Der "Faust" mit den drei Gesichtern

Seit 41 Jahren gab es den ersten Teil der berühmten Goethe-Tragödie nicht mehr in Chemnitz zu sehen. Die neue Inszenierung ist schon vor der Premiere ein Kassenschlager.

Es heißt, eine Faust-Inszenierung könne ein Theater immer auf dem Spielplan haben. Trotzdem hatte Faust - der Tragödie erster Teil zuletzt am 15. Januar 1976 Premiere am alten Karl-Marx-Städter Schauspielhaus. Regie führte damals Piet Drescher. Zwar standen seitdem der Urfaust und die Klassik-Collage "20Faust 00" auf dem Spielplan. Aber eben kein Faust I. Der hat morgen Premiere - und ist schon jetzt ein Erfolg. Die Premiere ist ausverkauft, für die folgenden sieben Vorstellungen in dieser Spielzeit gibt es mit Glück nur noch Restkarten, heißt es aus dem Besucherservice. Echte Platzauswahl gibt es erst wieder ab dem 2. September.

Einer, der sich noch an die Inszenierung aus den 1970-ern erinnern kann, ist der heutige Schauspielchef Carsten Knödler. "Dieser Faust war legendär", berichtet er. Es habe eine Fernsehaufzeichnung gegeben, "bei der habe ich die Kabel gehalten und mir damit Urlaubsgeld verdient", erinnert sich der gebürtige Dresdner, der aber seit seinem neunten Lebensjahr in Karl-Marx-Stadt lebte.


Es ist seine erste Inszenierung des Stoffs, den er als der Deutschen liebstes klassisches Stück bezeichnet. Sämtliche gesellschaftliche Themen seien darin zu finden, weshalb er sich gerade jetzt für das Stück entschieden habe. Knödler stellt die Frage, wie heute ein einerseits maßloses, zugleich zerstreutes und geteiltes Ich einer ebenso zerstreuten und zersplitterten Welt begegnet. Gleich viermal steht der Faust deshalb auf der Bühne, der Doktor begegnet immer wieder seinen multiplen Persönlichkeiten.

Mittendrin steht Philipp Otto. Er spielt sozusagen den Haupt-Faust, begleitet von Martin Valdeig als junges Alter Ego, Wolfgang Adam als älteres Alter Ego und einem Kinderdarsteller aus der Statisterie. Otto bezeichnet das, was mit der Mehrfachbesetzung dargestellt werden soll, als verschiedene Bewusstseinskammern, die jeder Mensch in sich trage. Der jüngere Faust stehe für eine Denkweise nach dem Muster von "da geht noch was, streng dich an, komm schon!" Der ältere dagegen nehme Einfluss in die Richtung von "jetzt lass doch gut sein, du hast schon genug erreicht". "Faust wirft Fragen auf, die jeden Menschen an bestimmten Lebenspunkten beschäftigen", sagt Otto. Selbst 44 Jahre alt, könne er "diese Zweifel, diese Fragen nach dem Sinn des Lebens", die Faust umtreiben gut verstehen.

Sein erster Gedanke, als er seinen Namen auf der Besetzungsliste hinter der Hauptrolle fand? "Ach du scheiße", gibt Otto zu. Zum einen wegen der Verantwortung, die man als Hauptdarsteller habe, zum anderen auch, weil die Zuschauer schon Bilder im Kopf haben - "das macht es nicht gerade einfacher". Der Faust sei nicht so einfach zu knacken, schon allein wegen der bis aufs Letzte ausgefeilten Sprache. Die sage schon alles aus, aber der Schauspieler wolle ja auch noch etwas hineinlegen, beschreibt Otto. Das sei nicht leicht und wirke schnell nach "hehrer Dichtkunst und nicht nach echten Menschen, die etwas verhandeln". Mit der Sprache des Stücks, vor allem den unzähligen Zitaten, die in den Alltagsgebrauch übergegangen sind und deren Ursprung vielen gar nicht klar sein dürfte, wird in der Inszenierung auch ironisch umgegangen. Vor allem beim "Vorspiel auf dem Theater", das eine Viertelstunde vor Vorstellungsbeginn im Foyer zu sehen ist, fallen wohl so ziemlich alle bekannten Zitate und Sätze aus dem "Faust".

In gewisser Weise schließt sich für Otto mit dem Faust auch ein Kreis. Denn es ist seine 90. Produktion - "ich habe mir mal die Zeit genommen nachzuzählen". Und schon in der Schule, es war vielleicht in der siebten Klasse, als der Osterspaziergang dran war, beeindruckte er seine Mitschüler. Die Lehrerin habe ihnen eine Schallplatte vorgespielt, auf der der Schauspieler Kurt Böwe das Gedicht vortrug. Die habe er sich ausgeliehen und es in genau dem Duktus von Böwe vorgetragen. "Die Klasse war von den Socken und ich wusste gar nicht, warum."

Faust hat morgen, 19.30 Uhr, Premiere. Die Vorstellung ist ausverkauft. In dieser Spielzeit gibt es nur noch Restkarten, freie Platzwahl wieder ab der Vorstellung am 2. September, 19.30 Uhr. Ticket-Hotline: 03 71 4000430.

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