Der Knollen-König von Callenberg

Das Stoppeln von Kartoffeln ist beliebt. Die Ausbeute eines Rentners ist besonders groß, weil er alle Tricks kennt.

Callenberg.

Wenn Herbert Reichel zehnmal am Tag durchs Dorf düst, dann weiß jeder im Callenberger Ortsteil Langenberg: Irgendwo ist Kartoffelernte. Das Gespann, ein unverwüstliches japanisches Moped mit einem alten DDR-Fahrradanhänger im Schlepptau, ist sein ortsbekannter Lastesel für den Kartoffeltransport. Eineinhalb Zentner karrt er so mit jeder Fuhre vom Feld.

Der Rentner ist mit Sicherheit der ungekrönte Kartoffelstoppelkönig der Region. Was Erntemaschinen liegen lassen, klaubt er auf und fährt es nach Hause. In den vergangenen Tagen war der Rentner vor allem auf den Flächen der Agrargenossenschaft Langenchursdorf unterwegs.

Die hat auf 230 Hektar Kartoffeln angebaut. "Wir dulden das Stoppeln nur, weil wir es nicht beherrschen können", sagt Rainer Stauch, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Langenchursdorf. "Wenn wir die Leute auf der einen Seite des Feldes wegschicken, dann kommen sie eben von der anderen Seite wieder. Für mich hört dann der Spaß auf, wenn die Leute mit Kindern auf dem Feld sind, die zwischen den Traktoren herumlaufen. Juristisch haben wir uns dagegen mit großen Schildern an den Maschinen abgesichert", sagt Stauch.

Dass so viele Kartoffeln liegenbleiben, liegt am Handel. "Die Siebketten der Maschinen sind auf 40Millimeter eingestellt. Alles, was kleiner ist, fällt durch. Diese Kartoffeln werden wir nämlich nicht los", erklärt Stauch. Der Handel wolle Premiumware. Das heißt: 40 bis 65 Millimeter Durchmesser. Angeblich will das der Verbraucher so. Stauch hat da seine Zweifel.

Herbert Reichel nimmt alles mit. Er hat in den Jahrzehnten ein untrügliches Gespür dafür entwickelt, wann und wo die Erntemaschinen anrücken. "Im vergangenen Jahr habe ich 30 Zentner gestoppelt, das war ein tolles Jahr", schwärmt der 70-Jährige. Nein, gegessen wird nur ein kleiner Teil davon, versichert er. Das meiste lagert er ein - fürs Viehzeug. "Ich bin Kleintierzüchter. Kaninchen, Hühner und so. Und eine kleine Sau füttere ich auch groß. Da brauchst du im Winter viel Futter", sagt Herbert lachend und rückt die verrutsche Brille zurecht. Die Schlepperei und das stundenlange Bücken nach den Erdäpfeln scheint dem drahtigen Senior nichts auszumachen. "Es macht schon ein bisschen Arbeit", sagt er. "Aber ich habe ja Helfer." Auf dem Feld nahe dem Falkener Waldfriedhof stoppeln Sohn Roberto Reichel und Schwiegertochter Nicole mit. Bei 30 Grad Celsius gibt es zwischendurch ein Bierchen oder einen Schluck aus der Limo-Flasche. Nicole Reichel sieht die Aktion praktisch: "Bei der Arbeit nimmt man wenigstens ab."

Stoppelkönig Reichel sucht gern am Ende des Feldes. "Da lassen die Maschinen beim Umkehren ganze Nester liegen. Da hast du gleich mal fünf bis sechs Kilo auf einem Haufen", freut er sich diebisch. Doch nicht alle Kartoffelbauern sind kulant. Reichel hat das in der Nähe von Stollberg schon anders erlebt. "Da sind die mit dem Traktor absichtlich über die lukrativen Nester noch dreimal drübergefahren, damit für uns ja nichts bleibt", bedauert er.

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