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Deutschlands beliebteste Pflegeprofis: Team der Chemnitzer Corona-Station ausgezeichnet

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In einer Ausnahmesituation musste sich eine gesamte Station plötzlich einer neuen Aufgabe stellen: dem Kampf gegen Covid-19. Dafür wurde die Mannschaft geehrt. Doch wie haben die Mitarbeiter die Zeit erlebt?

Chemnitz.

Die neue Zeitrechnung für das Pflegeteam der akutgeriatrischen Station des Küchwald-Klinikums hat am 15. Oktober 2020 begonnen. Die zweite Welle der Pandemie baute sich gerade auf. Die Stadtverwaltung meldete 18 neue Corona-Fälle, im Klinikum galt seit fünf Tagen ein absolutes Besuchsverbot. 22 Covid-Patienten wurden im Krankenhaus am Küchwald behandelt, drei von ihnen mussten beatmet werden. "Die Infektionszahlen steigen steil an", meldete die Pressestelle.

18 Schwestern und Pfleger übernahmen an diesem Tag eine neu eingerichtete Station für Covid-Patienten in der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin im Gebäude E 11 direkt am Waldrand. Erster Stock, 13 Zimmer, 24 Betten. Sie, die bisher vor allem akute Erkrankungen älterer Menschen behandelt hatten, sahen sich plötzlich nur noch einer Krankheit gegenüber: Covid-19. Und einem ansteckenden, potenziell tödlichen Virus. "Wir mussten uns erst einmal mit dem neuen Fachgebiet auseinandersetzen", erinnert sich Stationsleiterin Ute Oelmann. "Es sind andere medizinische Therapien notwendig, eine intensivere Überwachung", sagt Schwester Nadja Gabriel. Hinzu kommen viele Infusionen, viele Blutentnahmen.

Ohne die Schwestern und Pfleger der Infektionsstation K 110 wäre die schnelle Einarbeitung nicht möglich gewesen, betont die stellvertretende Stationsleiterin Kristin Kummerlöw und lobt die Zusammenarbeit. Doch viel Zeit blieb dem Team nicht. Immer mehr Patienten mussten behandelt werden. Schon bald war die Station mit 24 Erkrankten voll belegt. "Das war Normalität über Monate", so Ute Oelmann.

Wenn sie zurückblickt, sind ihr vor allem zwei Zeiträume in Erinnerung geblieben. Die zweite Welle von Mitte November bis Mitte Januar und die dritte von Mitte März bis Mitte April. Besonders der Dezember sei heftig gewesen, weil viele Mitarbeiter ebenfalls positiv getestet wurden und der Dienstplan ständig geändert werden musste, sagt Ute Oelmann. Sie habe sich jedoch zu jeder Zeit auf ihre Mannschaft verlassen können. "Es ist immer jemand eingesprungen, wenn ein anderer ausgefallen ist", sagt sie. Auch Pflegekräfte aus anderen Stationen wurden zu Hilfe gerufen.

Die dritte Welle hatte es in sich. "Viele Jüngere ab 40 waren betroffen. Das hat uns noch mehr belastet", sagt Nadja Gabriel. Die Krankheit verlief rasanter. "In kurzer Zeit rauschte die Sauerstoffsättigung in den Keller." Nicht selten mussten Patienten innerhalb kurzer Zeit auf die Intensivstation verlegt werden, weil sie keine Luft mehr bekamen. "Wir sind einige Male über die Kellergänge zur Intensivstation gerannt", sagt die Stationsleiterin. Doch manchmal war alle Hilfe umsonst. "Auch die Betreuung von Sterbenden und der Tod gehörten zur Arbeit in der Pandemie", sagt Kristin Kummerlöw.

Dennoch, Bilder von der Station habe sie keine im Kopf, wenn sie die Augen schließe, sagt Ute Oelmann: "Sie müssen abschalten, sonst werden Sie verrückt." Natürlich gebe es Familienschicksale, die bewegen, infizierte Schwangere, bei denen man auch um das Baby bange. "Wir haben im Team darüber geredet", sagt Kristin Kummerlöw. Und Nadja Gabriel fügt hinzu: "Wir konnten uns aufeinander verlassen." Dieser Satz fällt im Gespräch mit den drei Schwestern immer wieder.

Haben sie um sich selbst Sorge gehabt? "Ja und nein", sagt Ute Oelmann. Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Zentrum Innere Medizin II, habe ihnen in vielen Dingen die Angst genommen. "Und er hat uns motiviert, selbst etwas für uns und unsere Seele zu tun und hat viele Gespräche mit uns geführt", sagt Ute Oelmann. Wie hat das ausgesehen? "Wir sind sehr viel wandern gegangen, um runterzukommen. Auch mit dem Rad waren wir unterwegs", sagt Nadja Gabriel. Und demnächst geht es sogar aufs Wasser. Das gesamte Team sowie Ärzte und Pflegepersonal, das in den vergangenen Monaten die Station verstärkt hat, unternehmen gemeinsam eine Paddeltour. Mit dem Ausflug wird eine Auszeichnung gefeiert, die die Mannschaft der K 111 erhalten hat. Im Wettbewerb "Deutschlands beliebteste Pflegeprofis" gewann die Station den Preis für das beste sächsische Team und vertritt den Freistaat nun im Bundesvergleich. "Wir haben uns sehr über den Preis gefreut", sagt Ute Oelmann.


