Der Magier und der Mauerfall

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Er durchbohrte den Kopf seiner Assistentin mit Messern und überraschte sein Publikum 1989 mit einer unglaublichen Nachricht. Klaus Beyer ist Vollblut-Magier, auch wenn er nicht mehr Vorstand des Studios für Zauberkunst ist. Ein Rückblick.

"Magie", dröhnt es aus der Box. "Magie! Magie! Magische Illusionen, Zauberkunst, Schwarze Kunst. Das Studio für Zauberkunst Chemnitz präsentiert für Sie: Magisches Varieté." So klang es, kurz bevor Klaus Beyer die Bühne betrat. Den Jingle hat er selbst eingesprochen. Heute steht Beyer nicht mehr oft im Rampenlicht. Vielmehr sitzt er bequem auf seiner Couch und steuert per Fernbedienung die Musikanlage. Frau Dagmar, Beyers zuvorkommende Gattin und einstige Assistentin, hat auf einem Sessel Platz genommen. Auf grauem Flokati steht ein geschnitzter Holz-Hocker. Der Thron eines Indianerhäuptlings, erzählen sie. Ein Souvenir aus Amerika.

Klaus Beyer, der sein Alter nicht verraten will, hat eingeladen, um zurückzublicken. Er hat seinen Rückzug aus dem Vorstand des Studios für Zauberkunst bekanntgegeben, das er selbst vor über 40Jahren gegründet hat. Für Beyer war die Magie immer mehr als ein Hobby. Sie hat - nun ja - für den Zauber in seinem Leben gesorgt. Oder besser gesagt: Er war schon früh fasziniert davon, mit ihr andere begeistern zu können. Darin liege der Reiz der Bühne.

Wird Klaus Beyer gefragt, wie er zur Zauberei gekommen ist, sagt er: "Bitte beginnen Sie die Geschichte nicht so, wie alle Geschichten über Zauberer beginnen." Damit also, dass ein junger Mann irgendwann einen Zaubertrick beobachtet, seine Leidenschaft dafür entflammt und er schließlich selbst auftritt. Das, sagt der gealterte Magier, sei so unfassbar langweilig. Seine Geschichte soll anders beginnen. Also startet sie nicht in seiner Geburtsstadt Zwickau, sondern in Erfurt im Jahr 1961.

Sein Studium verschlug ihn in die Thüringer Hauptstadt. Landschaftsarchitekt wollte er werden und lebte in einer Internatsbude: Zwei Doppelstockbetten, ein Tisch, einfache Verhältnisse. Die Stadt war ein Traum für Beyer, wie er sagt. Die Krämerbrücke, die internationale Gartenbauausstellung, die Bars. In einer Gaststätte startete seine magische Karriere, die schon Jahre früher vorsichtig begonnen hatte. Dort traf Beyer auf einen Gleichgesinnten, einen erfahrenen Künstler, der gerade eine Vorstellung gegeben hatte. Sie lernten sich kennen und gründeten mit anderen Enthusiasten den "Erfurter Zauberzirkel". Beyer sagt: "Man muss einen kleinen Knall haben, wenn man auftreten will", und grinst. Frau Dagmar schüttelt den Kopf. "So etwas schreibt man doch nicht in die Zeitung."

Mit Knall oder ohne: In Erfurt stand die Truppe bei Abschlussfeiern, Bergfesten und Familienfesten vor Publikum. Klaus Beyer ließ damals gerne einen Strick ins Innere einer Vase gleiten. Hielt er den Strick in der Hand, blieb die Vase daran hängen. Aber sobald jemand anderes den Strick berührte, glitt er aus dem Gefäß. Beyer genoss die Auftritte, musste sich aber bald fragen, wohin ihn sein Weg führen soll. "Ich spielte mit dem Gedanken, Berufszauberer zu werden", erzählt er. Doch gab ihm ein Freund den Rat: "Artist werden ist schwer. Artist sein ist schwerer. Artist zu bleiben ist am schwersten." Klaus Beyer entschied sich für den Beruf des Landschaftsarchitekten, die Magie sollte ambitioniertes Hobby bleiben. Nach dem Abschluss begann er, in Karl-Marx-Stadt zu arbeiten, im Büro für Städtebau. "Die Stadt lag damals, Mitte der 60er-Jahre, teils noch in Trümmern", erinnert er sich. Das Leben war hart für manche Bewohner. Da habe es durchaus Bedarf an etwas Magie gegeben.

Auch in der neuen Heimat zog es Beyer zu Gleichgesinnten. Er schloss sich dem magischen Zirkel "Dr. Teumer" an. Später gründete er seinen eigenen Kreis, im Jahr 1975. Die Magier traten nicht nur in Karl-Marx-Stadt auf, sondern auch in Berlin oder auf Freibergs 800-Jahr-Feier. Beyers Nummern hatten sich weiterentwickelt: Statt Vasen schweben zu lassen, durchstieß er den Kopf seiner Frau, die die Assistentin gab, mit zehn Messern. Oder er fesselte sie, versteckte sie mit einem Mann aus dem Publikum hinter einem Paravent und brachte sie wieder zum Vorschein, das Sakko des Gastes unter den Fesseln tragend.

Gemeinsam hatten die beiden auch ihren wohl denkwürdigsten Auftritt. Der war im Jahr 1989, genauer gesagt am 9. November. Die beiden traten im "Chemnitzer Hof" auf. Der Wirt verriet ihnen während einer Pause, dass die Grenze geöffnet sei. "Das habe ich dann anschließend auf der Bühne verkündet", so Beyer. Allerdings habe ihm keiner der Anwesenden glauben wollen. Auch Beyer konnte es kaum fassen. Als die beiden das Hotel verließen, flüsterte Frau Dagmar: "Jetzt wird sich vieles ändern."

Damit sollte sie Recht haben - und auch wieder nicht. Die DDR verschwand bald, doch nicht Beyers Liebe zur Zauberkunst. Zwar wurden Auftritte seltener. Doch der von ihm gegründete magische Zirkel, der später "Magisches Studio" hieß, trat noch auf: Etwa zum 40. Gründungstag im Jahr 2015. Die "Freie Presse" schrieb damals: "Klassische Nummern der Schwarzen Kunst - überwiegend natürlich von Herren im traditionellen schwarzen Anzug zelebriert - ernteten begeisterten Applaus des Publikums."

In Zukunft soll das Publikum auch wieder applaudieren. Vielleicht sitzt Klaus Beyer mit seiner Frau Dagmar im Publikum. Dann, wenn Andreas Böse, sein Nachfolger im Vorstand, Magie zeigt. Was sicher ist: Beyers Liebe zur Zauberei wird auch in seinen Nachfolgern wirken.

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