"Die Runden Tische fand ich spannend"

Herbst 89: Fairtrade-Aktivistin Britta Mahlendorff über Zoff bei der Stasi, Wende-Demos im Wandel und das Anstrengende an Demokratie

Wie denken Zeitzeugen und Protagonisten der Wendezeit in Chemnitz und Umgebung über damals und über die Entwicklung seither? Heute: Britta Mahlendorff, engagiert unter anderem in Sachen Entwicklungspolitik und fairer Handel, im Gespräch mit Michael Müller.

"Freie Presse": Frau Mahlendorff, Sie waren im Herbst 1989 Ende zwanzig, hatten studiert, waren Mutter zweier Kinder und engagierten sich in kirchlichen Friedenskreisen. Was war die DDR damals für Sie?

Britta Mahlendorff: Ich hatte hier eine schöne Kindheit und Jugend, meine Familie. Über sie und andere bin ich Anfang der 1980er-Jahre in Kontakt zu kirchlichen Friedensgruppen gekommen. Da wurden zum Beispiel in der Gemeinde St. Pauli-Kreuz auf dem Kaßberg und auch in der Johanniskirche Friedensfeste organisiert mit Künstlern und Liedermachern. Da waren bis zu 2000 Leute dort. Eine tolle Atmosphäre!

Wie kam es dazu?

Das atomare Wettrüsten in Ost und West hat uns Sorgen gemacht. Hinzu kamen ökologische Probleme, etwa das Atomreaktorunglück in Tschernobyl, und die fehlende Meinungsfreiheit.

Wann hatten Sie erstmals das Gefühl, dass dieses Land DDR bald ein anderes sein könnte?

1986, als mein Bruder aus politischen Gründen auf dem Kaßberg in Untersuchungshaft kam. Als er dann, unter anderem mithilfe von Superintendent Christoph Magirius, wieder freikam, meinte er: "Die DDR gibt's nicht mehr lange."

Woher kam diese Einschätzung?

Die Behörden der Staatssicherheit in Berlin und Karl-Marx-Stadt waren sich nicht einig, wie sie mit dem Fall umgehen sollten.

Wie haben Sie den Herbst 1989 erlebt?

Die Runden Tische fand ich spannend. Und die neuen Bürgerinitiativen, die sich alle gründeten - vom Frauenzentrum bis zum Chemnitzer Schulmodell. Ich selbst habe beim Umweltzentrum mitgearbeitet, soweit mir das als Mutter zweier Kinder damals zeitlich möglich war.

Nach dem Mauerfall ging die Entwicklung recht schnell in Richtung Wiedervereinigung. Wie haben Sie das empfunden?

Nach dem ersten Protestmarsch am 7. Oktober bin ich dann nur noch einmal auf einer der Demonstrationen gewesen. Da war es nicht mehr so gefährlich, aber es waren auf einmal Leute dabei, die ich bis dahin eher als recht angepasst wahrgenommen hatte. Das fand ich schon etwas komisch.

Wann waren Sie das erste Mal im Westen?

Recht bald. Wir haben Verwandte in Hannover und Freunde in Nürnberg besucht. Es war für uns natürlich beeindruckend, das alles mal zu sehen.

Wissen Sie noch, was Sie sich von Ihrem Begrüßungsgeld gekauft haben?

Bücher; Literatur, die es in der DDR nicht gab. Und auch Spielsachen für die Kinder.

Was war Ihrer Meinung nach der größte Fehler bei der Wiedervereinigung?

Ich hätte mir eine langsamere und gemeinsame Entwicklung gewünscht. Auch um die verschiedenen Systeme aneinander angleichen zu können. Zum Beispiel bei den Schulen: Das gemeinsame Lernen bis zur 10. Klasse wurde damals abgeschafft. Und jetzt? Da werden wieder tausende Unterschriften für die Einführung einer Gemeinschaftsschule gesammelt. Aber vielleicht ist das auch nur der Lauf der Dinge.

Nach der Wiedervereinigung hatte Chemnitz mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen, viele Betriebe haben nicht überlebt. Hatten Sie je Existenzängste?

Nicht wirklich. Später, als allein erziehende Mutter, war es sicher hin und wieder nicht einfach. Aber alles in allem haben wir es immer gut gehabt. Selbst Reisen waren eigentlich immer möglich. Ich bin aber auch so ein Typ Mensch, der immer versucht, positiv zu denken. Und durch meine langjährige Tätigkeit im Weltladen weiß ich auch, dass es uns im Vergleich zu Menschen in anderen Ländern sehr gut geht.

Haben sich Ihre Hoffnungen von 1989 erfüllt?

