"Chemnitz kann Erdgeschichte erzählen"

Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt muss am 30. September abgegeben werden. "Freie Presse" fragt Chemnitzer, welche Veränderungen sie sich davon erhoffen und welche konkreten Projekte sie sich wünschen.Heute: Thorid Zierold, Kustodin im Naturkundemuseum.

Freie Presse: Sie haben drei Jahre lang in der englischen Stadt Kingston upon Hull gelebt. Sie war englische Kulturstadt 2017. Der Wettbewerb im Vereinten Königreich ist angelehnt an den der Europäischen Kulturhauptstädte. Wurden da Erinnerungen wach, als Sie hörten, dass Chemnitz Kulturhauptstadt werden will?

Thorid Zierold: Ja. Die Städte sind sehr vergleichbar. Deshalb dachte ich mir, dass das etwas Gutes für Chemnitz sein könnte.

In wiefern sind sie vergleichbar?

Es ist eine mittlere Industriestadt, geprägt von Wohnungsleerstand, hat eine Technische Universität und kulturelle Einrichtungen, vergleichbar mit denen in Chemnitz. Außerdem ist es eine Stadt, von der man aus englischer Perspektive heraus niemals erwartet hätte, dass sie sich dafür bewirbt. Ich empfinde das hier auch so, dass die Menschen in Sachsen oder vielleicht Deutschland denken: "Ach, was soll denn jetzt Chemnitz Kulturhauptstadt werden?!"

Waren Sie seitdem mal in Hull?

Nein, leider nicht. Aber ich habe mit ehemaligen Kollegen gesprochen. Sie berichteten mir, wie sich die Stadtkultur entwickelt hat, was man vorher nie erwartet hätte. Die Innenstadt lebt jetzt. Vorher war das eine Meile mit vielen Autos. Sie wurde zur Fußgängerzone umgestaltet, sodass man wunderbar schlendern und in Straßencafés sitzen kann.

Was ist für Sie ein Defizit in Chemnitz, von dem Sie sich wünschen, dass es sich durch die Kulturhauptstadt verbessert?

Ich würde mir wünschen, dass vieles, was noch im Verborgenen schlummert, sichtbar gemacht wird. Durch die verschiedenen Aktionen, die es jetzt schon gegeben hat, bin ich mit vielen Akteuren der Stadt in Verbindung gekommen und habe oft gesagt: Boah, das hätte ich nicht gedacht, dass das in Chemnitz existiert. Wir haben zum Beispiel im Rahmen unserer Sonderausstellung über das Mineral Amethyst erfahren, dass es in Chemnitz ein Denkmal zur Industriegeschichte gibt. Dort ist auch der Amethyst mit verarbeitet. Es befindet sich hinter dem Marx-Kopf, eingemauert, sichtbar für niemanden. Zum Kosmos-Festival haben wir mit einer Veranstaltung darauf aufmerksam gemacht.

Sie meinen das Mosaik aus dem ehemaligen Forum-Gebäude?

Ja. Da sieht man, dass sich die Bevölkerung dafür interessiert. Und das war witzig, denn wir hatten uns vor allem auf die Zielgruppe ab 50 Jahren eingestellt. Aber es waren sehr viele junge Leute, auch von außerhalb, die etwas darüber wissen wollten und sagten: Das ist ein Kulturdenkmal, das muss man erhalten.

Sie sprechen von Dingen, die im Verborgenen liegen. Damit beschäftigen Sie sich ja auch beruflich. Gibt es unter der Erde Dinge, die Chemnitz als Kulturhauptstadt qualifizieren?

Natürlich. Wir hatten schon viele Gäste aus dem In- und Ausland bei uns und die knien nieder vor dem Versteinerten Wald und den Funden, die wir in den vergangenen zehn Jahren gemacht haben. Leider kommt das in der Öffentlichkeit nicht richtig an. Es gibt Umfragen, ob die Chemnitzer wissen, wo das Museum für Naturkunde ist. Und leider fällt ein Großteil davon negativ aus. Für uns ist das dramatisch, weil wir am Museum keine Öffentlichkeitsarbeit haben, im Gegensatz zu anderen, finanziell besser ausgestatteten Häusern. Da wünsche ich mir im Hinblick auf die Kulturhauptstadtbewerbung eine Gleichbehandlung der Museen. Es gibt auch andere kleinere Museen in der Stadt, die unterrepräsentiert sind. Es könnte eine viel schönere Synergie geben zwischen Technik, Natur und Kunst, wenn man die Gemeinschaft der Museen, Gedenkstätten und Archive der Stadt ausnutzt.

Sie haben Funde angesprochen. Welche denn zum Beispiel?

