Das Bild der Stadt und dessen Folgen

Wie viel Wirtschaft braucht die Kultur? Oder ist gar die Wirtschaft auf Kultur angewiesen? Die Industrie- und Handelskammer ließ vier Experten über das Thema diskutieren. Es wurde eine Debatte über die Ereignisse vom Sommer 2018, das Image von Chemnitz und die Bewerbung der Kommune als Kulturhauptstadt Europas.

Die Aussage ist nicht neu, und meist ist sie hinter vorgehaltener Hand zu hören: Die Ereignisse vom Sommer 2018 hätten zumindest dazu geführt, dass nun jeder in Deutschland und Europa wisse, wo Chemnitz liegt. Auch Andreas Wöllenstein, Mitinhaber der Unternehmensgruppe Schloz-Wöllenstein, eröffnete mit dieser These am Samstag in der Schönherrfabrik den Wirtschaftspolitischen Frühschoppen der Industrie- und Handelskammer. Chemnitz habe eine gewisse Berühmtheit erlangt, konstatierte er, um aber sogleich hinzuzufügen: "Leider!" Er sei viel im Ausland unterwegs, und das Bild von Chemnitz, das er zum Beispiel in Frankreich oder Italien wahrnehme, sei ausgesprochen negativ.

Mit Wöllensteins Statement war schnell klar, eine unbefangene Debatte um Gegenwart und Zukunft der Stadt, ihre Unternehmer und Künstler kann es seit den Ereignissen von August und September vergangenen Jahres nicht mehr geben. Egmont Elschner, Chef des städtischen Kulturbeirats, sieht die Stadt Chemnitz mehr denn je als eine Aufgabe, wie er sagte. "Es fühlt sich fast pervers an, aber die Aufgabe hat sich seit vergangenem Jahr verdoppelt", so Elschner. Was im Sommer 2018 und auch vor wenigen Wochen im CFC-Stadion passiert sei, hätte nicht passieren dürfen. Und es sei unerträglich gewesen, mit ansehen zu müssen, wie Pro Chemnitz über Monate hinweg wöchentlich den Marx-Kopf besetzt habe. Er kritisierte die Verantwortlichen von Stadt und Polizei dafür deutlich: Man hätte dagegen ordnungspolitisch vorgehen müssen. Und auch den Stadtfest-Abbruch im August 2018 nannte Elschner einen Fehler. Stattdessen hätte die Polizei verstärkt im Einsatz sein müssen, "damit jeder, der dort in Erscheinung tritt, kassiert wird", wie er es formulierte.


Immerhin, es gab auch zuversichtliche Stimmen. Die Ereignisse vom Sommer in Chemnitz hätten überall passieren können, sagte Stephan Muschick von der Essener Innogy-Stiftung. Und er fügte hinzu, das braune Bild von Chemnitz sei hauptsächlich von außen projiziert worden. Er nannte es eine "gewisse Selbstgefälligkeit", wie man im Westen auf den Osten schaue.

Und es gebe sogar positive Wirkungen nach den Ereignissen vom Sommer, sagte Udo Bechtloff, Chef des Ilmenauer Fraunhofer Instituts für Digitale Medientechnologie und Präsident des Industrievereins Sachsen. Vor allem junge Leute wollten zeigen, dass Chemnitz anders ist als die derzeitige öffentliche Wahrnehmung. "Ich sehe da einen Aufbruch", sagte er.

Und was folgt nun aus alledem, vor allem im Hinblick auf die Chemnitzer Bewerbung um den Titel als Europäische Kulturhauptstadt? Auch hier zeigte sich in der Diskussion am Samstag ein differenziertes Bild. Kulturbeirats-Chef Elschner erklärte, Chemnitz habe trotz allem keinen Grund, sich zu verstecken. Es gebe "ganz erhebliche Leuchttürme in der Stadt", die Kunstsammlungen, das Theater, die Museen und "eine starke freie Szene", wie er es sagte. Bechtloff entgegnete, er sei in Bezug auf die Bewerbung eher skeptisch. Es sei wenig erfolgversprechend, wenn man ein Thema von oben aufdrücke, wie er sagte. Er glaube nicht, dass die Bürger hinter der Bewerbung stünden. Und er fügte hinzu, er hätte es anders gemacht, nämlich die Leute zu fragen, "unter welcher Flagge man sich auf dem Weg zur Kulturhauptstadt" machen wolle. Sein Vorschlag: Chemnitz sei einer der wenigen Ort im Osten Deutschlands, die an der Europäischen Straße der Industriekultur lägen. "Das ist ein Feld, das völlig brach liegt", so Bechtloff.

Beim Thema Beteiligung stimmte auch Andreas Wöllenstein zu. "Für die Kultur ist Kommunikation das Wichtigste", erklärte der Unternehmer, der die Halle des ehemaligen Kraftverkehrs an der Werner-Seelenbinder-Straße vor zwei Jahren zum Kultur- und Veranstaltungsort umbauen ließ. Er habe seine Belegschaft von dem Projekt erst überzeugen müssen, so Wöllenstein. Und so müssten auch die Verantwortlichen der Stadt mit den Bürgern reden - auf Augenhöhe. Wöllenstein: "Man muss die Leute abholen, anders geht es nicht."

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