Die letzten Minuten des sterbenden Daniel H.

Während der Prozesstag am Montag der Mutter des Opfers viel abverlangt hat, muss die Polizei eine frühe Panne einräumen.

Dresden.

Nicht alle Tatzeugen wurden bedroht. Niemand habe ihn von der Aussage abhalten wollen, sagte Nawid P. am Montag im Sicherheitssaal des Oberlandesgerichts Dresden, wo der Chemnitzer Landgerichts-Prozess zur tödlichen Attacke auf den Chemnitzer Daniel H. stattfindet. Nawid P. will den Angeklagten Alaa S. als Tatbeteiligten ausgemacht haben. "Zu 100 Prozent" sei er da sicher, sagte der Zeuge.

Von der Arbeit im Chemnitzer Alanya-Imbiss sei er nach dem Andrang zum Stadtfest müde gewesen. Um Luft zu schnappen, sei er nachts vor die Tür getreten. Abseits habe ein Junge auf dem Gehweg gelegen. Zwei weitere Jungen seien hingelaufen, an ihm vorbei. Der Junge am Boden habe etwas gesagt, woraufhin die beiden anderen zur Gruppe der "Deutschen" gingen und "handgreiflich" wurden. Getreten hätten sie und mit "Fäusten" geschlagen. So berichtete der 18-jährige Afghane über die Nacht des 26. August 2018. "Die Deutschen", das waren aus dem Blickwinkel des Afghanen Daniel H. und die ukrainisch-russische Familie M. Auf Vorhalt bestätigte Nawid P. seine Ausführungen aus der Polizeivernehmung: Er habe gesehen, wie "der Große" einen Deutschen am Kragen packte, zu Boden zog und ihm zwei, drei Tritte gab. Als "den Großen" machte Nawid P. den Angeklagten Alaa S. aus. Zuerst habe er gar nicht gewusst, dass da "ein Mord" vor sich ging. Als er erfuhr, dass der zu Boden gegangene Daniel H. erstochen worden war, sei ihm klar gewesen, dass er aussagen müsse. Er habe gedacht: "der hat ja auch Familie, Bruder, Schwester, die sich um ihn sorgen".


Die blonde Frau an der Nebenklagebank nickte kaum merklich. Für Daniel H.s Mutter war der Tag kein leichter. Mehrfach musste sie die letzten Minuten ihres Sohnes durchleben. Als verschiedene Zeugen diese immer wieder schilderten, wischte sie sich die Augen. Langsam sei Daniel H. zu Boden gegangen, berichtete der zu Hilfe geeilte Remo U. (50). "Ich hab nicht gewusst, was los ist, bis ich die Jacke geöffnet und das ganze Blut gesehen hab", berichtete der Chemnitzer. Er habe dem das Bewusstsein Verlierenden den Kopf hochgehalten. "Bleib wach Großer", habe er gesagt. Alexander S. betrat als erster Polizist die Szene. Da röchelte das Opfer nur noch schwach. Man versuchte die Blutung aus dem Brustkorb "abzudrücken", schilderte der Polizeioberkommissar. Bei der Fahrt über die Kreuzung Brückenstraße/Straße der Nationen hatte er kurz zuvor vier Personen "in Richtung Riesenrad" wegrennen sehen und sich gefragt, warum sie wohl zu flüchten schienen. Sekunden später war er von Passanten an der Ecke aufs Geschehen auf halber Höhe des Blocks hingewiesen worden. S. berichtete vom Absperren des Tatortes, vom Verfolgen des Fluchtwegs durch einen Fährtenhund und davon, wie hinter einem Zaun an der Bühne gegenüber dem Marx-Kopf zwei Messer gefunden wurden, eines davon den Spuren zufolge ein Tatmesser. Wenig später wurden zwei Verdächtige festgenommen, darunter der Angeklagte. Der Syrer Alaa S. habe Blut an den Handflächen, an Kleidung und Hose gehabt, sagte ein weiterer Polizist aus. Allerdings stand davon im Bericht zur vorläufigen Festnahme kein Wort. Es sei wohl vergessen worden, sagte der Beamte gestern. mit dpa

Bewertung des Artikels: Ø 4.2 Sterne bei 5 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...