Der Stadtteil der Streitpunkte und Industriedenkmale

Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Heute: Altchemnitz

Die Wiege von Chemnitz ist das Schloßviertel. Das dortige Kloster erhielt 1143 Marktrecht - die Geburtsstunde der Stadt. Für die Entwicklung der Stadt zu dem, was sie lange war und wovon sie noch heute zehrt, hat aber ein anderer Stadtteil weitaus größere Bedeutung: Altchemnitz. Hier liegt ein Großteil der industriellen Wurzeln von Chemnitz, der Grundstein für den Aufstieg zum Manchester des Ostens.

Altchemnitz erstreckt sich vom Viadukt an der Beckerstraße über mehrere Kilometer in Richtung Süden. Im Westen wird der Stadtteil vom Chemnitz-Fluss begrenzt, im Osten von der Bahnlinie ins Erzgebirge. Auf fünf Quadratkilometern Fläche wohnen fast 6000 Menschen. Die Einwohnerdichte ist damit so gering wie in keinem anderen zentrumsnahen Stadtteil. Ein Umstand, der sich mit Blick auf die Geschichte und ihrer Zeugnisse erklärt.


Altchemnitz entstand einst aus einer kleinen Siedlung heraus. Die heutige Paul-Gruner-Straße war die zentrale Achse, an der sich Fachwerkbauten befanden und um die sich herum Bauernhöfe gruppierten. Mitte des 19. Jahrhunderts verschwand die bäuerliche Landwirtschaft. Der Grund: Seit etwa 1820 machten sich Industriebetriebe im Viertel breit. Vor allem Textilfabriken siedelten sich entlang der Chemnitz an. Sie nutzten das Wasser für ihre Produktion, entließen aber zum Teil auch ihre Abwässer in den Fluss. Von der Goeritz-Weberei an der heutigen Beckerstraße über die ehemalige Nadel- und Platinenfabrik an der Annaberger Straße bis zur Baumwollspinnerei an der Schulstraße im Süden zeugen große Industriebauten von dieser Zeit. Altchemnitz zählt heute 34 Technische Denkmale - so viele wie kein anderer Chemnitzer Stadtteil.

Michael Backhaus wohnt seit 60Jahren in Altchemnitz. Er hat als Fotograf gearbeitet, kennt nahezu alle Ecken - auch die idyllischen Rückzugsorte wie den Wasserwerkspark an der Erfenschlager Straße. "Der Park ist eine Ruheoase. Wenn es heiß ist, kann man es dort ganz gut ertragen", meint der 71-Jährige.

Mit seiner Kamera hat er den Wandel von Altchemnitz festgehalten. Einen Wandel, den er kritisch sieht. Backhaus stört sich vor allem am Abriss, der auch in Altchemnitz eine große Rolle spielte. Verschwanden im ehemaligen Heckertgebiet zu Beginn der 2000er-Jahre vor allem leerstehende Neubauten, erwischte es in Altchemnitz viele Altbauten. "Man hätte diese Häuser sichern müssen. Irgendwann werden sie gebraucht", meint Backhaus. Besonders ärgerlich aus seiner Sicht: Häufig seien Teile von Doppelhaushälften weggerissen worden. Das, was zurückblieb, nennt er "Krüppel". Nicht nur Wohnhäuser, auch Fabriken, in denen spätestens mit der Wende das Licht ausging, verschwanden. Auf den Brachflächen siedelten sich zum Teil Autohändler an, zum Teil blieben sie leer - ein Grund für die eher geringe Einwohnerdichte des Stadtteils und den zuweilen wenig attraktiven Anblick.

Für die Fabriken, die noch erhalten sind, fehlt häufig eine Idee. Backhaus hat sich nach eigenen Angaben schon in den 1990er-Jahren für eine Umnutzung dieser Gebäude eingesetzt. "Das sind Relikte der Industriegeschichte, die man pflegen muss. Sie können Touristen anlocken", sagt er. Gelungen ist das vor allem im zentrumsnahen Gebiet von Altchemnitz: Im Wirkbau haben sich dutzende Firmen niedergelassen, in der Spinnerei an der Altchemnitzer Straße Freizeiteinrichtungen wie eine Boulderhalle und ein Partygelände etabliert. Im Süden des Stadtteils gibt es dagegen bislang kaum Lösungen für die leerstehenden Ruinen.

Altchemnitz steht symbolisch für viele Probleme der Stadt - und für den Widerstand der Bevölkerung. Die beiden größten Streitfälle in Bezug auf historisch bedeutsame Bauten liegen in diesem Quartier. Zum einen das Haus Annaberger Straße 110, das nach Stadtangaben einsturzgefährdet ist und abgerissen werden sollte. Es steht nach Protesten vieler Bürger immer noch und soll nun an einen neuen Besitzer gehen, der es sanieren will. Zum anderen das Viadukt an der Beckerstraße. Die Bahn wollte es abreißen und durch einen Neubau ersetzen lassen. Nach langem Kampf vieler Bürger wird es nun erhalten und saniert.


Das ist Altchemnitz

Wohnquartiere wie an der Comeniusstraße, Grünanlagen wie der Wasserwerkspark, große Gewerbeparks sowie Brachflächen und leerstehende Industriebauten - Altchemnitz ist sehr heterogen. Der Stadtteil ist über die Straßenbahn gut angebunden. Möglichkeiten zum Einkaufen gibt es viele, darunter das Altchemnitzcenter. 6100 Menschen leben hier - fünf Prozent mehr als 2008. Der Ausländeranteil liegt bei 8,6 Prozent. (lumm)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 3 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    1
    Interessierte
    21.07.2019

    Schönes Haus , da an der Ecke , wann wird denn das mal saniert ?

    Und der Wirkbau da hinten rechts , Bild 2 , da könnten diese Musiker aus der Brühlschule einzigen , dort stört die Musik niemanden und die Brühlschule könnte wieder als Schule genutzt werden , da braucht man dann auch keine Millionen für ein Hof-Überdachung .....

  • 3
    8
    christophdoerffel
    13.07.2019

    Ich finde das Wegreißen von Industrieruinen in Ordnung. Dort kann man Gewerbegebiete ausweisen. Die Infrastruktur ist vorhanden und es müssen keine neuen Flächen versiegelt werden.

    Natürlich sind die neuen Gebäude nicht so prunkvoll und repräsentativ wie die alten es einmal waren, aber eine moderne Produktion stellt halt andere Anforderungen.

    Wenn in unserer Stadt, wie beim Viadukt gesehen, immer nur Altes erhalten wird, wo bleiben dann unsere Spuren im Stadtbild?



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...