Chemnitz hat ein unheimliches Potenzial, Erdgeschichte zu erzählen. Und das Thema ist momentan absolut in. Die Fundstätte an der Autobahnanschlussstelle A 4 in Glösa erzählt uns viel über eine Zeit namens Karbon. Von dort stammt der älteste Saurier, der in Deutschland jemals gefunden worden ist. Die Stelle erzählt aber auch von Haien. Und zwar befand sich dort, wo heute die Autobahnauffahrt ist, ein Flachwasserbecken, in dem Schachtelhalme gewachsen sind. Daran waren die Eier von Haifischen festgedrillt. Die Weibchen haben sie abgelegt und sind wieder ins offene Meer hinausgeschwommen. Die jungen Haie haben sich im Flachwasserbecken entwickelt. Quasi wie in einer Kindertagesstätte.

Und dann ist da noch der Versteinerte Wald ...

Er berichtet über die Zeit des Perms. Das war vor etwa 291 Millionen Jahren. Und mit den Ausgrabungen an der Frankenberger Straße haben wir absolut neue Sachen entdeckt - neben Pflanzen erstmals auch Saurier, Spinnen, Skorpione, Hundertfüßer. Jetzt können wir diesen Lebensraum vor 291 Millionen Jahren wirklich eins zu eins rekonstruieren. Diese Zeit ist so spannend, weil die Polkappen noch mit Eis bedeckt waren und sich eine Klimaerwärmung andeutete, so wie heute. Wir untersuchen, welche Strategie, welcher Typ von Pflanze sich durchgesetzt hat, wie die Tiere damit klargekommen sind. Die Ergebnisse können wir auch für heutige Szenarien mit heranziehen.

Wie erleben Sie Chemnitz?

Chemnitz ist für mich Entspannung und Inspiration zugleich. Die Inspiration habe ich so richtig bei den zwei Hutfestivals und beim Kosmos gespürt. Wie viele kleine Vereine und Organisationen mit nix ganz viel auf die Beine stellten, war bemerkenswert. Das finde ich spannend und ich sehe Parallelen zu Hull. Das war dort ähnlich, dass die Bevölkerung so motiviert war und sagte: Wir wollen was bewegen. Lasst uns nicht so viel reden, sondern einfach machen.

Was müsste sich noch ändern in Chemnitz?

Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute abends in die Stadt gehen. Wir überlegen zum Beispiel, den Versteinerten Wald im Tietz mit verschiedenen Lichtszenarien und musikalisch in Szene zu setzen, sodass er wirklich zu einem Treffpunkt wird. Dazu gehört allerdings auch Mut von den Verantwortlichen, das zuzulassen. Wenn man in der Innenstadt wohnt, sollte man sich dessen bewusst sein, dass Festivals und Veranstaltungen auch nach 21 Uhr stattfinden. Nix ist schlimmer, als mit Gastforschern abends durch eine Stadt zu gehen, in der Totenstille herrscht. Ich wünsche mir, dass sich der Chemnitzer noch mehr für kulturelle Events öffnet, dass er sich mit Nachbarn trifft, die Innenstadt mit Leben erfüllt und sich der Stärken unserer Stadt bewusst wird. Die Highlights unserer Stadt bedürfen größerer Wertschätzung.

Hat sich durch den Bewerbungsprozess schon etwas verändert?

Für uns als Museum ja, denn wir werden politisch anders wahrgenommen. Das Thema kulturelle Bildung wird zukunftsweisend entwickelt. Es sind verschiedene Arbeitsgruppen gebildet worden und es wird versucht, miteinander ins Gespräch zu kommen. Der kostenfreie Eintritt zum ersten Freitag im Monat, das Freiticket für Chemnitzer Studenten sind wegweisende Entscheidungen der Verwaltung.

Weitere Interviews der Reihe "Chemnitz 2025" finden Sie im Internet unter www.freiepresse.de/chemnitz2025


Thorid Zierold

Die stellvertretende Direktorin des Museums für Naturkunde stammt aus Cämmerswalde im Erzgebirge. In Freiberg studierte sie Geoökologie. Dort und im englischen Kingston upon Hull promovierte sie im Fach Biologie. In Hull arbeitete sie an der Uni als Wissenschaftlerin. 2007 folgte sie dem Ruf ans Museum nach Chemnitz. Aktuell entwickelt sie die neue Dauerausstellung. Damit soll sich der Stadtrat Ende 2019 befassen. (jpe)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    1
    701726
    13.09.2019

    Ja unsere Heimatstadt ist etwas besonderes, aber leider bringen wir es nicht richtig zu Geldung. Chemnitz steht immer im Schatten , dabei leben und lebten hier ganz wunderbare Menschen.
    Wenn Chemnitz zur Zeit immer in den Medien angegriffen und schlecht gemacht wird, würde ich mir wünschen das mal richtig auf den Tisch gehauen wird (Symbolisch) ich habe solche Wut wenn auf uns Chemnitzer so rumgetrammelt wird.
    Chemnitz ist es wert Kulturhauptstadt zu werden.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...