Das Kleine im Großen

Das Kosmonaut-Festival hat am Wochenende mit 15.000 Gästen einen ebenso rauschenden wie entspannten fünften Geburtstag gefeiert - nun geht der Blick nach vorn.

Chemnitz.

Das Kosmonaut-Festival am Chemnitzer Stausee Oberrabenstein ist so etwas wie der nasse Waschlappen im Gesicht der mittlerweile etwas verschnarchten, zu lieblos professionalisierten deutschen Festival-Landschaft, in der eine wirtschaftlich orientierte Service-Branche viele Bereiche für routinierte Rundum-Unterhaltung effizient durchkalkuliert: Fan-Festivals, deren Macher wirklich noch den Pulsschlag der Besucher fühlen, fühlen wollen, sind selten geworden. Da ist eine Veranstaltung wie das "Kosmo" eine willkommene Erfrischung - auch, weil es letztlich den Ruf Sachsens als Wiege solcher Phänomene festigt: Von hier kommen mit dem "Splash!" (Hip Hop), dem "With Full Force" (Hardcore und Metal) und dem "Wave Gotik Treffen" (Gothic) immerhin eine ganze Menge derartiger, für die jeweiligen Szenen essenzieller Veranstaltungsreihen.

15.000 Menschen erlebten auf dem von der Band Kraftklub initiierten und kuratierten "Kosmonaut" erneut ein wunderbar schrulliges und immer wieder überraschendes Open Air, dessen fünfte Ausgabe bei insgesamt perfektem Wetter (Regen? welcher Regen??) dabei insgesamt sehr entspannt, oder, wie die überwiegend sehr jungen Besucher sagen würden, "chillig" ablief. Der Kraftklub-Kreativpool hatte erneut eine Menge feiner Details aus dem Hut gezaubert - nach wie vor kann, wer musikalisch in irgendeinem Moment nicht gefordert wird, einfach über das Gelände schlendern und sich an den zahlreichen, oft neuen Kleinigkeiten erfreuen. Es gab das mittlerweile beliebte Mini-Golf im überdimensionalen Festival-Logo und nagelneue Mondfähren-Aussichtspunkte, die kultige "Herzblatt"-Bühne, das etablierte Wettbüro, eine Flunkyball-Arena - und einen Einlass-Kosmonauten, der mittlerweile selbst Festival-Bändchen trägt. Da kommen auch durch jahrelange Festival-Erfahrung abgehärtete Profis gern als verpflichtungslose Besucher, einfach, um die Atmosphäre mit zu genießen: Casper war da, die Hälfte von K.I.Z., Drangsal, und so weiter. Die Kraftklub-Musiker selbst legten wieder umfassend Hand an, waren als Roadies aktiv, als Verkehrskoordinatoren, als Mädchen für alles. Die familiäre Gesamtmaschine, die viel Herzblut ins "Kosmo" pumpt, ist ein wesentlicher Grund für dessen einmalige Ausrichtung.


Das macht sich auch beim Programm bemerkbar, bei dem die übliche Headliner-Vorband-Hierarchie aufgelöst scheint: jede Band bekommt mit gleicher Aufmerksamkeit ihre eigene Bühne, niemand wird mal eben als Lückenfüller verlegen durchgefrühstückt. Das Prinzip "Kleines im Großen" klappt hervorragend - Entdeckungen wie Voodoo Jürgens, Blond, Fil Bo Riva, Parcels oder Giant Rooks können so vollen Charme entfalten und das "Kosmo" zu einem Nischen-Festival machen, das wesentlich mehr ist als ein Star-Konzert plus langer Vorprogramm-Latte. Das führt mitunter zu gewagten Stilbrüchen. Die geniale Post-Hardcore-Band Fjørt etwa fräste mit ihrem Brachialsound eine markante Bresche in das eher lässig-sommerliche Gesamtklangbild, ebenso wie die Alt-Satire-Punks von der Terrorgruppe. Schwer hatten es leider die Editors. Die fantastischen Engländer waren zwar der heimliche Headliner vieler Ü-30-Gäste und legten auch ein sehr schönes Best-Of-Programm auf der freitäglichen Hauptbühne hin - ein etwas seltsamer Sound und die sichtbare Abwanderung junger Partygänger vor der Bühne bremsten aber die anfängliche Euphorie von Tom Smith und Co., sodass der Auftritt nicht ihr bester war.

Allerdings kann man das auch als typisch sehen für den gewagten wie originellen Umgang des "Kosmo" mit dem Headliner-Thema allgemein. Insgesamt gab es dieses Jahr quasi vier Kategorien: Der offizielle Headliner war Deichkind - die Band unterhielt prächtig, war aber etwas zu nah am Fernsehballett. Eigentlich sind die Nordlichter für chaotisch-verrückte Ideen bekannt, sie präsentierten sich jedoch sehr durchgestylt und glatt - Die Show war sehr kurzweilig anzusehen, führte aber nicht zur Begeisterungs-Eskalation. Die heimlichen Headliner waren dann Kraftklub selbst - als sie am Samstag um 7.30 Uhr auf einem LKW über den Zeltplatz fuhren und die Leute mit einem Mini-Konzert aus den Schlafsäcken rockten. Ein supercooler Gag, der den ganzen Tag Festivalgespräch war. Die überraschenden Headliner waren überraschend Von Wegen Lisbeth: Die Berliner, im Vorjahr noch als Newcomer auf der kleinen Bühne am Start, sorgten am Freitag für unerwartet große Begeisterung mit einem spektakulären Konzert - ebenso wie Annen May Kantereit am Samstag. Und dann war da natürlich der geheime Headliner, der Running Gag des Festivals. Die Beginner aus Hamburg hatten sich Samstag als erwartbar herauskristallisiert. Jan Delay und seine Kumpane sorgten mit ihrem riesigen Hit-Portfolio sehr routiniert für angemessene Feierstimmung, erfreuten aber nicht unbedingt jeden. Immerhin war das bereits der vierte Hip-Hop-Act als geheimer Headliner - wobei bisher nur Marteria vor zwei Jahren für Rundum-Begeisterung im Sensationsformat gesorgt hatte. Fettes Brot war 2014 etwas zweischneidig gewesen, ebenso die Fantastischen Vier im letzten Jahr. Das ist also ein Punkt, für den die Kosmonaut-Schaltzentrale für das nächste Jahr die Stirn wohl nochmal ordentlich in Falten legen wird.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...