Dialogformat "Deutschland spricht": Der Andere könnte Recht haben

Mit dem Dialogfomat "Deutschland spricht" sollen Menschen ins Zwiegespräch kommen, die gesellschaftspolitisch ganz unterschiedlicher Ansicht sind. Die "Freie Presse" beteiligt sich als einziges ostdeutsches Zeitungshaus an dem bundesweiten Projekt.

Chemnitz.

Nach der Bundes-Notbremse streitet Deutschland, wie es weitergehen könnte. Sollten Geimpfte und Genesene mehr Freiheiten als Nichtgeimpfte erhalten? Hatten die Bundesländer in den vergangenen Monaten zu viel Macht; wäre ein Durchgreifen des Bundes viel früher viel besser gewesen? Die Pandemie und ihre Folgen bestimmen seit mehr als einem Jahr das Leben der Deutschen. Dennoch bewegen auch andere Themen - vom Mietendeckel, über die Russlandpolitik bis zur Stellung der Ostdeutschen im bundesweiten Gebilde. Deutschland streitet in vielen Bereichen über den richtigen Weg. Die Nutzer und Leser der "Freien Presse" können dabei mitreden, sich einmischen. Die regionale Tageszeitung beteiligt sich in diesem Jahr erstmals am Dialogformat "Deutschland spricht".

Die Idee ist vergleichbar mit einer Datingplattform für politischen Streit: Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten beziehungsweise konträren Antworten auf aktuelle gesellschaftspolitische Fragen sollen miteinander ins Gespräch kommen. Im Sommer 2017 initiierte das Medium "Zeit online" erstmals das Projekt "Deutschland spricht". Tausende bewarben sich um ein persönliches Streitgespräch mit einer Person, die ganz anderer Meinung ist. Seither findet "Deutschland spricht" regelmäßig statt, mehr als 60.000 Menschen haben bislang teilgenommen.

Anfangs trafen sich die Gesprächspartner persönlich, im vergangenen Jahr mussten sich die Teilnehmer erstmals zum virtuellen Vier-Augen-Gespräch verabreden. Seit der zweiten Auflage sind mehrere Medienpartner im Boot - in diesem Jahr neben Zeit online und "Freie Presse" die überregionalen Medien Handelsblatt, Stern und FAZ sowie der Norddeutsche Rundfunk. Das Dialogformat ist zuletzt mit mehreren Medienpreisen ausgezeichnet worden, darunter mit dem Grimme Online Award.

Die "Freie Presse" beteiligt sich als einziges ostdeutsches Zeitungshaus an der Aktion und gehört in diesem Jahr das erste Mal zu den Mit-Ausrichtern. Neuland betritt die "Freie Presse" damit jedoch nicht. Die Beteiligung an "Deutschland spricht" ist von der Grundidee her vielmehr eine Fortsetzung des Gesprächsformates "Chemnitz diskutiert", das 2018 erstmals aufgelegt wurde - in Reaktion auf die Ereignisse in der Stadt. Ein Asylbewerber hatte den 35-jährigen Chemnitzer Daniel H. erstochen. Demonstrationen folgten, Ausschreitungen. Rechte und Gewaltbereite mobilisierten ihre Unterstützer, tagelang bestimmte der braune Mob das überregionale Medienbild von Chemnitz. Die Stadt stand unter Schock, die gesellschaftliche Mitte schwieg zunächst, dabei war der Gesprächsbedarf groß.

An dieser Stelle verließ die "Freie Presse" ein Stück weit ihre natürliche Beobachterrolle und initiierte "Chemnitz diskutiert": Bürger der Stadt mit unterschiedlichen politischen Ansichten fanden an Workshop-Tischen zueinander, kamen ins Gespräch über Asylpolitik, Demonstrationen und die Sicherheit in der Innenstadt. Am Ende standen ganz praktische Vorschläge - zum Beispiel das Einrichten beleuchteter Frauen-Parkplätze im Zentrum, die danach von der Stadt geschaffen wurden.

