Dem Erzgebirgsdorf fehlt das Erzgebirge

Gyros statt Getzen, Moselwein statt Gebirgsbitter: Was zurzeit auf dem Neumarkt läuft, ist wenig authentisch, kritisieren Gäste. Selbst der Veranstalter ist unzufrieden.

"Deitsch un frei wolln mer sei", steht auf dem Schwibbogen über einem Stand, an dem Knoblauchbrot verkauft wird. Die Hütte stand schon vergangene Woche auf dem Neumarkt, als dort noch das Weindorf gefeiert wurde. Der Bogen mit dem Zitat von Erzgebirgs-Dichter Anton Günther ist neu -aufgestellt am Montag, als die Veranstaltung zum Erzgebirgsdorf umdekoriert wurde.

So ganz klar sei ihm nicht, warum dies nun ein Erzgebirgsdorf sein soll, sagt Norbert Hielscher. Der Chemnitzer hat sich gegen Mittag ein schattiges Plätzchen gesucht und genießt gemeinsam mit seiner Frau ein Glas Weißwein. "Wir waren vergangene Woche zum Weindorf hier und kommen einfach weiterhin." Die erzgebirgischen Figuren sehen eher nach Weihnachtsmarkt aus, sagt er. Was er davon hält? "Naja - es stört uns zumindest nicht groß."

Viele der Händler vom Weindorf sind weiterhin da. Sie bieten unter anderem Weine aus Griechenland, Ungarn, Italien oder von der Mosel an. Dazwischen stehen Hütten, in denen griechisches Gyros oder ungarischer Lángos verkauft wird. Und wo sind die erzgebirgischen Spezialitäten? "Es gibt einen Bäcker, der extra zum Erzgebirgsdorf angereist ist", sagt Veranstalter Siegfried Ade. Er verkaufe selbst gebackenes Handbrot, das typisch für die Region sei. Am Stand wird jedoch verraten, dass er nicht aus dem Erzgebirge, sondern aus Mittweida kommt.

Auch bei Marko Engelmann aus Dresden will keine erzgebirgische Stimmung aufkommen. "Es stehen die Stände rum, die man auch von anderen Volksfesten kennt", sagt er. "Aber das Bier ist lecker." Das ausgeschenkte Marx-Städter kommt aus Chemnitz. Was Engelmann zur Mittagszeit vermisst, ist Musik. Ob Songs aus den Charts oder Volksmusik aus dem Erzgebirge sei ihm sogar egal. In den Abendstunden treten tatsächlich täglich Musiker auf, die erzgebirgische Lieder spielen, verrät Ade. "Das ist jedoch sehr spezielle Musik, die nicht für jeden geeignet ist. Und mit dem Steigerlied braucht man hier sowieso nicht ankommen", sagt er mit Verweis auf die Rivalität zwischen dem Chemnitzer FC und dem FC Erzgebirge Aue.

Die Standbetreiber selbst sind auch unzufrieden. "Es fehlt an passenden Händlern, es fehlt an passenden Produkten, es fehlt an Atmosphäre", fasst ein Weinhändler zusammen. "Nur, weil man ein paar Schwibbögen und Figuren aufstellt, heißt das noch lange nicht, dass Erzgebirgs-Laune aufkommt." Die ersten Tage Erzgebirgsdorf seien schlecht gelaufen, gibt der Händler zu. "Das Weindorf vorher war aber super." Man hätte es einfach eine Woche verlängern sollen, wie es für das kommende Jahr geplant ist, schlägt er vor.

Anlässlich des Stadtjubiläums sollte es eine Besonderheit mit regionalem Bezug werden, rechtfertigt Ade. Die Umsetzung sei jedoch schwierig gewesen, räumt er ein. Und: "Die Kritik kann ich verstehen." Dass zunächst weniger Besucher als zum Weindorf kamen, lag laut Ade vor allem an den kühleren Abenden zu Wochenbeginn. Die seien zwar typisch erzgebirgisch - aber kein Besuchermagnet. In zwei Jahren gibt es womöglich eine neue Chance fürs Erzgebirgsdorf, sagt Ade. Mit längerer Vorlaufzeit könne man mehr lokale Händler ins Boot holen. Und vielleicht auch den erzgebirgischen Tourismusverband. Dort hieß es auf "Freie Presse"-Anfrage, dass man vom Chemnitzer Erzgebirgsdorf noch nie gehört habe.


