am Marx-Kopf und zu wenig Polizei nicht noch mehr passiert ist. "Die Mitte der Gesellschaft traut sich nicht mehr raus", so Detzner. Der Freistaat müsse erst klarstellen, wer das Sagen auf den Straßen hat.

Sabine Kühnrich und Jürgen Tautz von der Arbeitsgemeinschaft Chemnitzer Friedenstag des Bürgervereins für Chemnitz sagen, die Mehrheit in Chemnitz habe geschwiegen. Dieses Schweigen müsse aufhören. Es könne nicht sein, dass Rufe nach Auschwitz und der Hitlergruß still hingenommen werden.

Kommunalpolitik: Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) hofft, dass es mithilfe der Zivilgesellschaft gelingt, den aktuellen Geschehnissen wieder andere Botschaften entgegenzusetzen "Im Moment geht es darum, all jene, denen etwas an Chemnitz liegt, in der Stadt zusammenzuhalten." Ihrer Ansicht nach gehe es nicht allein darum, den guten Ruf der Stadt wiederherzustellen, "sondern um viel tiefgründigere Themen." Hinter Aufforderungen rechter Gruppen zur Selbstjustiz stehe die Demontage des Rechtsstaates mit dem Ziel, andere Machtverhältnisse herzustellen.

Ines Saborowski, Stadträtin und Landtagsabgeordnete der CDU, sieht einen Bedarf nach neuen Formen des Dialogs. "Ich habe den Eindruck, vielen Menschen fehlt die Möglichkeit, sich zu artikulieren und auch gehört zu werden - und das nutzen die Rechten aus", sagte sie. Zudem halte sie eine klarere Positionierung von Flüchtlingsinitiativen für hilfreich. "Sie sollten sich deutlich von den Tätern distanzieren, die jene Ausländer in Misskredit bringen, die sich hier alle Mühe geben." Petra Zais, Stadträtin und Landtagsabgeordnete der Grünen, fordert Transparenz. "Wir brauchen eine neue Offenheit, die Probleme in der Stadt nicht verschweigt", so Zais.

Detlef Müller, Bundestagsabgeordneter und Chef der SPD-Ratsfraktion, hofft auf die Chemnitzer. "Die Facharbeiter, Krankenschwestern, Ingenieure müssen zeigen, dass das ihre Stadt ist, die hier in Verruf gebracht wird", so Müller. "Die demokratischen Parteien allein werden es nicht schaffen." Linke-Fraktionschefin Susanne Schaper und ihr Landtagskollege Nico Brünler waren wegen der Ereignisse vorzeitig von einer Reise aus Russland zurückgekehrt, um sofort Gespräche über das weitere Vorgehen zu führen. "Wir müssen wieder Frieden in die Stadt bringen", sagten sie.

Wirtschaft: Der Präsident des Industrievereins Sachsen 1828, Udo Bechtloff, sieht den Staat in der Verantwortung. "An bestimmten Stellen muss er Härte zeigen und darf sich nicht nur verteidigen, denn das wird sonst als Schwäche ausgenutzt." Das sei wie in einem Unternehmen. Es müssten klare Spielregeln aufgestellt werden, die einzuhalten sind. Für Bechtloff handelt es sich aber nicht um ein Chemnitz-Problem. "Das hätte auch in jeder anderen Stadt passieren können."

Sören Uhle, Chef der Wirtschaftsförderung CWE, sagt: "Die Ereignisse der vergangenen Tage sind eine absolute Katastrophe. Sie wirft Chemnitz in die Steinzeit zurück." Die Bemühungen der vergangenen 28 Jahre seien zunichte gemacht. Ähnliche Bedenken hat IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich. Der Imageschaden für Stadt und Region sei immens. Es werde schwieriger, Fachkräfte aus dem In- und Ausland zu gewinnen. Das Vertrauen bei nationalen und internationalen Kunden schwinde.