Der ersten Auflage von "Chemnitz diskutiert" schloss sich kurz darauf eine öffentliche Diskussion über die deutsche Asylpolitik sowie die Chemnitzer Ereignisse mit der Bundeskanzlerin an. Die "Freie Presse" hatte dafür Angela Merkel nach Chemnitz eingeladen. Als Anerkennung dafür, die Stadt-Gesellschaft wieder miteinander ins konstruktive Gespräch gebracht zu haben, ist die Zeitung mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung geehrt worden.

Doch nicht nur in politisch brisanten Zeiten sollten die Bürger im Gespräch bleiben. Auch deshalb gab es inzwischen eine zweite Auflage von "Chemnitz diskutiert", die sich einem anderen kommunalpolitischen Thema widmete: Verkehr und Mobilität in der Stadt standen im Mittelpunkt der Diskussionsrunde.

Insbesondere für die erste Debatte hatte die "Freie Presse" eine kleine Etikette erarbeitet, auch weil in dieser aufgeheizten Stimmung die Standpunkte verhärtet waren. Chefredakteur Torsten Kleditzsch hatte einen Leitgedanken für die Gespräche formuliert: Es könnte sein, dass der andere Recht hat. Mit dieser Offenheit ins Streitgespräch zu gehen, bietet sich auch für "Deutschland spricht" an.

"Das aktuelle Projekt folgt wie unser Engagement 2018 dem Gedanken, dass die Zeitung neben verlässlichen Informationen auch stets ein Forum bieten sollte, in dem ein Austausch möglich ist über Lagergrenzen hinweg", sagt Kleditzsch heute. Die Gesellschaft sei dabei, in immer kleinere Interessengruppen zu zerfallen. "Zu wenige Menschen verlassen gedanklich noch ihre eigene Welt, zu viele suchen ausschließlich Bestätigung und lassen es gar nicht mehr zu, dass die eigene Position infrage gestellt werden könnte." Deshalb, so Kleditzsch, sei die "Freie Presse" in diesem spannenden Wahljahr bei "Deutschland spricht" mit von der Partie.

Wie kommen die Gesprächspartner zueinander? Nutzer und Leser finden auf den Online-Seiten sowie in der gedruckten Ausgabe der "Freien Presse" Hinweise auf "Deutschland spricht". Dabei werden kontroverse Ja-/Nein-Fragen gestellt, die Deutschland derzeit diskutiert. Der Pfad führt zur Anmeldung. Ein Algorithmus sucht für jeden Teilnehmer einen passenden Dialogpartner. Einige Zwiegespräche werden mit Einverständnis der Teilnehmer von einem Reporter in der "Freien Presse" dokumentiert.

Acht Ja/Nein-Fragen werden in den folgenden Wochen regelmäßig auf der "Freie Presse"-Homepage sowie in der gedruckten Ausgabe veröffentlicht. Wenn Sie die Fragen beantworten und sich anschließend anmelden, wird ein Algorithmus jeden Interessenten so schnell wie möglich mit einer Person zusammenbringen, die ganz anders über diese Fragen denkt. Sobald beide dem Gespräch zugestimmt haben, können sie sich auf einer selbst gewählten Videoplattform zu einem virtuellen Vieraugengespräch verabreden.

Es besteht die Möglichkeit, mehrere Diskussionen mit unterschiedlichen Menschen zu führen. Da die Fragen je nach politischer Lage aktualisiert werden, können Sie sich bis zur Bundestagswahl mehrfach anmelden. (dy)

Anfragen zu "Deutschland spricht" können gestellt werden an support@mycountrytalks.org.