Kommentar: Etikettenschwindel

Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Das zeigt sich am Beispiel des Erzgebirgsdorfes ganz deutlich. Die Veranstaltung fremdelt in jeder Hinsicht. Das beginnt bereits bei der Begründung, weshalb es sie überhaupt gibt. Eine Besonderheit zum 875-jährigen Bestehen der Stadt Chemnitz - die selbst maximal am Rand, aber nicht im Erzgebirge liegt. Und wer sich beim Schlendern über den Neumarkt derzeit im Erzgebirge wähnt, der glaubt auch, er sei in Paris, wenn er vor der Las-Vegas-Version des Eiffelturms steht.

In seiner jetzigen Form ist das Erzgebirgsdorf ein Etikettenschwindel. Da ist nicht das drin, was drauf steht. Was man dem Veranstalter zugute halten muss: Er erkennt selbst, dass das Ergebnis weit von dem entfernt ist, was er sich selbst gewünscht hätte. Deshalb sind die Gedankenspiele, dass es 2020 zu einem zweiten Versuch kommen könnte, gar nicht so verkehrt. Schließlich scheint die Bereitschaft da, aus den Fehlern zu lernen. Außerdem ist die Fallhöhe nicht besonders hoch - nach der Mogelpackung in diesem Jahr kann es nur besser werden.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 5 Bewertungen
5Kommentare
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  • 1
    0
    ralf66
    20.08.2018

    @Deluxe, ich bin voll bei Ihnen, habe es mal versucht auf erzgebirgisch zu schreiben, hier nochmal auf hochdeutsch. Es ist kaum noch zu ertragen, erstens die Anzahl der sogenannten Feste und zweitens, schon gar nicht das kulturelle Niveau! Letztendlich dreht sich alles um möglichst hohen Konsum von Essen und Getränke mit den bestmöglichen Profiten für die Betreiber der Festlichkeiten! Freuen kann man sich auf die dicht hintereinander folgenden Feste nicht mehr, weil der Ablauf auf jedem Fest hier in Sachsen der Gleiche ist! Es geht am Vormittag im Bierzelt meistens mit allgemeiner Beschallung mit den unterschiedlichsten Musikrichtungen von Schlager bis Rock und Pop von der CD los, dass kostet nicht viel, weil es meistens über private Anlagen und CD's zu Gehör gebracht wird, es kommen aber auch nicht viele Besucher. Immer seltener wird es, dass am Vormittag zum sogenannten Frühschoppen eine zünftige Blasmusik live gemütliche Halbelitermusik spielt, wenn dann doch auf der Bühne eine Blasmusik sitzt, ist es ein Blasorchester, dass mit aller Gewalt die Musik der Konzertsäle auf die Bühne bringen will, musikalisch vielleicht sehr gut gespielt, aber diese Musik gehört nicht ins Bierzelt, sondern ist passend für ein Platzkonzert, dass Gleiche passiert am Nachmittag bis zum Abend hin, abweichend immer mehr mit Playbackshows durchwachsen, wo die Mitwirkenden, leider auch Kinder, sich versuchen zum Dorftrottel zu machen! Am Abend, bis in die Nacht hinein, ist der Hund nun ganz verreckt, entweder live Musik von einer Band, Besetzung: Schlagzeug, E-Orgel, E-Gitarren und Gesang oder Konserve vom DJ, Musikrichtung, alles was täglich alle Radiosender runterleiern mit oft dümmlicher bis schweinischer wortgewaltiger Untermalung, in einer Lautstärke, die es nicht mehr möglich macht, dass Wort des Anderen zu verstehen! Jetzt werden viele denken, was will denn der für Musik? Man glaubt es nicht, dass gibt es, ich war vor einigen Jahren mal am Abend im Bierzelt anlässlich des Thumer Orchestertreffs, dort spielten Orchester, die es drauf hatten, durch Veränderung der Instrumentenbesetzung, alle Richtungen der Unterhaltungsmusik zu spielen, dass brachte das Festzelt zum beben und hatte auch noch kulturell musikalisches Niveau!

