Choreografin legt Tänzer an die Leine

Ein Ballettabend mit drei verschiedenen Stücken von drei international angesagten Choreografen hat am heutigen Freitag Premiere. Dass die Künstler in Chemnitz arbeiten, ist für das Haus ein Ritterschlag.

Neue Ideen und Einflüsse von außen zu ihrer Compagnie zu bringen, ist das Ziel von Ballettdirektorin Sabrina Sadowska. Der Abend, der am heutigen Freitag unter dem Titel "Nordlicht" Premiere feiert, spiegelt genau diesen Ansatz. Zwei Choreografen und eine Choreografin konnte sie dafür gewinnen. Jeder der drei Künstler stellt das Ensemble vor neue Herausforderungen, bringt es weiter, lässt es lernen.

Eröffnet wird der Abend mit einer Uraufführung. Katarzyna Kozielska kreierte extra für Chemnitz das Stück "Unleash". 18 Jahre lang war die Polin als Tänzerin am Stuttgarter Ballett engagiert. Ihre ersten eigenen Choreografien schuf sie 2011. Die Fachzeitschrift "Tanz" nannte sie 2012 eine "bemerkenswerte Nachwuchs-Choreografin". Seitdem folgten Auftragswerke für das Stuttgarter Ballett, für das Ballett Augsburg, die New Yorker Compagnie Ballet Next sowie für Ballette in Mexico und Japan. Im Juni wurde ihre Choreografie "Aspects" vom tschechischen Nationalballett in Prag uraufgeführt.

Für ihre Chemnitzer Arbeit hat sich Kozielska, die heute freischaffend tätig ist, an ihre 18 Jahre unter festem Vertrag erinnert. Freiheit hatte sie dabei nicht. Auf der anderen Seite habe aber genau das für ein Gefühl der Sicherheit gesorgt. In "Unleash" - entfesseln - spürt sie der Frage nach, ob Sicherheit und Stabilität immer auch mit Einschränkungen einhergehen. Es geht um Fesseln, die das Träumen und die Kreativität begrenzen, und den Versuch, sich daraus zu befreien. Um dieses emotionale Gefangensein auch materiell zum Ausdruck zu bringen, hat Ausstatterin Ines Alda ein Gespinst aus Nylonbändern geschaffen. Jeder Tänzer hängt an einem Band, kann sich darin verheddern, aber sich auch selbst daraus befreien.

Von Kozielskas Stil und Körpersprache kann Sadowska nur schwärmen. Ihre Handschrift sei sehr feminin. Sie sei sehr bei sich und selbstbestimmt als Frau. Der Spitzenschuh komme in "Unleash" als stilistisches Mittel zur Selbstfindung zum Einsatz. "Man sieht, dass hier eine Dame choreografiert, im Gegensatz zu den beiden Männern", beschreibt Sadowska. Zum ersten Mal habe sie diese feminine Handschrift bei der 2009 verstorbenen Pina Bausch gesehen, "und jetzt wieder bei Katarzyna Kozielska".

Der zweite Teil des Abends ist "Suite Suite Suite" von Marco Goecke. Der Titel bezieht sich auf die Orchestersuite Nr. 4 D-Dur (BWV 1069) von Johann Sebastian Bach. Goecke geht sehr selbstbewusst mit der Musik um. Denn er verwandelt nicht jede Note in eine Bewegung, der Tänzer und der Tanz unterwirft sich nicht der Musik. Vielmehr entwickelt Goecke Bilder, die gleichberechtigt zu Bachs Werk auftreten. "Es ist kleinteilig, ironisch und voller Humor", erklärt Sadowska. Marco Goecke arbeitet viel für internationale Compagnien. Von 2005 bis 2018 war er zudem Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts. Katarzyna Kozielska tanzte dort alle seine Stücke. Seine über 60 Choreografien werden mittlerweile weltweit einstudiert. Ab Herbst 2019 übernimmt er die Ballettdirektion in der Staatsoper Hannover.

"Wir haben hier die Champions League der Choreografen", fasst Sadowska zusammen. Ganz einfach sei es nicht gewesen, überhaupt die Rechte zu bekommen, die Stücke tanzen zu dürfen, denn man müsse erst beweisen, dass die Compagnie gut genug ist. Das sei wie ein Ritterschlag. So war das auch bei Alexander Ekman, bei dem man sich erst einmal in eine Warteschlange einreihen müsse, wenn man etwas von ihm wolle. Ekman, geboren 1984 in Schweden, ist ein weltweit agierender Choreograf. Seine rund 50 Stücke wurden in Paris, Boston, San Francisco und Sydney getanzt. Nun ist es Chemnitz gelungen, die Rechte für "Episode 31", ein Stück aus dem Jahr 2011, zu bekommen.

Es erinnert an Episoden aus dem Leben von Tänzern, zeigt diese aber auch als Menschen, die in ihrer Stadt verwurzelt sind. "Es ist voller Tanz-freude und jugendlicher Frische", beschreibt Ekman, der immerhin für zwei Tage die Proben in Chemnitz begleiten konnte. Für mehr reichte die Zeit nicht, sein Assistent übernahm den Rest der Einstudierung. Mit dem Stück wolle er den Zuschauern einen ganz neuen Blick auf die Welt und den Menschen zeigen. Und er verortet die Tänzer in ihrer Stadt. Dafür wurde ein Film gedreht, der die Compagnie tanzend in der Straßenbahn, am Marx-Kopf und im Stadthallenpark zeigt. Er wird auf der Bühne gezeigt - und reiht sich ein in eine Reihe ähnlicher Videos, die in Helsinki, New York und Chicago entstanden.

Nordlicht hat am heutigen Freitag um 19 Uhr Premiere im Opernhaus. Karten gibt es ab 14 Euro. Die nächsten Vorstellungen sind am 27. Oktober sowie am 9. und 17. November, jeweils um 19 Uhr.

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