Die Innenstadt zum Anfassen

Rundgänge für Sehbehinderte bietet die Stadt Chemnitz derzeit nur nach Anmeldung und in Gruppen an. Mit einer App soll sich das nun ändern.

Mit tastenden Fingern erklärt Kristin Landmann am Modell vor dem Rathaus, wie sie sich ihren Weg durch die Chemnitzer Innenstadt erschließt. "Ich laufe Wege zwei- bis dreimal ab, dann kann ich sie aufschreiben", sagt die 35-Jährige. Landmann ist sehbeeinträchtigt, kenne deshalb die Tücken der Stadt gut. Dieses Wissen gibt sie jetzt an Menschen weiter, die sich auch auf andere Sinnesorgane als auf die Augen verlassen müssen. Für die Finden-App hat die Sehbehinderte die Wege zwischen einigen Attraktionen der Stadt beschrieben. Die Anwendung gibt mittels eines in der Touristeninformation platzierten Bluetooth-Senders Informationen zu Orten sowie Barrieren an das Smartphone weiter. Benutzer können sich mit dem Sender kostenfrei verbinden und anschließend selbstständig Chemnitz erkunden.

Entstanden ist eine Route, die am Rathaus beginnt, über die Innere Klosterstraße und den Jakobikirchplatz bis zum Roten Turm führt. Die App erklärt nicht nur den historischen Hintergrund der passierten Punkte. Sie übermittelt auch Informationen wie Öffnungszeiten und macht auf Besonderheiten aufmerksam, "die selbst manche Chemnitzer nicht kennen", sagt David Seidel vom Förderzentrum für Blinde und Sehbehinderte SFZ, der das Projekt betreut. Die Skulptur des Dukatenscheißers an einem Portal auf der Rückseite des Rathauses sei eine dieser Besonderheiten. Es sei darauf geachtet worden, dass der Rundgang viele Ton- und Tasterlebnisse für die Anwender beinhalte, erklärt Seidel. Der Dukatenscheißer kann genauso ertastet werden wie die Agricola-Büste am Markt, das Glockenspiel am Rathaus bindet den Hörsinn ein. Die Anwendung lese auch die tagesaktuelle Speisekarte der Kantine Chemnitz vor, "einfach, damit nicht immer gefragt werden muss, was es denn zu Essen gibt", sagt Seidel.

Der Vorteil liege darin, dass Sehbehinderte und Blinde Chemnitz entdecken könnten, ohne eine Gruppenführung über die Tourist-Information buchen zu müssen, sagt Susan Endler von der Wirtschaftsfördergesellschaft CWE. In der Vergangenheit habe es mitunter Frust gegeben, ergänzt Projektleiter Seidel, "weil ein blinder Tourist auf den nächsten Rundgang warten musste, um die Stadt besichtigen zu können".

Die Idee stamme aus dem Jahr 2016, als über das Programm "Lieblingsplätze für alle" die Einrichtung von Orientierungshilfen für Menschen mit Behinderungen gefördert wurde, so Endler. In Kooperation mit Gästeführern und SFZ sei das Konzept eines barrierefreien Stadtrundgangs im Zuge der 875-Jahr-Feier erprobt worden. Die Gästeführer hätten dabei viele Reliefs, Statuen und Klangerlebnisse eingearbeitet. "Das Angebot kam so gut an, dass wir auch nach dem Jubiläum weitermachen wollten", sagte Endler. Auf das Stellengesuch für eine Person, die als eingeschränkt Sehfähige den Rundgang für Leute mit der gleichen Beeinträchtigung beschreibt, meldete sich Kristin Landmann. Sie war von Bekannten auf die Anzeige aufmerksam gemacht worden, erzählte sie. Die Arbeit mache ihr viel Spaß, "weil ich weiß, wie sich Hilflosigkeit anfühlt und ich ein Stück aus ihr heraus helfen kann", sagt die 35-Jährige. Dabei habe sie auch eigene Akzente einbringen können: Obwohl der Rundgang am Roten Turm endet, habe Landmann noch eine Beschreibung des Karl-Marx-Monuments hinzugefügt, berichtet sie. Dort gebe es zwar nichts zum Tasten, der Ort habe aber trotzdem nicht fehlen dürfen, "weil er einfach zu Chemnitz gehört".

Die kostenlose App wurde bis jetzt knapp 30-mal heruntergeladen, berichtet Seidel. Das höre sich im ersten Moment nach wenigen Nutzern an, es ginge aber darum, eine eigenständige Stadterkundung für Sehbehinderte zu ermöglichen. Die Stadt Chemnitz sei finanzieller Förderer des Projekts, habe bis jetzt rund 2000 Euro investiert, so Endler. Die App sei zudem erst in der Anlaufphase und müsse noch bekannt werden. Letztlich ginge es aber um die Einbindung von beeinträchtigten Menschen, weniger um Nutzerzahlen, sagt sie. Künftig würden auch ausgebildete Sehbehinderte aus dem SFZ an der App mitwirken, um inhaltliche Schwächen auszubessern, so Seidel. Momentan funktioniere der Quereinstieg in die Route noch nicht, man könne den Stationen stattdessen nur von Anfang bis Ende folgen. Zwar könne die App Barrieren nicht abschaffen, sagt der Projektbetreuer. "Es ist aber ein Anfang zu wissen, dass überhaupt welche da sind", stellt er fest.

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