Die Atlantik-Abenteuer eines Chemnitzers

Ein Mittfünfziger hat seinen Job aufgegeben und sich ein Schiff gekauft. Das wäre jedoch mitten auf dem Ozean fast in Flammen aufgegangen.

Mitten auf dem Meer reparierte Georg Fietsch immer wieder die Elektronik seines Schiffes.
Mit dem mehr als elf Meter langen Segelschiff der Baureihe Catalina 36 stachen Georg Fietsch und seine Aussteiger-Begleiterinnen Olivia (links) und Nour von den Kanaren aus in See. Fotos: Fietsch/Nour/Olivia
Die starken Winde auf dem Atlantik ließen während der Überfahrt auch einmal das Segel reißen.

Von Peggy Fritzsche

Georg Fietsch hat es schon wieder getan. Bereits zum zweiten Mal überquerte der 55-Jährige in einem Segelschiff den Atlantik. War er beim ersten Mal vor fast 20 Jahren noch als Helfer an Bord, steuerte er den Segler diesmal selbst.

Jetzt hat er wieder festen Boden unter den Füßen - und gewohnten Chemnitzer Boden dazu. Sein Schiff leint derzeit verzurrt und verschlossen in einem Hafen der niederländischen Antilleninsel Curaçao. Es war aber nicht das Heimweh, welches Georg Fietsch zurück nach Deutschland getrieben hat. Die Karibik ließ der ehemalige Vertriebsleiter hinter sich, um Ersatzteile zu kaufen. Denn sein Schiff hat während der strapaziösen Ozeanüberquerung ziemlich gelitten.

Der Reihe nach: Bereits im Jahr 2015 entschied sich Georg Fietsch dafür, seinen Lebenstraum zu erfüllen: mit dem Segelschiff auf den Weltmeeren kreuzen. Er kaufte sich ein Boot, etwas mehr als elf Meter lang, mit 21 Pferdestärken-Innenbordmotor, Baujahr 1986 - und ließ es auf den Heimathafen Chemnitz zu. "Die Stadt hat einen Fluss, und damit ist das möglich", stellt Fietsch lapidar fest. Wer ihn jedoch kennt, der weiß, dass er an solchen Kleinigkeiten eine diebische Freude hat. Zunächst steuerte er sein Schiff in Richtung Norden, segelte in der Ostsee. Anschließend drehte er bei und stach gen Süden, wo er einige Zeit "Inselhopping" auf den Kanaren betrieb. Diese Inselgruppe wurde im Dezember vergangenen Jahres Startpunkt seiner Atlantiküberquerung. Allein wollte er den Wellenritt allerdings nicht auf sich nehmen. Also las er das Schwarze Brett. "Das ist tatsächlich typisch in den Häfen an den kanarischen Küsten", erklärt Georg Fietsch. "Denn dort bieten Seefahrer ihre Dienste an, annoncieren Aussteiger oder suchen Tramper Mitfahrgelegenheiten über das Meer." Fietsch lernte auf diesem Weg zwei junge Frauen kennen. Eine fremdsprachentalentierte Schweizerin und eine artistikgeübte Belgierin wollten die Überfahrt mit ihm wagen. "Es war ein Glücksfall", weiß der Chemnitzer inzwischen. "Wir haben uns in der vierwöchigen Tour nicht einmal in die Haare bekommen." Im wahrsten Wortsinn. Als Fietsch und seine Damencrew am 18. Dezember 2017 ablegten, stellte der stets kahl geschorene Käpt'n eine Bedingung: Wer mitwill, muss kurze Haare haben. Denn an Bord gab es nur 140 Liter Wasser im Tank. Für Hygiene, Kaffee und Essenkochen reichte das. Für Wellness und Schönheitsbehandlungen jedoch nicht. Die Artistin ließ daraufhin sofort ihre Rastazöpfe abschneiden.