  • 2
    2
    Deluxe
    20.08.2018

    Volksbelustigung um jeden Preis...
    Was bei den alten Römern "Brot und Spiele" hieß, sind heute Weindörfer, Möchtegern-Erzgebirgsdörfer, Freßbuden aller Art und das, was man neudeutsch "Events" nennt.

    Aber ob vor 2000 Jahren oder heute - beide Epochen eint, daß es um Ablenkung und Beruhigung geht. Die Leute ein bißchen füttern, ein bißchen belustigen und ein bißchen davon abhalten, sich wirklich Gedanken zu machen.

    Wohin man auch kommt: Es ist immer irgendeine Party im Gange. In den Großstädten, in den Kleinstädten, in den Dörfern - selbst in ausgewiesenen Erholungsgebieten vergeht kein Wochenende, ohne daß man die wummernden Bässe irgendwelcher Freiluftbeschallung oder die örtlichen Schlagerdoubles bis in den frühen Morgen ertragen muß.
    Wir leben in einer Gesellschaft des Feier-Zwanges, ob man will oder nicht. Es gibt keinen ruhigen Ort mehr. Und es gibt offenbar genügend Menschen, die entweder gar nichts tun müssen oder beruflich so wenig ausgelastet sind, daß feiern bis ins Morgengrauen jederzeit möglich ist - besonders am Wochenende.

    Wenn es dann, wie im vorliegenden Fall, auch noch schlecht organisiert ist, wird das Partyvolk schnell unzufrieden, schließlich ist man ja gewohnt, sich permanent auf "hohem Niveau" berieseln und "unterhalten" zu lassen. Finanziell scheint das kein Problem zu sein und man spart sich so anstrengende Dinge wie z.B. Bücher lesen...

    Kann mir irgendwer erklären, wie man ausgerechnet für die Stadt Chemnitz auf dieses Konzept "Erzgebirgsdorf" kommt? Innerhalb von 15-30min kann man von Chemnitz aus mit dem Auto dutzende echte Erzgebirgsdörfer besuchen - dort gibt es dann auch wirklich Erzgebirgisches zu sehen, zu essen und zu trinken.
    Wer eine Stunde fährt kann in Seiffen, Neudorf und all den anderen obererzgebirgischen Dörfern authentische Geschäfte unbd Restaurants am laufenden Band besuchen.
    Warum also in Chemnitz? Was soll das?
    Und wenn man es schon macht: Warum fragt man nicht die Leute, die wissen wie es geht und die Jahr für Jahr mit dem Weihnachtsmarkt beweisen, daß erzgebirgische Atmosphäre auch auf einem Großstadtmarktplatz funktioniert?

    Immerhin hat Chemnitz den für mich schönsten Weihnachtsmarkt in ganz Sachsen. Weit vor Dresden und Leipzig, wo man sich aufgrund der Enge und des Massenbetriebes einfach nicht wohlfühlen kann.

    Ich bin dann mal arbeiten...