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66 Kommentare
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  • 6
    2
    Malleo
    05.05.2021

    Der Andere könnte Recht haben!
    Endlich, so scheint es, erinnert man sich daran, dass sich eine Debattengesellschaft nicht zu fein sein darf, Ansichten anzuhören, die nicht dem angesagten oder gewünschten mainstream folgen.
    Wie oft muss man erleben, dass bei Nichtzustimmung der veröffentlichten Meinung-sie ist nicht die öffentliche Meinung- die Angst vor diesen „anderen“ Gedanken inzwischen so groß geworden ist, dass der Zwischenschritt des Nachdenkens zugunsten der automatischen Zurückweisung entfällt.
    Das Ausmaß dieser Fragmentierung der Debattenkultur reicht von Universitäten, dem Kulturbetrieb (siehe Maron) bis zu den Medien.
    Reziproke Toleranz? Nein danke!
    Werkzeuge wie Netiquette oder das Zauberwort „Pauschalisierung“ werden gern angewandt, um die Zuschrift in die Tonne zu treten oder als Leser gesperrt zu werden!
    Beweise kann ich liefern! Richtig, Herr Kleditzsch?
    Insofern, die Überschrift ist so humorvoll wie der Slogan der DB: Alle reden vom Wetter- wir nicht!

  • 6
    2
    klapa
    05.05.2021

    'Der Andere könnte Recht haben'.

    Herr Kleditzsch, gilt das auch für die elitäre Poltikerkaste unseres Landes? Offenbar und nach meiner Erfahrung nicht.

    Weshalb machen die Damen und Herren Politker dem einfachen Volk nicht einfach einmal vor, wie man nach den demokratischen Spielregeln diskutieren sollte, um eine Debattenkultur im Land zu etablieren, die diesen Namen verdient.

    Also gilt Ihr Spruch wieder nur für Otto-Normalverbraucher?

  • 6
    2
    klapa
    05.05.2021

    "Zu wenige Menschen verlassen gedanklich noch ihre eigene Welt, zu viele suchen ausschließlich Bestätigung und lassen es gar nicht mehr zu, dass die eigene Position infrage gestellt werden könnte." - s. o.

    Passt wie die Faust aufs Auge, wenn es um die politische Elite dieses Landes geht, die fern von der Realität in ihrer Blase lebt und kaum noch eine Beziehung zu den Bürgern dieses Landes hat.

  • 4
    8
    HEIMAT2021
    03.05.2021

    @SimpleMan
    Leider wird mein Kommentar vs. dem Ihrigen nicht freigegeben. Dabei habe ich mich auf den 4.Absatz des Artikels oben bezogen. Ich bin der Überzeugung das "Reden und Zuhören" manchmal nicht reicht wenn es um das "Ueberleben" geht. Dies betrifft auch das zeitnahe Impfen von Anfang an.

  • 11
    5
    SimpleMan
    03.05.2021

    @HEIMAT2021 Mit "Fakt ist ..." einen Kommentar zu einem Artikel zu " ... Der Andere könnte Recht haben " zu beginnen, zeugt von sehr viel Selbstironie oder so ;-)

  • 18
    14
    HEIMAT2021
    03.05.2021

    Thema Geimpfte:Fakt ist doch das Deutschland und deren Verantwortliche!!! anfangs zu wenig Impfstoff geordert haben und Frau von der Leyen sich noch auf die Schulter klopfte.
    1.kam es dadurch zu viel mehr Todesfällen.
    2.kam es zu mehr Insolvenzen
    3.gab es dadurch mehr Arbeislosigkeit
    4.ging die Verschuldung in die Milliarden welche 5.unsere Urenkel noch abzahlen muessen usw.
    Dies wird verschwiegen und die Parteien finden immer wieder "Verschleierungsworte" um unser Volk zu beschwichtigen, sich ins rechte Licht zu stellen etc.
    Pandemie Problemlöser sind Menschen die gar nicht erst Probleme aufkommen lassen, sondern bei diesem neuen Ereignis, was ja irgendwann mal kommen müsste, vorausschauend vom Ende her mitdenken und handeln!