Zunächst habe man von dem Wettbewerb gar nichts gewusst. Angemeldet hat das Team Christian Pihl, Professor für Gesundheitsökonomie, von der Fakultät für Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Der gelernte Pfleger arbeitete im Winter mehrere Wochenenden auf der K 111. "Mein pflegerischer Einsatz auf der K 111 hat bei mir nachhaltig Eindrücke hervorgerufen. Trotz der ungewöhnlichen Situation hat mich das Team positiv aufgenommen", sagt Pihl. Als Ausdruck seiner Wertschätzung habe er das engagierte Team für den Preis nominiert. "Die eminente Bedeutung der Pflegefachkräfte und deren besondere Bedeutung für uns alle ist ja in der aktuellen Krise deutlicher denn je zuvor."

Ute Oelmann hofft, dass die Pflege mehr wahrgenommen wird. "Und dass wir genügend Nachwuchs ausbilden, denn der Pflegenotstand ist da." Die Coronakrise scheint bei einigen jungen Leuten ein Umdenken ausgelöst zu haben, was sich in den Bewerbungen für die medizinische Fachschule des Klinikums niederschlage. Das Klinikum müsse sich derzeit nicht sorgen, die Klassen der Berufsfachschule vollzubekommen, sagte ein Sprecher des Klinikums.

Der Nachwuchs kann vom Team der K 111 vieles lernen. Geholfen habe ihnen in der Ausnahmezeit der vergangenen Monate der große Zusammenhalt untereinander, sagt Ute Oelmann. Das habe in psychisch anstrengenden Situationen die nötige Kraft gegeben. "Wir sind dadurch noch enger zusammengewachsen." Nadja Gabriel sieht eine große Hilfe darin, dass das Team schon viele Jahre zusammenarbeitet. "Das hat uns zusammengeschweißt. Bei Ausfällen sind wir gegenseitig eingesprungen."

Dennoch mussten auch sie mit Vorbehalten fertig werden. "Es gab Leute, die mich gemieden haben, die mit der Corona-Krankenschwester nichts zu tun haben wollten", sagt Kummerlöw. Sie spricht von Menschen, die sie für positive Fälle verantwortlich machten. Nadja Gabriel musste darum kämpfen, ihr Kind in die Kita-Notbetreuung geben zu dürfen. "Das muss man wegatmen, genau wie Leute ohne Maske beim Bäcker", sagt Kristin Kummerlöw. Mit Coronaleugnern haben sie auch ihre Erfahrungen gemacht. "Es gibt immer noch Leute, die denken, Corona ist eine Grippe", sagt Ute Oelmann. "Die können alle gern auf Station kommen und einen Tag mitarbeiten. Mal sehen, wie sie dann darüber denken", sagt Nadja Gabriel.


Wettbewerb geht im Herbst in die zweite Runde - Pflege-Experte mahnt Änderungen an 

Der bundesweite Wettbewerb "Deutschlands beliebteste Pflegeprofis" findet seit 2017 zum dritten Mal statt. Der Verband der Privaten Krankenversicherung PKV will darauf aufmerksam machen, wie wichtig gute Pflege in der Gesundheits- und (Kinder-)Kranken- sowie Altenpflege ist. Die Abstimmung über die Sieger lief vier Wochen auf der Internet-Seite www.deutschlands-pflegeprofis.de. Alle Internetnutzer konnten ihre Stimme abgeben.

Die meisten Stimmen in Sachsen erhielt das Team von der Station K 111, die zum Zentrum für Innere Medizin II des Klinikums gehört. "Das ist ein wunderbares und verdientes Signal der großen Wertschätzung für unser Team auf der K 111. Es ist schön, dass dieses eine Team stellvertretend für so viele im Klinikum nun als Landessieger herausgehoben wird," sagt Klinikum-Geschäftsführer Thomas Jendges. "Die große Anerkennung gebührt aber zugleich auch den vielen anderen Pflegenden, die in der wechselhaften Zeit der Pandemie durch große Flexibilität, hohes Engagement und Empathie dabei geholfen haben, sich ständig verändernde Anforderungen an Kliniken und Beschäftigte planbar und beherrschbar zu halten", so Pflegedirektorin Ines Haselhoff.

Nach der Preisverleihung im Sommer startet im Herbst der Wettbewerb in Runde 2: Bis 31. Oktober werden online die Bundessieger gewählt. Im November soll in Berlin das Fest der Pflegeprofis gefeiert werden.

Professor Christian Pihl betont, dass "die Fragilität der pflegerischen Versorgung" in der Pandemie grundsätzlich offen zu Tage getreten sei. Er mahnt, auf den berechtigten Anspruch von Patienten auf umfassende pflegerische Versorgung ebenso zu sehen wie auf die seit Jahren seitens des Pflegepersonals existenten Forderungen nach einer angemessenen Vergütung, einer Optimierung der Arbeitsbedingungen und einer Verbesserung der personellen Lage. Zu den gegenwärtigen Bedingungen sei Pflege kein attraktiver Beruf. "Das Klatschen auf den Balkonen war sicherlich ein wichtiges Signal der Wertschätzung." Es sollte aber ein gesellschaftlicher Diskurs geführt werden, um den Pflegenden und Gepflegten mehr Gehör und Wertschätzung zu verschaffen, auf die sie lange verzichten mussten, so Pihl. (hfn)

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