Chemnitzer üben sich in Diplomatie auf großer Bühne

Die Bündnisse bröckeln, der Egoismus der Staaten nimmt zu. In New York erproben 5500 Studenten, wie sich Konflikte durch Kooperation lösen lassen. Chemnitzer mischen mit.

Chemnitz/New York.

Deutschland ist einer der Staaten der Welt, die am meisten von internationaler Zusammenarbeit profitieren: als eng mit dem Ausland verzahnte Volkswirtschaft, als gefragter Exporteur und als politische Macht von mittlerer Größe, die ihre Ziele auf der Weltbühne vor allem im Bündnis mit anderen durchsetzen kann. Aber der Multilateralismus hat gerade einen schweren Stand. Die USA agieren isolationistischer als früher. Organisationen wie die Welthandelsorganisation WTO und Gesprächsformate wie G-20 kriseln. Neue Akteure wie China steigen auf und verlangen ihr Stück vom Kuchen. Ist die alte Weltordnung passé?

Ab Sonntag führt eine Simulation der Vereinten Nationen mehr als 5000 junge Leute in New York zusammen, die sich die Hoffnung auf friedliche und kooperative Konfliktregelungen nicht nehmen lassen wollen. Darunter sind 15 Studenten der Technischen Universität Chemnitz. Die NMUN (National Model United Nations) gilt als größte unter den professionellen Simulationen, bei denen sich angehende Fachleute für internationale Politik und multilaterale Partnerschaft in die Materie einarbeiten können.


Die TU Chemnitz hat in diesem Jahr bereits zum 16. Mal eine Delegation über den Atlantik geschickt. Die Teilnehmer studieren Politikwissenschaften, Europastudien oder Interkulturelle Kommunikation, aber auch Fächer wie Psychologie, Medienkommunikation oder Elektrotechnik. Der Auswahlprozess hatte im Sommer begonnen, seit September steht die Delegation. Die Teilnehmer haben sich in die komplizierte Konferenz-Mechanik eingearbeitet und in Fachthemen, die sie in New York behandeln werden.

Selten zuvor dürfte der Kontext dafür so ernst gewesen sein. "Die Simulation hilft uns dabei zu verstehen, warum wir diese Schwierigkeiten auf internationaler Ebene haben", sagt Jakob Landwehr, der die Delegation als Faculty Advisor betreut und berät. Landwehr, Projektleiter "Uni goes Uno" am Chemnitzer Lehrstuhl für Internationale Politik, hat selbst seinen Bachelor an der TU Chemnitz gemacht und den Master-Abschluss in England erworben. 2012 nahm er an der NMUN teil und unterstützte das Event drei Jahre lang als ehrenamtlicher Helfer in New York. Das UN-Training, sagt er, sei wichtiger als je zuvor.

Um die Studenten möglichst realistisch an die Probleme heranzuführen, gilt ein ausgeklügelter Rahmen. Die Delegationen vertreten ein Land in diversen "Committees", die sich mit realitätsnahen Problemen befassen. Es gibt 23 solche Komitees, darunter bildet eines zum Beispiel den Sicherheitsrat ab, ein anderes die Bildungsorganisation Unesco. Zu den politischen Problemen, die behandelt werden sollen, werden Hintergrundberichte von mehreren Seiten Umfang vorbereitet, die sich die Studenten vorher aneignen.

Die Chemnitzer Delegierten laufen in diesem Jahr als Ländervertretung des Senegal auf, einer international recht engagierten Republik im Westen Afrikas. Jedes Land vertritt in den Komitees eine eigene Position. In den fünf Tagen der Simulation, die zum Teil in den originalen Räumlichkeiten der UN und ihrer Unterorganisationen stattfindet, werden gemeinsame Resolutionen und Verträge erarbeitet, die sich am Ende in Abstimmungen bewähren müssen. Wie gut ein Thema durchdrungen wird und wie effizient ein "Land" seine Interessen vertritt, hängt auch von der Vorbereitung der jeweiligen Studenten ab, sagt Jakob Landwehr. In den tatsächlichen globalen Gremien wie den Vereinten Nationen oder der WTO wird mit höchster Detailgenauigkeit an jedem einzelnen Wort gefeilt.

Auch in einem anderen Punkt bildet die Simulation die Wirklichkeit gezwungenermaßen unzureichend ab: Hier spielt die tatsächliche politische und Wirtschaftsmacht eines Landes keine Rolle. Größe allein ist nichts wert, es kommt zu anderen Allianzen als in der Realität. "Eine Ausnahme bildet der Sicherheitsrat", sagt Landwehr, "hier greift die Veto-Power-Mechanik, und es mischen erfahrene Delegierte mit, die das nicht zum ersten Mal machen. Da wird es ziemlich realitätsnah."

Die anfängliche Dominanz von US-Universitäten bei der NMUN habe etwas nachgelassen. In den USA seien die Simulationen oft Teil des Studienprogramms. Heute kommen viele Teilnehmer auch aus Deutschland, Italien, China oder Südamerika. Es gebe Universitäten, die ausschließlich Juristen schickten. Dagegen sei Chemnitz bewusst interdisziplinär aufgestellt.

Der interkulturelle Austausch, sagt Jakob Landwehr, müsse ja auch in der Realität auf allen Ebenen erfolgen, wenn er erfolgreich sein soll.

Zur UN-Simulation führen die Chemnitzer Teilnehmer ein Online-Tagebuch, das Sie hier aufrufen können: https://www.tu-chemnitz.de/nmun/tagebuch2019.php .

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...