Chemnitzer Bauhaus-Vertreterin erfährt weitere Würdigung

Das Elternhaus von Marianne Brandt ist jetzt einer von 15 sächsischen Frauenorten. Doch der Künstlerin werde in ihrer Heimatstadt noch lange nicht genug Ehre zu teil, finden Experten.

Kaßberg.

Ihre Arbeiten sind in großen Museen rund um den Erdball zu finden, in den aktuellen Ausstellungen zum Thema 100 Jahre Bauhaus-Gründung wird Marianne Brandt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Schule genannt. Doch in ihrer Heimatstadt Chemnitz finden sich nur wenige Spuren von ihr. Die kurze Marianne-Brandt-Straße führt zu ihrem Elternhaus an der Heinrich-Beck-Straße. Darin hat die Marianne-Brandt-Gesellschaft ihren Sitz und Besucher können neu gestaltete Arbeitsräume besichtigen. Im Industriemuseum finden sich einige wenige Exponate von Brandt und auf dem Nikolaifriedhof erinnert eine Stele an die Frau, die am 1. Oktober 1893 in Chemnitz geboren wurde und 1983 in Kirchberg verstarb.

Jetzt ist eine weitere Ehrung hinzugekommen. Am Dienstag hat der Verein Landesfrauenrat Sachsen eine Tafel an Brandts Elternhaus angebracht, die es zum Frauenort macht. Damit will der Verein die vielfältige Frauengeschichte Sachsens sichtbar machen. Seit 2016 wählt ein Fachbeirat Frauenpersönlichkeiten aus, die Sachsen auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen mitgeprägt haben. 15 solcher Orte gibt es mittlerweile im Freistaat, drei davon in Chemnitz. Neben Brandt werden Minna Simon und Marie Luise Pleißner geehrt.

Beim Gedenken rund um die Bauhaus-Gründung vor 100 Jahren sei bei der Würdigung von Frauen noch Luft nach oben, sagte Jessica Bock vom Landesfrauenamt am Dienstag. Jörg Feldkamp, Vorsitzender der Marianne-Brandt-Gesellschaft, wies auf die tiefen Einschnitte und Schicksalsschläge hin, von denen Brandts Leben geprägt war. Für ihn sei darin der Grund dafür zu suchen, dass Brandt in der zweiten Hälfte ihres Lebens nicht mehr an die Erfolge aus der Bauhauszeit anknüpfen konnte.

Marianne Brandt hatte mit Zeichnen und Malen begonnen. Als sie aber ins Bauhaus eintrat, verbrannte sie alle ihre Bilder. Am Bauhaus fertigte sie als Studentin Werkstücke wie das silberne Teeextraktkännchen, das heute noch als Design-Klassiker gilt. Später leitete sie die Metallwerkstatt. Doch der Nationalsozialismus brachte ihre Karriere zu einem jähen Ende. Sie verbrachte die Jahre in Chemnitz, wo sie arbeitslos blieb und sich wieder der Malerei widmete, mit der sie ja eigentlich gebrochen hatte, verdeutlichte Feldkamp. Nach dem Krieg lehrte sie kurze Zeit an der Dresdner Hochschule für Werkkunst. Doch der Formalismusstreit in der DDR bereitete auch dem ein Ende, denn danach waren das Bauhaus und moderne Kunst nicht mehr gelitten, sozialistischer Realismus sollte es stattdessen sein. Brandt kehrte 1954 nach Karl-Marx-Stadt zurück, wo sie sich dem Kunsthandwerk widmete. Mit ihrer Geburtsstadt werde sie heute aber in der öffentlichen Wahrnehmung nicht in Verbindung gebracht, sagte Feldkamp.

Persönlich gekannt hat der Formgestalter Clauss Dietel Marianne Brandt. Er berichtete davon, wie er vergebens versucht habe, in Karl-Marx-Stadt einen Pflegeheimplatz für Brandt zu finden und erst in Kirchberg fündig wurde. Bei seinen Besuchen habe er Brandt angemerkt, dass sie um die Diskrepanz zwischen ihrer Bedeutung als weltweit anerkannter Künstlerin und dem, wie man in ihrer Heimat mit ihr umging, spürte. Bei ihrer Beerdigung habe er gesagt: "Im Sinne der historischen Gerechtigkeit ist in ihrer Heimatstadt noch alles zu tun." Auch heute gebe es da noch einiges zu erledigen. So sei es unverständlich, dass die Chemnitzer Kunstsammlungen keine Exponate von Brandt, die Dietel als die größte Tochter der Stadt im 20. Jahrhundert bezeichnete, besitzen.

Veranstaltungen: Im Industriemuseum ist bis 1. Dezember die Ausstellung "Ich bin ganz von Glas. Marianne Brandt und die gläserne Kunst von heute" zu sehen. In der Lila Villa stellt die Brandt-Biografin Anne Weise die Künstlerin am 19. November um 19.30 Uhr in Wort und Bild vor. Am 28. November wird um 18 Uhr im Industriemuseum der Film "Hurra! Es ist ein Mädchen!" gezeigt, der Chemnitzer Frauen porträtiert, darunter Brandt.

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1Kommentare
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  • 1
    4
    Interessierte
    02.10.2019

    Das sind ja gleich zwei Häuser , welche da so nobel saniert wurden , aber gewohnt hat sie wohl nur in einer Wohnung ..
    Aber man hält sich immer wieder an den gleiche Personen fest …
    Wann wird denn das Geburtshaus des Stefan Hermlin auf der Müllerstraße mal saniert , er war ja auch ein sehr bekannter Schriftsteller wie der Stefan Heym und dazu noch Biermann-Unterschreiber ...
    https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Hermlin



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