Chemnitzer Juden beten für den Frieden in der Stadt

In der neuen Synagoge findet heute Abend ein besonderer Gottesdienst statt. Dabei wird die politische Situation eine große Rolle spielen.

Kapellenberg.

In der neuen Synagoge an der Stollberger Straße könnte es am heutigen Freitagabend eng werden. Ruth Röcher, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, erwartet zum Freitagsgebet um 19 Uhr deutlich mehr als die sonst üblichen etwa 30 Teilnehmer. Außer den Mitgliedern der rund 550 Menschen zählenden Gemeinde, die fast alle aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammen, sind - wie immer - auch alle anderen interessierten Einwohner dazu eingeladen.

Der heutige Gottesdienst steht unter dem Motto "Für Frieden und Demokratie". Anlass dafür sind der erste Jahrestag des gewaltsamen Todes von Daniel H. am Stadtfestwochenende 2018 und der darauffolgenden, zum Teil fremdenfeindlichen Demonstrationen sowie die bevorstehenden Landtagswahlen, erklärt Ruth Röcher. Der Gemeindevorstand sei sich bewusst geworden, dass beide Ereignisse einer besonderen Würdigung bedürfen. Denn die Situation sei so kritisch wie schon lange nicht mehr und viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde als Teil der Bevölkerung machten sich Sorgen, wie es weitergeht.


Deshalb habe der Gemeindevorstand den sächsischen Innenminister Roland Wöller (CDU) und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) eingeladen, nach den Gebeten Reden zu halten. "Herr Wöller ist als Innenminister auch für unsere Sicherheit zuständig und Frau Ludwig hat schon oft sehr direkt und klar erklärt, dass die Jüdische Gemeinde für die Stadt sehr wichtig ist", begründet Ruth Röcher. Anstatt sich wie sonst nach den Gebeten zum gemeinsamen Essen, Reden und Singen zusammenzusetzen, werde der Gottesdienst diesmal mit einem Stehempfang für alle Anwesenden ausklingen.

Gebetet werde zum Wohle der Stadt Chemnitz und des Freistaates Sachsen, kündigt die Gemeindevorsitzende an. "Das sind traditionelle jüdische Gebete zum Wohle der Stadt, in der man wohnt", erklärt Ruth Röcher. In Chemnitz seien diese Gebete bisher erst einmal, anlässlich der 875-Jahr-Feier im vergangenen Jahr, rezitiert worden. Mit Wohl der Stadt sei vor allem Frieden in der Stadt gemeint, sagt Ruth Röcher. "Wenn in der Stadt alles ruhig ist, wird sich auch die Jüdische Gemeinde als Teil der Stadt wohlfühlen."

In den zurückliegenden Monaten habe es aus Sicht der Gemeinde zwei gegensätzliche Entwicklungen gegeben, berichtet die Vorsitzende. Positiv sei, dass sich die drei Jüdischen Gemeinden in Sachsen erstmals von einer Regierung des Freistaates ernst genommen fühlten, seit Michael Kretschmer Ministerpräsident ist. "Das ist mit vorher nicht zu vergleichen", so Ruth Röcher. Kretschmer sei sofort nach seinem Amtsantritt auf die Gemeindevorsitzenden in Dresden, Leipzig und Chemnitz zugekommen und habe sie gefragt, wie es den Jüdischen Gemeinden gehe.

Nach anderthalb Jahren lägen bereits erste konkrete Ergebnisse vor: So gibt es seit dem vergangenen Montag - wie in anderen Bundesländern schon länger - erstmals seit 1938 auch in Sachsen wieder jüdischen Religionsunterricht. "Das ist eine großartige Sache, ein Teil der Gleichbehandlung der Religionen", sagt Ruth Röcher, die selbst einmal pro Woche in der Annenschule Kinder aus mehreren Grundschulen unterrichtet.

Zudem habe Kretschmer erstmals auch in Sachsen einen Beauftragten der Staatsregierung für das jüdische Leben eingesetzt. Und erst am Mittwoch dieser Woche gehörte Ruth Röcher in der Dresdner Staatskanzlei zu den Unterzeichnern der Ratifizierungsurkunden eines neuen Staatsvertrages, laut dem sich der Freistaat an den laufenden Ausgaben der drei Jüdischen Gemeinden von diesem Jahr an mit 1,07 Millionen Euro beteiligt - 120.000 Euro mehr als bisher.

"Wir erhalten davon 40.000 Euro zusätzlich, mit denen wir das Gehalt unseres Rabbiners verbessern wollen", so die Vorsitzende. Die Gemeinde sucht derzeit nach einem neuen Geistlichen, nachdem der seit 2015 in Chemnitz tätige Rabbiner Jakov Pertsovsky im vergangenen Jahr -noch vor den Ereignissen Ende August - gekündigt hatte, um eine besser dotierte Stelle in Basel anzutreten. Laut Ruth Röcher kein Einzelfall in Sachsen: Auch die Dresdner Gemeinde habe 2018 ihren Rabbiner verloren.

Mehr Sorgen um die Zukunft machten sich die Mitglieder aller Jüdischen Gemeinden im Freistaat aber wegen des Erstarkens der AfD. Gründe dafür seien vor allem die Positionen führender Vertreter der Partei zum Nationalsozialismus, zu rituellen Beschneidungen von Jungen und dem Schächten von Tieren. "Das betrifft absolut die jüdische Existenz", sagt Ruth Röcher. Obwohl in Sachsen schon seit 100 Jahren nicht mehr geschächtet, sondern koscheres Fleisch aus Nachbarländern geholt werde, bereiteten diese Forderungen vielen Juden Angst. "Ich weiß, dass Gemeindemitglieder über den Wegzug aus Sachsen reden", so die Vorsitzende.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 8
    3
    mathausmike
    23.08.2019

    Shalom!



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