Das ungewöhnliche Umweltprojekt einer Schulklasse

Vor knapp 30 Jahren hat ein Lehrer Courage gezeigt und mit seinen Schülern einen ökologischen Skandal angeprangert. Heute würde er für seinen unkonventionellen Unterricht vermutlich abgemahnt.

Wüstenbrand/Oberlungwitz.

Es stank zum Himmel. Den beißenden Schwefeldioxid-Geruch des ätzenden Säureharzes hat Andreas J. Langhammer noch heute in der Nase, obwohl es den Ölteich am Landgraben zwischen Wüstenbrand und Mittelbach seit zehn Jahren nicht mehr gibt. Vor 30 Jahren war Langhammer noch Lehrer an der Mittelschule in Wüstenbrand. "Als mit der Wende das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde entfiel, wollte keiner im Kollegium das Fach Gemeinschaftskunde unterrichten. Da bin ich in die Bresche gesprungen", sagt Langhammer. Er wollte in seinem Unterricht nicht nur die graue Theorie abhandeln, sondern die Schüler an die Praxis heranführen. Mit seiner 9. Klasse stampfte Langhammer 1990 ein Umweltprojekt aus dem Boden. Sein Ziel: der Ölteich.

Der gehörte zum Mittelbacher Betriebsteil des VEB Mineralölwerke Klaffenbach und lag auf Oberlungwitzer Flur. Die Stammfirma, 1890 in Bremen gegründet, verarbeitete amerikanisches Rohöl. 1895 wurde der Firmensitz nach Hude bei Oldenburg verlegt und 1898 das Werk Klaffenbach gegründet. Nach dem Krieg und der Enteignung kam der Betrieb als Mineralölwerk Klaffenbach zum VEB Hydrierwerk Zeitz. Altöl, das von dort kam, bereitete der Zweigbetrieb in Mittelbach auf. Die schlammigen Rückstände wurden in den Teich jenseits der Straße gepumpt. Nach Angaben des früheren Oberlungwitzer Bürgermeisters Steffen Schubert handelte es sich um Öl- und Schwefelharzablagerungen mit einem Gesamtvolumen von 50.000 Kubikmetern. "Wasservögel, die im Dunklen dort landeten, verklebten sich ihr Gefieder und gingen elend zugrunde", weiß Langhammer. Er bewies Zivilcourage, marschierte mit seinen Neuntklässlern zum Gelände, verschaffte sich einen Durchgang im Maschendrahtzaun und präsentierte den Schülern die Umweltsauerei - Fässer trieben im Ölschlamm, auch ein Auto war dort versenkt worden.

Für die damalige Unterrichtspraxis würde der Pädagoge heute vermutlich abgemahnt und von der Firma wegen Hausfriedensbruchs verklagt. "Damals war das kein Problem. Mit unserem Projekt haben wir in der Öffentlichkeit Alarm geschlagen. Das hat geholfen." Der Teich wurde von der Baufeld Umwelt Engeneering saniert, erst 2007 konnte Vollzug gemeldet werden. Die Firma bedankte sich sogar bei Langhammer schriftlich. Er habe soziale und ökologische Verantwortung gezeigt. Auch das Dankschreiben des damaligen Bundestagsabgeordneten Joachim von Schönburg-Glauchau hat Andreas J. Langhammer aufgehoben. Das Schülerprojekt brachte der 9. Klasse damals den Sieg beim 20.Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung. "Wir bekamen eine Prämie in Höhe von 3000 Mark. Damit haben wir die Klassenfahrt nach Calella del Maresma in Spanien finanziert", erinnert sich der Senior. Noch zwei weitere Projekte brachten 4000 Mark Prämie.

Später wurde aus dem Lehrer der Bürgermeister von Wüstenbrand - bis zur Eingemeindung nach Hohenstein-Ernstthal 1997.

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