Chemnitzer Stadtfest: Die hellen und dunklen Seiten der Party

Fröhliche Gesichter und Familientrubel am Tag, Ausschreitungen und Auseinandersetzungen nach Mitternacht: So reagieren die Besucher, die Organisatoren und die Polizei auf Trubel und Tumulte in der City.

Chemnitz. Mit einem kräftigen Besucherplus, aber auch überschattet von nächtlichen Auseinandersetzungen ist das Stadtfest 2017 zu Ende gegangen. Während nach Angaben der Veranstalter insgesamt rund 260.000 Besucher überwiegend friedlich feierten, kam es Samstag und Sonntag an der Brückenstraße jeweils kurz nach Mitternacht zu Zwischenfällen.

So wurde am Sonntag gegen 0.30 Uhr das Musikprogramm auf der Bühne von MDR Jump früher beendet als geplant, nachdem es im Umfeld zu Handgreiflichkeiten gekommen war. Hunderte überwiegend junge Menschen hatten vor der Bühne getanzt und gefeiert, unter ihnen viele Migranten. Augenzeugen berichteten von einer zunehmend aggressiven Grundstimmung. Auf allen anderen Flächen des Stadtfestest sei wie geplant bis zum Ende gefeiert worden, hieß es von den Veranstaltern. Von einem Abbruch des Festes, wie im Internet vermeldet worden war, könne keine Rede sein.


Mit dem vorsorglichen Abschalten der Musik reagierten die Verantwortlichen nach eigener Aussage auch auf Zwischenfälle, die sich in der Nacht zuvor ebenfalls unweit des Marx-Monuments ereignet hatten. Aus einer Gruppe von etwa 100Menschen heraus kam es dort laut Polizei wechselseitig zu gewalttätigen Übergriffen, bei denen 13 Menschen verletzt wurden. Einer der Beteiligten - nach eigener Darstellung Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes und Kampfsportler mit deutlichen Sympathien für rechte Gruppierungen - kündigte bei Facebook Vergeltung an. Die Polizei verstärkte tags darauf ihre Präsenz deutlich. Eine Bilanz der registrierten Straftaten über alle drei Festtage hinweg wollen die Beamten erst am Montag vorlegen; die Pressestelle war am Wochenende nicht besetzt.
 

Die meisten Besucher zeigten sich indes wenig beeindruckt von den Vorfällen in der Nacht. "Wir fühlen uns sicher hier. Nur ist der Besuch auf dem Stadtfest auch ganz schön teuer, wenn man allen Familienmitgliedern Wünsche erfüllen möchte", sagte der Chemnitzer Carsten Böhme, der mit seiner Familie am Nachmittag über den Markt spazierte. Jennifer Weder, 26-jährige Studentin auf Heimatbesuch in Chemnitz, besuchte mit ihren Eltern das Stadtfest. "Prügeleien und Festnahmen? Das kann ich mir gar nicht vorstellen", sagte sie und schaute sich zwischen Händlerständen und Luftballonverkäufern auf dem Neumarkt um. "Bisher sind mir hier nur fröhliche Menschen begegnet." In Berlin, wo sie ihre Ausbildung absolviere, gebe es ständig Rangeleien im Nachtleben. "Vielleicht gehen wir in der Hauptstadt mit solchen Situationen auch gelassener um und stellen nicht gleich ein ganzes Fest infrage", überlegte sie.

Die 32-jährige Hausfrau Marion Hofmann, mit ihrer Familie aus der Nähe von Glauchau zum Stadtfest gekommen, betonte hingegen resolut, dass ihr ein abendlicher Besuch bei der innerstädtischen Party nicht geheuer sei. "Ich habe einfach schon zu viel über Ausschreitungen in der Chemnitzer Innenstadt gelesen. Für mich als Frau käme es gar nicht in Frage, da abends allein hinzugehen."

Matthias Markus Brückner spielte am Samstagabend mit seiner Band "Die Arbeitslosen Bauarbeiter" auf der Sportmeile zwischen Galerie Roter Turm und Stadthallenpark. "Wir haben bis weit nach Mitternacht mit Fans und Besuchern gut gelaunt gefeiert", sagte er. "Vom angeblichen Abbruch des Festes haben wir nichts mitbekommen." Der Chemnitzer - Punkmusiker, Fußballfan, Vater, Nacht- und Szenemensch mit Familiensinn - ärgert sich darüber, dass nach punktuellen Ausschreitungen in der Nacht nun das ganze Stadtfest einen negativen Anstrich erhalte. "Die schlechte Stimmung erkläre ich mir so, dass die Meckerer meist laut sind und die begeisterungsfähigen Besucher eher im Stillen genießen", schätzt er ein.

Systemprogrammierer Hans-Joachim Berger aus Freiberg erlebte das Stadtfest vor allem auf dem Neumarkt. Der 48-Jährige ist Fan von Jazz- und Blues-Musik und war mit seiner Frau nach Chemnitz gekommen. "Prügeleien? Die tauchen selten da auf, wo Kultur ist. Wir haben das Jazzkonzert am Samstag in Ruhe mit Freunden genossen."

"Ich überlege, rechtlich gegen Abbruch-Gerüchte vorzugehen"

Sören Uhle ist Chef der Chemnitzer Wirtschaftsförderung CWE und Organisator des Stadtfestes. Er blickt auf die Ereignisse zurück.

Herr Uhle, wie sieht Ihre Bilanz zum Stadtfest 2017 aus?

Glänzend. Nach dem Hitzejahr 2016, in dem die Besucherzahlen in den Keller gerutscht waren, feierten diesmal 260.000 Menschen mit. Bei der Bestimmung der Besucherzahl unterstützen uns Händler, Stand- und Bühnenbetreiber.

Ein positives Fazit - trotz Polizeieinsätzen und sogar dem online verkündeten Abbruch des Festes aufgrund von Schlägereien?

Ich überlege, rechtlich gegen diese falschen Behauptungen vorzugehen. Einen Festabbruch im Internet zu vermelden, ist gerade mit Blick auf den familienstarken Sonntag geschäftsschädigend. Weder die Polizei noch wir als Organisatoren hatten das Fest zu irgendeinem Zeitpunkt abgebrochen. Es gab am Freitag Ausschreitungen, denen die Polizei nachgegangen ist. Am Samstag haben wir gegen 0.30 Uhr ausschließlich an der Bühne an der Brückenstraße die Musik heruntergedreht, um deeskalierend einzugreifen. Es drohten verschiedene Jugendgruppen, aufeinander loszugehen.

Warum ging es danach nicht weiter?

Als wir die Situation im Griff hatten, war es zehn Minuten vor Schluss der Festveranstaltung. Deshalb haben wir die Musik dort nicht wieder angeschaltet.

Gibt es ein Stadtfest im kommenden Jahr?

Natürlich, sogar eins mit Jubiläumscharakter. Das Stadtfest 2018 wird ein Schwerpunkt im Festjahr zum 875-jährigen Bestehen der Stadt. (pefr)

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