Der Kapitän steuerte die 8000-Meilen-Route, 2800 davon über den Atlantik, zunächst in Richtung Kapverden an. Die Inselgruppe vor Afrika gilt als letzte Ausfahrt vor dem großen Trip. "Muckert das Boot oder gibt es Unstimmigkeiten in der Crew, dann kann man dort den Trip noch abbrechen", weiß Fietsch. Doch die Segel standen straff und die Stimmung an Bord war super. Also setzte er den Kurs westlich nach Lateinamerika ab. Der Wind war ihm gnädig. Minimum fünf seiner Stärken schoben den Segler vorwärts, manchmal sogar zehn davon. "In den vier Wochen lief unser Schiff gerade einmal viereinhalb Stunden unter Dieselantrieb", freut sich Georg Fietsch. Doch die raue Luftströmung forderte auch ihren Tribut. Ausgerechnet am 24. Dezember um 17.30 Uhr erlebten Fietsch und seine Mädels eine besondere Bescherung: Eine ganze Reihe an Mastrutschern war gebrochen. So bezeichnen Experten kleine Halterungen, an denen Segel beim Hissen am Mast auf- und abrutschen. "Also haben wir am Heiligabend stundenlang Reparaturarbeiten durchgeführt", schaut Georg Fietsch zurück. Die zwei mitgereisten Schampus- flaschen wurden erst am nächsten Tag geköpft. Mit denen hätte die Besatzung aber auch auf ihr Überleben anstoßen können. Denn nicht nur die kaputten Mastrutscher führten zu heiklen Situationen. "Zweimal wäre mein Schiff fast abgebrannt", denkt Georg Fietsch besorgt zurück. "Die Batterie begann zu kochen, drohte zu explodieren. Es half lediglich, alle Elektronik runterzufahren." Nur die pflichtgemäße Schiffsbeleuchtung, das Ortungssystem GPS und der Kühlschrank blieben am Netz. Die finale Erfrischung gab es dann am 14. Januar. Als die Crew mit der Insel Tobago die andere Seite des Ozeans erreichte, da hatten sie alle nur einen Wunsch: ein Vanille-Eis. Das gab es in einem Imbiss im ersten Hafen. Was nicht bedeuten soll, dass Fietsch und die Mitseglerinnen bis dahin gedarbt hätten: Die Frauen verwöhnten ihren Skipper mit selbst gebackenem Hefezopf und fangfrisch zubereitetem Fisch. "Es gab jeden Tag eine warme Mahlzeit", so der Chemnitzer. "Die haben die Mädels mit Bravour zubereitet." Nur einmal musste er die Vorratskiste ausräumen, weil Käfer sich im Pfeffi-Tee breitgemacht hatten.

Die vielleicht heikelste Episode ereignete sich übrigens erst nach der Atlantik-Überquerung, als Fietsch wieder allein durch die Karibik schipperte. Da hörte er nachts Motorengeräusche - und zwar gegen den Wind. "Ich dachte, ich spinne", erzählt der Chemnitzer heute immer noch aufgeregt. "Keine 100 Meter vor mir steuerte ein 30 Meter hoher Containerriese auf mich zu." Er habe gerade noch beidrehen können, obwohl Fietsch Vorfahrt gehabt hätte. In eine solche Situation war er während seiner Ozeanüberfahrt nicht gekommen. Denn da war ihm in vier Wochen tatsächlich nur ein einziges Schiff begegnet.

Vielleicht reagiert Fietsch deshalb jetzt etwas ungemütlich auf Trubel. "Ganz schön laut hier" sagte er, als er seine Geschichte nun beim Kaffee in der Innenstadt erzählte. Da war gerade nur eine Kehrmaschine am Café vorbei getuckert. Ob er nun schnell zurück auf sein Schiff kommt, steht noch nicht fest. Georg Fietsch ist immer noch auf Ersatzteilsuche für den Segler. "Möglich, dass ich auch erst einmal wieder normal arbeiten gehe."

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