Der Kosmopolit aus der Südsee

Gerhard Klampäckel war ein ganz besonderer Chemnitzer Künstler: weitgereist, unangepasst, immer auf der Suche. Morgen wäre er 100 Jahre alt geworden.

Der Künstler Gerhard Klampäckel wird vielen Chemnitzerinnen und Chemnitzern kein Begriff mehr sein - obwohl eines seiner Werke täglich von vielen begangen wird: die Windrose aus farbigen Keramiken am Eingang des Rosenhofes. Zu Lebzeiten muss er eine der schillerndsten, aktivsten, freundlichsten, aber auch schwierigsten Persönlichkeiten der Karl-Marx-Städter und Chemnitzer Künstlerszene gewesen sein.

In seinem Leben spiegeln sich all das Leid, die Wirren und die Zwänge des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde Gerhard Klampäckel am 15. September 1919 in Vaitele auf der Südseeinsel Samoa, einer ehemaligen deutschen Kolonie. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Samoa britisch, die Familie musste zurück nach Deutschland, nach Glauchau, wo Gerhard Klampäckel aufwuchs, die Schule besuchte und die Gesellenprüfung als Reklamemaler bestand. Schon damals nahm er Zeichenunterricht in Zwickau, ging danach auf Wanderschaft, arbeitete unter anderem in Leipzig und Hamburg, war Briefträger im Wiener Judenviertel, ging zum Zeichnen an die Abendschule der Wiener Kunstakademie.

Im Jahr 1940 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, geriet in amerikanische Gefangenschaft, kam 1947 zurück nach Glauchau, bevor er von 1949 bis 1953 an der Dresdner Hochschule für Bildende Kunst bei Max Schwimmer und Lea Grundig studierte. Seine Diplomarbeit war ein Holzschnittzyklus über die in den USA wegen Spionage für die Sowjetunion hingerichteten Ethel und Julius Rosenberg. Als einer, der Krieg und Gefangenschaft erlebt hatte, nahm Gerhard Klampäckel den Antifaschismus in der DDR ernst, erzählen Weggefährten. Er wollte auch diesen Staat als eine Alternative zum kapitalistischen Westdeutschland mit aufbauen.

Trotzdem geriet er in die Mühlen stalinistischer Bevormundung, sah sich Ende der 1950er Jahre, noch ganz in den Fängen der "Formalismusdebatte", gezwungen, öffentlich Abbitte zu tun und in der "Volksstimme" zu versichern: "Ich werde mich in meinem zukünftigen Schaffen bemühen, mit all meinen künstlerischen Möglichkeiten der Arbeiterklasse, der fortschrittlichsten Klasse im Kampf um den Frieden, bessere Dienste zu erweisen." Aber Gerhard Klampäckel ließ sich nicht wirklich bevormunden. "Er war vor allem neugierig, wollte vieles ausprobieren", erinnert sich der Chemnitzer Galerist Bernd Weise. Davon zeugen auch zwei stilistisch ganz verschiedene Ausstellungen anlässlich seines 100. Geburtstags. Während die Galerie Weise hauptsächlich abstrakte, konstruktivistische Arbeiten von Gerhard Klampäckel zeigt, sind in der Galerie des Kulturvereins Denk-Art auf dem Sonnenberg figürliche Zeichnungen und Gemälde unter dem Motto "Südseeflair und ferne Welten" zu sehen. Beide Ausstellungen zeigen eindringlich die große stilistische und thematische Vielfalt, die den unsteten Gerhard Klampäckel interessierte, und "er konnte einfach alles", sagt Bernd Weise, der Klampäckel mehrfach in seinem Atelier im ehemaligen Gasthof Heinersdorf besuchte, einer "Bruchbude", so Weise, in der man nicht überall den Fußboden betreten durfte, weil der einzustürzen drohte.

Gerhard Klampäckel arbeitete unermüdlich. Er illustrierte Bücher, seinen großen Wandgemälden war oft kein langes Leben beschieden. Er entwarf Brunnen für Chemnitz, das er sich bunter wünschte, malte und zeichnete wunderbar dicht und genau, war sogar Professor an einer polnischen Kunsthochschule in München. Daneben schrieb er Prosa und Gedichte, über die Liebe und über die Lüge, die er hasste: "Vertreibt sie/Bittet alle/Um Beistand hier/Versäumt nicht/Die Götter zu rufen/denn... bleibt sie/Ist alles Rufen/Ein Dreckstier/dann gibt's nur: weg hier/Darum vertreibt sie/Vertreibt sie/So seis der Götter Gefüge/Vertreibt sie/Die halbe beflissene Lüge." Und er schrieb viele Briefe. In einem Brief an seine Frau Maria Schneider-Klampäckel jubelt er nach 1990: "Honecker weg, Erdbeeren ... in Hülle und Fülle, wenig Money, dafür aber viel Spaß an der Freud ... was wollen wir noch mehr!?" Im Sommer 1997 konnte er sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen und noch einmal auf seine Geburtsinsel Samoa reisen. Er schwärmte von der Landschaft und ihren Bewohnern.

Am 7. März 1998 starb Gerhard Klampäckel in Chemnitz unter großer Anteilnahme seiner Künstlerkolleginnen und -kollegen. Bei der Trauerfeier würdigte ihn der Formgestalter Karl Clauss Dietel "als einen der Besten der Stadt, als einen wunderbaren Menschen und Kollegen". Er wurde auf dem Friedhof St. Andreas in Chemnitz-Gablenz, unweit seiner letzten Wohnung, bestattet.

Die Ausstellung "Abstraktionen" zum 100. Geburtstag von Gerhard Klampäckel ist bis 19. Oktober in der Galerie Weise am Rosenhof zu sehen. Geöffnet hat sie Montag bis Freitag 10 bis 18, Samstag 10 bis 16 Uhr. Die Ausstellung "Südseeflair & Ferne Welten" in der Galerie des Vereins Denk-Art, Sonnenstraße 39, zeigt bis 23. Oktober Arbeiten Gerhard Klampäckels und seiner Weggefährten, darunter Erika Harbort, Michael Morgner, Osmar Osten, Dagmar Ranft-Schinke. Die Galerie ist jeweils mittwochs und samstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

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