Die letzte Stunde - nach mehr als vier Jahrzehnten im Schuldienst

Lehrer oder Ingenieur wollte Gunter Fiedler einst werden. Einem Zufall ist es geschuldet, dass er Pädagoge wurde.

Schloßchemnitz.

Auch zu seiner allerletzten Unterrichtsstunde als Lehrer wollte Gunter Fiedler am Dienstag auf keinen Fall zu spät kommen. "11.20 Uhr beginnt Physik in der Klasse 9b. Es geht um Schwingungen", erklärt der Leiter der Josephinen-Oberschule, warum er das Gespräch pünktlich beendet. Nach 44 Jahren als Lehrer für Mathematik und Physik und nach 24 Jahren als Schulleiter stand Gunter Fiedler das letzte Mal vor einer Klasse. Am 31.Juli endet sein Berufsleben, dann geht der Pädagoge in den Ruhestand.

Was bleibt nach mehr als vier Jahrzehnten im Schuldienst? Positive Emotionen sind es, die Gunter Fiedler zuerst nennt. "Es treibt mir immer wieder Tränen in die Augen, wenn sich bei den Abschlussfeiern Schüler über ihre guten Leistungen freuen und ich sehe, welche Bedeutung das für sie hat." Er beobachte mit Freude, dass sich die Mädchen zu dem Anlass Abendkleider anziehen und die Jungen im schwarzen Anzug und mit Fliege erscheinen.

Doch der erfahrene Pädagoge macht sich auch Sorgen. "Aus meiner Sicht ist der Lehrermangel eine große Gefahr. Speziell in der Region Chemnitz halte ich ihn für sehr hoch", sagt Fiedler. Selbst Seiteneinsteiger gebe es in der Region kaum noch, hat er beobachtet. Auch in der Josephinenschule fehlen Lehrer. "Zwei bis drei Stellen sind frei", sagt Fiedler. Mathe und Physik, aber auch Deutsch seien betroffen. Da mache es sich bemerkbar, dass die zehn Unterrichtsstunden, die Fiedler als Schulleiter hielt, künftig wegfallen. "Nächstes Schuljahr wird es aus meiner Sicht schwierig, an Chemnitzer Schulen den Unterricht abzudecken", prognostiziert der erfahrene Lehrer. Der Mangel an ausgebildeten Pädagogen mache sich in seinen Augen beim Bildungsniveau bemerkbar. "Dieses Niveau halte ich für bedenklich", sagt Fiedler. Dennoch. Trotz aller Probleme sei er auch heute noch gern Lehrer. "Es hat mir 44 Jahre lang Spaß gemacht", zieht Fiedler Bilanz.

Dabei war es purer Zufall, dass er Pädagoge geworden ist. Er hatte sich sowohl an der Technischen Hochschule für ein Lehrer-Studium als auch bei Robotron für eine Berufsausbildung mit Abitur für ein künftiges Ingenieurstudium beworben - beides im damaligen Karl-Marx-Stadt. "Lehrer bin ich dann geworden, weil die Post mit der Zusage für das Lehrerstudium eher da war", erinnert sich der heute 65-Jährige. An der Technischen Hochschule machte er im Schnelldurchgang innerhalb eines Jahres Abitur - "Das war damals so." - und wurde dann zum Lehrer für Physik und Mathe ausgebildet. 1974 war er fertig. Auch damals herrschte Lehrermangel. "Weil ich Junggeselle war, hatte ich nach dem Studium die Wahl, im Norden der DDR oder in Berlin zu unterrichten", erzählt Fiedler. Er entschied sich für die Hauptstadt und arbeitete elf Jahre an einer Schule in Lichtenberg. Wegen seiner Familie kehrte er 1985 nach Karl-Marx-Stadt zurück. Bis 1992 war er zunächst als Lehrer und nach der Wende als stellvertretender Schulleiter an der Polytechnischen Oberschule "Walter Clajus" in Furth tätig.

Seit 1992 leitet Gunter Fiedler die Josephinenschule. Einen Nachfolger für ihn gibt es noch nicht. Fiedler geht davon aus, dass zunächst seine Stellvertreterin das Amt übernimmt und im Laufe des Schuljahres ein Leiter gefunden wird. Er selbst bleibt der Schule verbunden. Ein oder zwei Stunden wöchentlich wird er die Prüfungsvorbereitung als Ganztagsangebot übernehmen, kündigt er an. Und sonst? "Kann ich endlich während der Schulzeit verreisen", freut er sich auf künftige Urlaube. Und auf mehr Zeit mit seinem Enkel und für den Garten.

Hat er einen Wunsch für "seine" Schule? Da muss er nicht lange überlegen. "Wir wünschen uns eine große Aula", sagt Gunter Fiedler.


Sanierung der Turnhalle hat begonnen

Nach der Generalsanierung des zweiten Gebäudeteiles der Josephinenschule ist das Haus an der Agnesstraße am Montag offiziell in Betrieb genommen worden. Von März 2016 bis November 2017 wurden für 4,8 Millionen Euro unter anderem Dach und Fassade, Fenster, Türen, Innenwände und Decken erneuert, der Keller trockengelegt, Sanitäranlagen sowie ein Aufzug eingebaut, teilt eine Stadtsprecherin mit. Im Keller entstanden Unterrichtsräume.

Der Ausbau des Gebäudes sei erforderlich gewesen, um mehr Platz zu schaffen, so die Sprecherin. In der Josephinenschule sei es nun möglich, pro Jahrgang mindestens drei Klassen aufzunehmen.

Im Schulhaus wird seit November 2017 unterrichtet. Restarbeiten im Keller dauerten bis März dieses Jahres, so die Stadtverwaltung.

Mittlerweile haben die Arbeiten zur Sanierung der zweiten Turnhalle auf dem Schulgelände begonnen. Für rund 916.000 Euro soll unter anderem auch der Pausenhof umgestaltet werden, so die Sprecherin. (hfn)

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