Chemnitz im Ausnahmezustand - Der Tag nach dem tödlichen Messerangriff

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen und dem vorzeitigen Abbruch des Stadtfestes haben am Montag rechte und linke Gruppierungen im Zentrum demonstriert. Die zwei Lager provozierten, die Polizei fuhr mit Wasserwerfern auf.

13.02 Uhr: Im Rathaus tritt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig vor Kamerateams aus ganz Deutschland. Sie drückt der Familie des Mannes, der in der Nacht zu Sonntag bei einem tödlichen Streit ums Leben kam, ihr Mitgefühl aus. Zugleich ruft sie zur Besonnenheit auf. Auf die Frage eines Reporters stellt sie klar, dass Chemnitz auch künftig Stadtfeste feiern wird. Sie gehe aber davon aus, dass die Polizei sich in Zukunft anders aufstellen werde. Nach einem Aufruf rechter Fußballfans waren am Sonntag bis zu Tausend Menschen Parolen skandierend durch die Innenstadt gezogen.

13.58 Uhr: Die Staatsanwaltschaft beantragt gegen einen 23-jährigen Syrer und einen 22-jährigen Iraker Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags. Zwei Stunden später werden die Haftbefehle erlassen. Beide sind dringend verdächtig, am Sonntag, gegen 3Uhr auf der Brückenstraße nach verbaler Auseinandersetzung mehrfach mit einem Messer auf einen 35-jährigen Deutschen eingestochen zu haben. Er erlag seinen schweren Verletzungen.

14.30 Uhr: Einige Innenstadt-Geschäfte kündigen an, früher zu schließen, darunter der türkische Imbiss sowie der Biomarkt an der Straße der Nationen. In der Galerie Roter Turm wird an der Öffnungszeit bis 20 Uhr festgehalten, dafür das Sicherheitspersonal aufgestockt.

15.30 Uhr: Mehr als 100 Menschen nehmen an einem ökumenischen Gottesdienst in der St.-Jakobi-Kirche teil, darunter Stadträte und Abgeordnete von Bundes- und Landtag. Superintendent Frank Manne- schmidt sagt mit Blick auf die angespannte Situation in der Stadt, man bitte um Gottes Beistand und sei mit denen, die trauern. "Wir sind zornig, aber auch erschrocken", äußert ein anderer Geistlicher.

16.05 Uhr: Die Stadt hat beide angemeldeten Demonstrationen genehmigt. Die Kundgebung im Stadthallenpark verantwortet das Bündnis "Chemnitz nazifrei", die am Karl-Marx-Monument eine Privatperson aus dem Umfeld der rechtspopulistischen Vereinigung Pro Chemnitz. Diese Anmeldung umfasst auch einen Aufzug durch die Innenstadt. Die durch das Stadtfest ohnehin eingerichtete Sperrung der Brückenstraße bleibt bestehen.

16.15 Uhr: Ein Sprecher der Bundespolizei am Bahnhof sagt, es gebe keine genauen Erkenntnisse darüber, wie viele Demonstranten anreisen. Mittlerweile stehen vier Mannschaftswagen auf dem Bahnhofsvorplatz. Bundespolizisten mit Schlagstock und Helm patrouillieren.

16.40 Uhr: Im Hauptbahnhof schließen aus Sicherheitsgründen einige Geschäfte.

17.16 Uhr: Im Stadthallenpark haben sich mehrere hundert, überwiegend junge Leute versammelt. Die Stimmung ist ruhig, friedlich. Dutzende Polizeiautos beziehen im Stadtzentrum Stellung. An der Brückenstraße - dort, wo sich die Messerstecherei ereignet hat - werden Kerzen angezündet. Trauernde, darunter Arbeitskollegen des Opfers, legen schweigend Blumen nieder.

17.30 Uhr: Am Bahnhof kommen Demoteilnehmer des linken Spektrums aus Leipzig an. Die Bundespolizei spricht von 250 Personen, darunter 50, die der gewaltbereiten Szene zuzurechnen sind. Die Polizei begleitet sie ins Zentrum. Tim Detzner, Stadtchef der Linken, spricht vor mindestens 1000Teilnehmern im Stadthallenpark. Er verurteilt die Gewalttat gegen den 35-Jährigen "aufs Schärfste" und erhält Applaus. Laut Detzner hat Chemnitz eine seit Jahrzehnten gefestigte Naziszene, aber die Ereignisse vom Sonntag hätten eine neue Qualität gezeigt.

18 Uhr: Es kommt zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten am Marx-Monument. Linke haben versucht, ein Transparent vom Marx-Kopf herunter zu reißen. Drauf steht das Zitat des Erzgebirgsdichters Anton Günther: "Deitsch un frei woll'n mer sei". Die Polizei ist eingeschritten, das Transparent hängt wieder. Beamte stellen eine Mauer zwischen Stadthallenpark und Marx-Monument.

18.25 Uhr: Am Marx-Kopf stehen mehrere Hundert Personen. Darunter sind Anhänger der AfD, der rechtsextremen Partei III.Weg und der NPD anhand ihrer Plakate und T-Shirts auszumachen. Die Atmosphäre ist aufgeheizt. Auf einer rund 100Meter langen Wäscheleine hängen ausgedruckte Presseberichte, die Verbrechen von Migranten dokumentieren sollen.

