Der Trainer und die Kanzlerin

Der aus Syrien geflüchtete Coach des U19-Teams der Niners nutzte Merkels Besuch für persönliche Worte. Die mehr als 100 Journalisten aus dem In- und Ausland konnten das Treffen mit den Basketballern nur aus der Ferne verfolgen.

Dieser Tag wird Mohammed Hajjar noch lange in Erinnerung bleiben. Ein Selfie mit der Bundeskanzlerin ist dem Nachwuchstrainer des Basketballzweitligisten Niners Chemnitz am Freitagmittag in der Hartmannhalle zwar nicht geglückt. Dafür konnte er aber etwas loswerden: einen Dank an Angela Merkel. "Ich habe ihr auf Deutsch gesagt: ,Vielen Dank, dass Sie mich aufgenommen haben und dass ich hier eine Chance bekommen habe.'"

Hajjar stammt aus Syrien. In seiner Heimat war er ein erfolgreicher Basketballspieler und Nachwuchstrainer. Wegen des anhaltenden Bürgerkriegs im Land entschied er sich 2015 zur Flucht aus der damals umkämpften Stadt Aleppo, in der noch immer seine Eltern und Geschwister leben. In dem Jahr, in dem - auch wegen der Aufnahmebereitschaft der Bundesregierung - besonders viele Asylsuchende und Flüchtende nach Deutschland kamen und Angela Merkel den Satz "Wir schaffen das" sagte. In diesem Jahr also schaffte es auch Hajjar nach Europa und schließlich Deutschland, mit einem Boot über das Mittelmeer und mit Hilfe von Schleppern. Hier wurde ihm subsidiärer Schutz gewährt, befristet bis Januar 2020. Hajjar lebte unter anderem in Passau und Dortmund, erwarb beim Deutschen Basketballbund die Trainer-Lizenz und heuerte schließlich bei den Niners Chemnitz an, die ihn als Trainer der U19-Mannschaft engagierten.

Seit 15 Monaten coacht er nun die Chemnitzer Basketball-Junioren. 15 Monate, in dem sich in seinem Leben viel verändert hat. Er habe dank seines Jobs Verantwortung übernommen, Erfahrungen gesammelt, Kontakte aufgebaut, noch besser deutsch gelernt, auch wenn er ab und an ein englisches Wort in seine Sätze streut: "Ich habe einen Schritt vorwärts gemacht", sagt Hajjar. Er führe ein normales Leben - "viel arbeiten, essen, schlafen" - und fühle sich in Deutschland wohl. Er schätze die Natur, die Professionalität, mit der vieles - so auch ein Sportverein - organisiert ist und die Arbeitsmentalität "Du wirst für das bezahlt, was du leistest. Das ist fair."

Einen unfreiwilligen Schritt zurück hat dagegen seine neue Heimatstadt gemacht, die nicht aus den negativen Schlagzeilen herauskommt. Nach dem gewaltsamen Tod eines jungen Mannes am Rande des Stadtfestes Ende August, für den ein Iraker und ein Syrer verantwortlich sein sollen, gab es in Chemnitz rechtsgerichtete Demonstrationen, Übergriffe auf Migranten und Anschläge auf Restaurants ausländischer Betreiber - der Vorlauf für den Besuch der Bundeskanzlerin am Freitag. Er sei bislang nicht angegriffen worden, sagt der 2,03 Meter große Hajjar. Den Demonstranten, die Woche für Woche dem Aufruf der Rechtspopulisten von Pro Chemnitz folgen, wirft er vor, nur das Schlechte in den Flüchtlingen sehen zu wollen. "Es gibt unter den Flüchtlingen gute Menschen, aber auch schlechte - und das ist sehr schade. Aber mit uns ist auch viel Gutes nach Deutschland gekommen, gut ausgebildete Arbeitskräfte, neue Kulturen, neues Essen", meint der Basketballtrainer. Viele Menschen in Deutschland wüssten das, ist sich Hajjar sicher: "Ich danke den Deutschen dafür, dass sie verschiedene Kulturen akzeptieren und so weltoffen sind", sagt der Syrer.

Weltoffen - so hat Hajjar nach eigenem Bekunden auch die Kanzlerin bei ihrem Besuch bei den Niners erlebt. "Sie war außerdem ruhig, unkompliziert, freundlich. Es war geil", so Hajjar. Merkel weilte eine Stunde bei den Niners, schaute sich eine Trainingseinheit der U16- und U19-Mannschaft an, sprach mit der Vereinsführung und diskutierte anschließend unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Spielern und Trainer über Basketball, ihr Leben und die Ereignisse in Chemnitz (siehe Info-Kasten). Hajjar berichtet von einer äußerst positiven Stimmung: "Ich gehe mit neuer Kraft aus dem Treffen."

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Mehr zum Besuch von Merkel in Chemnitz in unserem Special

 

Was Merkel und die Niners besprochen haben

Alltägliches, Kultur, Flüchtlinge - das waren nach Angaben von Nachwuchsspieler Robert Marmai Themen, die beim Treffen mit den Niners angesprochen wurden. Der 17-jährige Marmai war anschließend gemeinsam mit seinem Mannschaftskollegen Dominic Tittmann vor die Kameras getreten. Seinen Schilderungen zufolge habe Merkel wissen wollen, wie die Spieler die Stimmung in Chemnitz empfinden. Und wie empfinden sie sie? "Vor allem das große Konzert am 3. September hat uns aufgemuntert", berichtet Marmai. Der Zusammenhalt habe gezeigt, dass Chemnitz nicht so ist, wie die Demonstrationen und Ausschreitungen nach dem Stadtfest vermuten lassen. Die Kanzlerin habe erwidert, was passiert ist, sei erschreckend. Aber die Gewalt sei von extremen Randgruppen ausgegangen. Die gemäßigte Mitte der Gesellschaft überwiege.

Wie sie mit Druck umgeht, hätten die Nachwuchssportler von Merkel wissen wollen, berichtet der 15-jährige Niners-Akteur Dominic Tittmann. Sie habe geantwortet, in solchen Situationen müsse man locker bleiben und sich die Zeit gut einteilen. Tittmann sprach sich außerdem vor den Medienvertretern gegen Verallgemeinerungen aus. Man müsse Situationen detaillierter betrachten und Menschen nicht nur in Linke oder Rechte einteilen.

Auch Sorgen und Ängste der Spieler - vor allem jener mit Migrationshintergrund - seien angesprochen worden, schildert der Trainer der U16-Mannschaft, Christian Meichsner. Merkel habe geantwortet, es sei gut, dass der Verein zusammenstehe und den Spielern helfe. Es dürfe aber auch nicht sein, dass man sich Gedanken darüber macht, wo und zu welcher Zeit man auf die Straße geht. Bislang, so Meichsner, seien die Nachwuchs-Basketballer nicht angegriffen oder angefeindet worden. Er arbeitet seit vielen Jahren für die Niners. Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben ihn beschäftigt. "Schade ist, dass in vielen Darstellungen alle über einen Kamm geschert wurden." Die Stadt bestehe aus vielen Personen. Die rechten Demonstrationen und Übergriffe seien nicht repräsentativ für Chemnitz, findet Meichsner, der das Treffen mit Merkel als locker und kurzweilig beschreibt. jpe/lumm

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