Chemnitz entwickelt sich zu Zentrum für autonomes Fahren

Mit einer Software für zentimetergenaue Satellitennavigation will die Firma Naventik den Markt erobern. Damit ist sie in guter Gesellschaft.

Chemnitz ist offensichtlich ein gutes Pflaster für Unternehmen, die sich mit Software und anderen Komponenten für autonomes, also fahrerloses Fahren beschäftigen. Mindestens sechs Firmen, die auf diesem Gebiet aktiv sind, mit zusammen mehreren Hundert Arbeitsplätzen haben sich in der Stadt angesiedelt. Bei dieser Entwicklung vorne dabei zu sein, passe zur Chemnitzer Automobiltradition, sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig und kündigt an, die Stadt werde die Beteiligten unter anderem durch den Ausbau des Breitbandnetzes unterstützen. Albrecht Bochow vom Berliner Risiko-Kapital-Investor GPS Ventures lobt, Chemnitz besitze ein "funktionierendes Ökosystem" von Universität, Stadt und Volkswagenkonzern. Aus internationaler Sicht sei es überhaupt kein Problem, wenn aufstrebende Unternehmen ihren Sitz hier und nicht etwa in Berlin haben.

"Wir können uns nicht dagegen wehren, das autonome Fahren wird Realität", sagt Peter Kalinowski, einer der Gründer des jungen Chemnitzer Softwareunternehmens Naventik. Gemeinsam mit den drei Mitgründern Michael Jüttner, Robin Streiter und Sven Bauer will er ein wichtiges Puzzleteil zu den fahrerlosen Autos beisteuern: eine Software für zentimetergenaue Satellitennavigation, die Pathfinder, deutsch Pfadfinder, heißt.

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"Heutige Navigationsgeräte kündigen dem Fahrer an, dass er ,demnächst' abbiegen soll. Für autonome Fahrzeuge müssen solche Angaben viel genauer sein", erklärt Kalinowski. Erschwert werde die Übermittlung exakter Daten aus dem Weltraum aber durch viele Fehlerquellen an der Fahrbahn, wie Hauswände oder große Fenster, von denen die Signale reflektiert und abgelenkt werden. Jüttner, Streiter und Bauer, die aus Lichtenstein, Stendal und Dresden stammen, hatten bereits als wissenschaftliche Mitarbeiter der Professur für Nachrichtentechnik der Technischen Universität Chemnitz begonnen, an einer Software zu forschen, die diese Fehlerquellen korrigiert und sich zudem direkt in die Steuergeräte von Fahrzeugen integrieren lässt. "Das bringt enorme Kostenvorteile", sagt Kalinowski, der aus Zwickau kommt und an der Chemnitzer TU Wirtschaftswissenschaften studiert hat.

2016 haben die vier Studienfreunde Naventik gegründet. Finanziell unterstützt wurden sie dabei vom Technologiegründerfonds Sachsen und GPS Ventures. Prototypen ihrer Software werden inzwischen von großen deutschen und US-amerikanischen Herstellern in Testfahrzeugen auf abgesperrten Strecken wie dem Lausitzring erprobt, erzählt Kalinowski.

Ihr erstes Büro hatten die vier Gründer im Kellergeschoss der Möbelgalerie Tuffner, einer früheren Zwirnfabrik. Mit inzwischen 13 Mitarbeitern war es dort aber zuletzt eng geworden. Vor wenigen Tagen konnte Naventik die komplette vierte Etage in Besitz nehmen, die durch den Umzug des Kommunikations-Softwareunternehmen Staffbase in den Gewerbepark Wirkbau frei geworden war. Bis Ende dieses Jahres soll die Anzahl der Mitarbeiter, die größtenteils Programmierer sind, dort auf 20 anwachsen. Ein Wegzug aus Chemnitz sei nie erwogen worden, sagt Kalinowski. Der Standort mit den am gleichen Ziel arbeitenden Firmen passe einfach.


Professur für Nachrichtentechnik der Technischen Universität als Sprungbrett

Intenta: 2011 aus der Professur für Nachrichtentechnik der TU Chemnitz heraus entstanden, beschäftigt Intenta heute insgesamt rund 170 Mitarbeiter in Chemnitz und Ingolstadt. Entwickelt wird unter anderem Software für autonomes Fahren.

Baselabs: Auch Baselabs ist als Start-up aus der Professur für Nachrichtentechnik der TU Chemnitz hervorgegangen. Das 2012 gegründete Unternehmen mit derzeit 50 Mitarbeitern entwickelt Software für autonomes Fahren.

Fusion-Systems: Das Unternehmen wurde 2005 als Start-up aus der Professur für Nachrichtentechnik der TU Chemnitz heraus gegründet und beschäftigt heute mehr als 60 Mitarbeiter. Zu den Arbeitsfeldern gehört die Fahrzeugumfelderfassung.

FD-Tech: Fünf erfahrene Führungskräfte der Branche haben FD-Tech 2017 gegründet. Inzwischen zählt das Unternehmen mehr als 50 Mitarbeiter, die in Chemnitz, München und Wolfsburg an Funktionen für Fahrerassistenzsysteme, automatisiertes und autonomes Fahren arbeiten.

IAV: Die Berliner Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV) beschäftigt an ihrem Standort Chemnitz/Stollberg mehr als 800 Mitarbeiter. Eines der Entwicklungsthemen ist das autonome Fahren. (mib)

Bewertung des Artikels: Ø 3.5 Sterne bei 2 Bewertungen
3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    5
    cn3boj00
    05.02.2019

    Chemnitz war schon immer innovativ, wenn es ums Automobil ging. Man denke an die Auto Union oder den Elektro-Barkas der TH. Um so bedauerlicher, dass das Pilotprojekt mit dem autonomen Kleinbus nun in Hamburg läuft, weil man sich über Fördermittel nicht einig werden konnte und Herr Dulig nicht verstanden hat wie man diesen Vorteil der Sachsen entsprechend präsentiert.
    Autonomes Fahren wird kommen. Besnders in der Güterbeförderung, auch im Personenverkehr. Ob es sich im Individualverkehr durchsetzt bleibt aber fraglich. Denn wozu sollte ich noch ein eigenes Auto haben, wenn ich mich bloß hineinsetze und fahren lasse?

  • 7
    0
    Hankman
    05.02.2019

    "Wir können uns nicht dagegen wehren, das autonome Fahren wird Realität." Ich finde es gut, dass auf diesem Gebiet geforscht und getestet wird - aber bislang sehe ich autonome Fahrzeuge erst mal nur in der Nische. Es ist technisch und rechtlich noch so viel ungeklärt. Was ich mir am ehesten vorstellen könnte, ist autonomes Fahren auf der Autobahn. Aber in der Stadt? Das sehe ich noch in weiter Ferne. Es geht auch nicht nur darum, ob die technischen Systeme funktionieren - damit sie massenhaft Anwendung finden, müssen sie auch bezahlbar sein. Auch da ist noch ein weiter Weg zu gehen.

  • 8
    6
    Einspruch
    05.02.2019

    Ich weis ja nicht, wie es andere sehen, aber für mich wäre autonomes Fahren ein Grund, das Auto nicht zu kaufen. Das ist wie Bus fahren, aber die letzte Verantwortung soll ich dann plötzlich übernehmen beim Steuern, wenn ich vom lesen aufschaue und es wird brenzlig.



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