Kommentar: Image ruiniert

Chemnitz hatte sich auf den Weg gemacht. Auf den Weg, beachtet zu werden. Die Stadt ist interessanter geworden für Investoren, zum Beispiel aus der Wohnungswirtschaft. Längst abgeschriebene Ruinen werden plötzlich saniert, weil in der Industriestadt noch nicht alles ausgereizt ist. Ein bisschen hatten sich die Chemnitzer getraut, stolz zu sein. Selbstbewusstsein drückt die Bewerbung um den Kulturhauptstadt-Titel aus. Doch für diesen Optimismus hat es Jahrzehnte gebraucht. Und jetzt? Nach drei Tagen ist dieser Ruf ruiniert. Wer heute über Chemnitz redet, denkt an Gewalt, braunen Mob, überforderte Polizei. Es wird Jahre dauern, den riesigen Imageschaden zu reparieren. Die ersten Initiativen von Bündnissen, Kirche und Politik können nur ein Anfang sein.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 7 Bewertungen
13Kommentare
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  • 0
    1
    aussaugerges
    09.09.2018

    In Schweden ist der Teufel los da brennen ganze Straßenzüge.
    Die Wahlen werden ein Erdrutsch.

  • 0
    2
    aussaugerges
    07.09.2018

    Viele Kommis wurden seit Gestern als Lügen entlarvt, und vom MP richtig gestellt.
    Ordnungskäfte sind notorischen Störenfrieden auch mal hinterher gerannt, richtig.
    Und die dummen Heil Grüßer hat man geschnappt,richtig.

    Ich bin sehr froh das man uns Sachsen nicht so beschmutzen kann.
    Wie Spiegel und Co
    Danke Herr MP, das kam von Herzen das man gespüht.

    Es war wie das entfernen eines Fallbeiles für uns Sachsen.

  • 2
    1
    ralf66
    29.08.2018

    @Blackaader, dass ist doch so nicht richtig was Sie sagen, erstens sind die meisten Demonstrationen in Deutschland deren Themen u. a., die Ausländerkriminalität, die ungerechte Zuwanderung in die sozialen Systeme, der Raub und Diebstahl durch Ausländer, die allgemein steigende ungerechte Behandlung von Deutschen gegenüber Ausländern sind, die immer dem rechten Lager zugeordnet werden, obwohl es eigentlich immer mehr einfache besorgte Bürger sind, nicht gewalttätig und was läuft den jedes Jahr in Berlin, um den 1. Mai rum, von der linken Szene organisiert ab, die dreschen, schießen Pflastersteine auf Polizeibeamte und zünden Autos an, der G8 Gipfel in Hamburg, dort führten die Linken regelrechte Straßenschlachten gegen die Polizei und legten Feuer und randalierten übelst!
    Oder wollen Sie mir erzählen, dass die Mitglieder der AfD Bundestagsfraktion gewalttätig sind und deshalb mit ihnen im Bundestag keine normalen politischen Gespräche geführt werden können, nein dort sieht es anders aus, man will seitens der Altparteien mit der AfD keine normalen politischen Gespräche führen, die sollen dort als Volldeppen hingestellt werden, egal ob sie zu manchen Fragen recht haben oder nicht!

  • 5
    9
    Täglichleser
    29.08.2018

    Wollte in meinem Beitrag sagen, dass man ganz schnell, wenn man sich so ungeprüften Emotionen hingibt und in der grölenden Masse mitläuft. Selbst zur grölenden Masse wird. Vernunftmenschen machen das nicht. Vergleiche mit früher möchte ich
    nicht ziehen. Aber die Wirkungsweisen mit
    hinterherlaufen hatten wir vor 1945.
    Und dann gab es das böse Erwachen.
    Das sollten die politische Führung Sachsens ganz deutlich sagen.

  • 4
    8
    Blackadder
    29.08.2018

    @ ralf: Oh ich denke,die wissen genau,wem Sie hinterherlaufen. Da muss man nichts kleinreden. Und Menschen,die mit Gewalt versuchen,sich Gehör zu verschaffen, mit denen kann man keine normalen politischen Gespräche führen.