18.40 Uhr: Die Gruppen versuchen, sich mit Sprechchören zu übertönen. "Nazis raus" und "Nationalismus raus aus den Köpfen" tönt es aus dem Park; "Merkel muss weg" und "Lügenpresse" vom Marx-Kopf.

19 Uhr: Wegen der großen Zahl der Demonstranten am Marx-Kopf - inzwischen sind es mehrere Tausend - brauchen die Organisatoren mehr Ordner als gedacht. Erst wenn sich weitere 50 Ordner melden, wird die Demonstration freigegeben.

19.20 Uhr: Auf der Kundgebung des rechten Lagers halten unter anderem Martin Kohlmann und Robert Andres von der rechtspopulistischen Vereinigung Pro Chemnitz Ansprachen. Der Platz vor dem Marx-Kopf ist mittlerweile überfüllt. Beobachter sprechen von der größten Demonstration des rechten Spektrums seit vielen Jahren in Chemnitz. Kohlmann kritisiert Angela Merkel und Barbara Ludwig für ihre Migrationspolitik scharf.

19.40 Uhr: Kohlmann kündigt weitere Protestaktionen für Donnerstag am Rande des Sachsengesprächs an. Dann sind Ministerpräsident Michael Kretschmer, mehrere Minister und Oberbürgermeisterin Ludwig im Stadion zu Gast.

19.55 Uhr: Es kommt zu Scharmützeln zwischen Linken und Rechten. Gegenstände werden in die Demonstration des rechten Lagers geworfen. Die Polizei geht dazwischen. 20 Uhr: Rechte werfen Böller in die Reihen der Linken. Wasserwerfer rücken an der Zufahrt am Terminal3 an. Raketen und bengalische Feuer fliegen in Richtung der Gegenkundgebung. Die Polizei droht mit dem Einsatz der Wasserwerfer.

20.10 Uhr: Einige Rechte stürmen in Richtung Terrasse des Terminal 3, um Gegendemonstranten Angst einzujagen. Diese flüchten, es kommt zu kurzen Handgreiflichkeiten.

20.12 Uhr: Die Polizei riegelt den Wall ab, um Konfrontationen zu vermeiden. Über der Stadt kreist ein Polizei-Hubschrauber.

20.18 Uhr: Der Demonstrationszug startet. Anwohner schauen aus den geöffneten Fenstern zu. Die Menge skandiert "Schließt euch an".

20.26 Uhr: Der Demo-Zug erreicht den Falkeplatz, der nahezu voll gesperrt ist. Mehrere Straßenbahnen stehen still, auch an der Annaberger Straße. Der Innenstadtring ist komplett gesperrt.

20.36 Uhr: Die Spitze des mehrere hundert Meter langen Zuges erreicht die Zenti, das Ende ist noch am Falkeplatz. Die Polizei riegelt die Zugänge zur Innenstadt ab.

20.45 Uhr: Auf Höhe der Zentralhaltestelle sind Sprechchöre von Linken zu hören. Die Polizei leitet den Demonstrationszug auf die Gegenseite der Bahnhofstraße.

21 Uhr: Die Gegendemonstranten verlassen das Veranstaltungsgelände und werden von der Polizei begleitet. Regisseurin Emily Atef hat ihre Teilnahme bei den Filmnächten auf dem Theaterplatz abgesagt. In einer vor der Vorführung des Films "3 Tage in Quiberon" verlesenen Erklärung begründet die Künstlerin mit iranischen Wurzeln ihre Entscheidung mit Sicherheitsbedenken.

21.05 Uhr: Am Ende der Abschlusskundgebung am Marx-Kopf mit etwa 5000 Teilnehmern wird die Nationalhymne gesungen. Die Menge skandiert "Wir kommen wieder."

21.26 Uhr: An der Ecke Zschopauer Straße/Bahnhofstraße gibt es Tumulte zwischen linken und rechten Gruppen. Die Polizei riegelt den Zugang zur Bahnhofstraße ab, weil dort die Linken in Richtung Bahnhof gehen. Einige Rechte wollen eine Abkürzung nehmen und den Linken offenbar auflauern.

21.40 Uhr: Die Polizei hat die Wasserwerfer zum Bahnhofsvorplatz gefahren, um die Abreise der Demo-Teilnehmer abzusichern. Die Lage ist ruhig.

21.45 Uhr: Wie am Vorabend ist die Polizei offenbar nicht in jeder Situation Herr der Lage gewesen. Ein Sprecher räumt ein: "Wir waren mit zu wenigen Beamten da." Die Polizei habe laut angekündigter Teilnehmerzahl - maximal 1000 am Marx-Kopf, einige Hundert im Stadthallenpark - geplant. Auf beiden Seiten sind es deutlich mehr gewesen. Durch die Mobilisierung über soziale Netzwerke sei schwer abzuschätzen, wie viele Leute kommen.

23 Uhr: In der Stadt heulen noch immer die Sirenen.

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