  • 3
    2
    ralf66
    19.08.2018

    Nah, doss kimmt dorvu, wenn mor net mehr wass, wos mor zeerscht wieder für Festl aahkurbeln soll, do muss egal wu un vun wem, alle Weile lang e Fastl gemacht warn, egal wos für aahns, doss gieht lus vun Ziegnfestle, bis über Vuglbeerfastln, neierdings kaaft mor sich enne Krachladerne enn Hut mit'n sallborr ohgebissenen Gamsbart dorzu und e Dirndl un spielt Oktoberfast, do wolln de Schwimmbäder ihr Fastl, dor Kunicklverein muss ah fastln, dor Fußballverein, de Feierwehr müssen ah ihr Fast abhaltn, in Sommer maschiern de Bargleit irgendwu aah ze in Fastl auf, un wenns ball in Rostock sei werd, doss de Fischköpp net erscht ins Arzgebirg komme müssen, ümme Anton Günther rimm, warn aah gerne hauf'n Fastln im Gahr ohgehaltn, ob dann Anton Günther die überschwingliche Vielfalt der Fastln überhaupt racht gewasn wär? Er mahnet nämlich dodorzu: " Der Tanzbundn is en Volk sei Kirch is dos e domms Gewürg!'' In neier Zeit, warn die Ahläss zu en Fastl ah immer froglicher, Gassenfast, Stroßnfast, Sackhüppmfast, Gackerhahfast, Gebirgswiesnfast Gummistieflweitwurffast, Stachlbeer-und Johannisbeerfast, Ardippilfast, Kreiterfast, Habuttnfast, Stollnfast, Sauerkrautfast und do gibt's dann aah noch de selbst ernanntn Adligen dorzu wie zun Beispiel, de Kreiterkenigin, also, mor hält wang jedn Ding alle fortzlang e Fastl ab, oder macht ne Eiweihing! Hier is beste Beispiel, is Arzgebirg werd noch Chams vorschum, wu's nischt ze suchn hot, die dort untn in Chams, su wie dos Fast aufgemacht un organisiert wor, wustn nichst dormiet aahzefange und dodurch war dos Ganze e Reinfall. Wenn ich schie her, in dann Nast is doch nischt lus, e Bierzelt muss har mor missn doch emol e Fast machn und dann werd's net esu ahgenomme wie de Organisatorn dos gerne hättn, dann sollste mol sah, wos für schiefe Guschn mor do vom Festkomitee nahgedreht bekimmt!
    Jedenfalls, is dos schie zum Volkssport wurn Fastln ze machn, in Zammhalt unner de Leit hots eher net gefestigt, denn bei jeden Fast gibs e Mordsstreiterei wie dos ganze ohzelafn hot!

  • 7
    0
    HHCL
    19.08.2018

    @Zwischenden Zeilen: Ich glaube hier ist nicht das Problem das die Weinhändler dort geblieben sind, sondern, dass das Dorf eben nichts mit dem Erzgebirge zu tun hat und daher auch diesen Charme nicht versprüht. Das Problem ist, dass auch hier, wie bei vielen Veranstaltungen zum Jubiläum, einfach ohnehin stattfindende Feste umgewidmet oder geringfügig erweitert werden. Man hat das Gefühl das Jubiläum darf nichts kosten. Auf der anderen Seite schlagen sich die Verantwortlichen aber derart laut an die Brust, wie toll doch das Jubiläum gefeiert würde, dass der Kontrast zwischen behauptetem Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander klafft. Entweder man feiert mit großem Tamtam, dann muss man auch etwas auf die Beine stellen, oder man fährt diesen Schmalspurkurs; dann sollte man aber die Füße still halten. Das Erzgebirgsfest ist - wie vieles in Chemnitz - gewollt, aber nicht gekonnt. Es ist bezeichnend, dass viel kleinere Städte solche Dinge besser auf die Reihe bekommen.
    ABSATZ
    zum Artikel: Warum sollte man in Chemnitz nicht mit dem Steigerlied kommen können? Wegen zwei Fußballclubs? Das Lied wurde sogar 2013 auf dem Deutschen Musikfest gespielt und ist auch im Rahmen des Weihnachtsmarktes immer zu hören.
    ABSATZ
    Ich frage mich auch, warum man sich einen Veranstalter sucht, der wohl selbst nicht an den Erfolg eines solchen Festes glaubt. Wenn man ein Erzgebirgsfest macht, gehört eben die entsprechende Musik dazu. Wenn man dann aber vom Veranstalter sinngemäß zu hören kriegt: "Das will nur eine handvoll Leute hören.", ist das sehr erstaunlich. Warum macht man es dann, wenn man glaubt es interessiert keinen? Weil es billig zu bewerkstelligen war und man damit die Jubiläums-Aktions-Liste kostengünstig verlängern konnte (siehe oben)? Warum macht es nicht ein anderer Veranstalter? Weil es eben doch nur Weinfestanhängsel ist, dass er mal eben mit abarbeiten muss? So wird das nichts!

  • 3
    0
    ZwischenDenZeilen
    18.08.2018

    Schade. Fand die Idee eines Erzgebirgsdorfes auch toll. Vllt sollte der Veranstalter dies deutlich zeitlich vom Weinfest trennen, um zu verhindern dass viele Händler einfach da bleiben ..



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