  • 8
    4
    ralf66
    29.08.2018

    @Täglichleser, es ist nicht gut, Menschen die man nicht kennt, denen den politischen Standpunkt abzuerkennen und zu erklären, sie irren ziellos umher und wissen nicht was sie tun und wem sie hinterherlaufen! So beseitigt man weder solche Probleme wie in Chemnitz, noch erkennt man die Sachlage richtig!

  • 7
    9
    Täglichleser
    29.08.2018

    Aber die neben dem stehen mit dem Hitlergruss sind nicht weit weg vom Hitlergruss. Die sind nicht distanziert
    von dieser Führer- oder Führunsgsmannschaft. Tut mir leid ohne eine genaue Kenntnis vom Tathergang zu
    haben, ist das bei mir nicht die Mitte der Bevölkerung. Besorgte Bürger? Aufgewiegelte Bürger eher, die nicht wissen, wem sie hinterherlaufen.

  • 11
    1
    ralf66
    29.08.2018

    In Deutschland ist es nach wie vor so, dass die politischen Zeichen der Zeit und die Ursachen von Gewalt nicht richtig erkannt werden. Es gibt keine öffentlichen Dialoge mit den unterschiedlichsten politischen Gruppierungen die meinen, in Deutschland läuft einiges schief, die auf fruchtbaren Boden stoßen würden und wenn dann so etwas von rechts passiert wie in Chemnitz, oder von links zum G8 Gipfel in Hamburg, wird eine wahnsinnige Bestürzung darüber zum Ausdruck gebracht, aber die Ereignisse werden völlig falsch und einseitig beurteilt! Am neuen mündigen politisch denkenden Bürger, dem man um keinen Preis Gehör schenken will, liegt es nicht! Und jetzt kann sich, wenn es denn gelingt, jeder selber seinen Kopf anstrengen, wo der Hund begraben liegt!

  • 11
    7
    SimpleMan
    29.08.2018

    @Zahlemann Hier noch einmal der Link zu einem Artikel zu der Demo am Montag. Schauen Sie sich doch die Bilder an. Sind das Teilnehmer eines Trauerzuges? Trauert man mit Pyrotechnik und Bier? Diese Menge dort war relativ homogen, da werden Sie nicht groß differenzieren können.
    https://www.freiepresse.de/nachrichten/deutschland/spontaner-aufmarsch-hunderter-menschen-beschaeftigt-chemnitz-artikel10296109
    Was glauben Sie eigentlich was passiert wäre, wenn die Polizei nicht dort gewesen wäre?

  • 11
    11
    Zahlemann
    29.08.2018

    @interessierterleser: Wieviel Migranten hat man denn erlegt bei dieser Jagt? Man hört nichts davon.
    Weil von 7500 Teilnehmern 10 Mann den Hitlergruß zeigten, sind dann alle 7500 Rechtsradikale Nazis?
    Hört man nicht immer von der anderen Seite, dass man die Dinge differenzieren sollte?

    Fangen sie doch mal an nach den Hintergründen zu suchen!

  • 19
    9
    interessierterleser
    29.08.2018

    @vomsdorf Trauer sieht anders aus. Wer trauert schlägt sich nicht, zeigt keinen Hitlergruss oder veranstaltet sogenannte „Migrantenjagden!“

  • 18
    16
    Täglichleser
    29.08.2018

    vorndorf genau die Aufregung. Für Rechte
    dürfte das gar kein Aufreger sein. Für die sind das doch Deutschlandrussen und Nachkommen von Vertragsarbeiter der DDR kriminelle Ausländer.
    Also ist das für die harte rechte Szene nur
    Anlass sich auszutoben. Und zur Tötung werden Krokodilstränen gedrückt.
    Und wieder lassen sich schlecht informierte "Normalbürger" vor den Karren
    spannen. Traurig!

  • 18
    20
    vomdorf
    29.08.2018

    Chemnitz hat also seinen Ruf ruiniert, weil Tausende auf die Straße gegangen sind, um einen Kubaner zu betrauern und sich solidarisch mit zwei verletzten Russen zu zeigen?



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