Ja. Es gibt heute so viele Möglichkeiten der demokratischen Mitbestimmung - von Stadtteiltreffs über Bürgerplattformen bis zum Stadtrat, für den man ja auch als parteiloser Bürger kandidieren kann. Ich würde mir wünschen, es würden mehr Menschen davon Gebrauch machen.

Nicht wenige, so scheint es, haben eher das Gefühl, dass es die Politik nicht interessiert, wie sie über bestimmte Dinge denken.

Natürlich sind solche Prozesse anstrengend. Aber denken Sie an das Viadukt an der Annaberger Straße: Das bleibt vor allem dank einer Initiative von Bürgern und Bürgerinnen nun doch erhalten.

Inwieweit sind Sie heute noch politisch oder zivilgesellschaftlich aktiv?

Ich gehöre dem Vorstand des Entwicklungspolitischen Netzwerks Sachsen an, habe zwei Legislaturperioden im Chemnitzer Agenda-Beirat mitgewirkt, bin im Vorstand des Umweltzentrums, im Informationszentrum Weltladen, im Partnerschaftsverein Chemnitz-Timbuktu und neuerdings auch im Vorstand eines Kleingartenvereins. Und ich arbeite seit vielen Jahren bei Bündnis 90/Grüne mit, auch wenn ich dort erst seit zwei Jahren Mitglied bin.

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Global gesehen, dass möglichst alle Menschen in Würde leben können. Für Chemnitz, dass wir endlich eine Fahrradstadt werden.


Britta Mahlendorff

Die gebürtige Karl-Marx-Städterin (Jahrgang 1962) absolvierte ein Fachschulstudium zur Medizinisch-technischen Laborassistentin und war am damaligen Hygieneinstitut der Stadt beschäftigt. Während des Studiums trat sie aus der FDJ aus. Bis 2016 war sie Mitarbeiterin im Weltladen im Tietz. Heute arbeitet sie als Koordinatorin für kirchliche Flüchtlingsarbeit im Kirchenbezirk Chemnitz. Nebenberuflich informiert Britta Mahlendorff an Schulen über fairen Handel und Entwicklungspolitik und begleitet die Bewerbung von Chemnitz zur Fair Trade Town ("Stadt fairen Handels"). Sie lebt im Stadtteil Gablenz. (micm)

Bewertung des Artikels: Ø 4.4 Sterne bei 7 Bewertungen
8Kommentare
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  • 4
    2
    HHCL
    20.10.2019

    @BlackSheep: Natürlich gibt es Gründe und danach wird durchaus auch gefragt. Das Problem ist, dass hier zu viele ihre Probleme nicht selbst lösen wollen (einige wenige tatsächlich nicht können, aber das ist die Minderheit). Den Befragten gefällt also oftmals die angebotene Lösung nicht: eigenverantwortlich das Leben in die Hand nehmen, keine Sündenböcke suchen und nicht das Heil in Parteien suchen und grölend durch die Straße ziehen.

  • 1
    2
    Interessierte
    20.10.2019

    Friedensfeste mit Künstlern und Liedermachern. Da waren bis zu 2000 Leute dort. Eine tolle Atmosphäre !
    ( das war sicherlich mal was anderes und somit sehr schön mit Jazz und Blues

  • 4
    3
    Lexisdark
    20.10.2019

    @ Arndtbremen das gilt aber auch für die andere Seite. Andere als linksgrün versiffte Faschisten zu bezeichnen, ist nicht besser.

  • 6
    0
    Nixnuzz
    20.10.2019

    @ArndtBremen: Man kann manches bewusst verdrehen, aber ich bleibe bei 1 grünen...

  • 6
    11
    ArndtBremen
    19.10.2019

    Am runden Tisch redeten Menschen mit sehr unterschiedlichen Auffassungen und politischen Einstellung miteinander. Heute undenkbar, weil Andersdenkende diffamiert und als Nazis beschimpft werden. Das Miteinander ist völlig abhanden gekommen. Rote Daumen zur Bestätigung bitte.

  • 8
    14
    BlackSheep
    19.10.2019

    @Distelblüte, es gibt Gründe warum Menschen unzufrieden sind, aber nach den Gründen zu fragen wäre ja aufwendig, da ist es offensichtlich einfacher diese Menschen zu diffamieren.

  • 13
    7
    Distelblüte
    19.10.2019

    Frau Mahlendorff mit ihrem positiven, mutigen Blick nach vorn ist der Kontrapunkt zu den muffligen, unzufriedenen Menschen, die nach dem Toupet in der Suppenschüssel suchen.
    @Ramomba: Volle Zustimmung.

  • 15
    2
    Ramomba
    19.10.2019

    Solche mutigen, offenen, positiven Menschen sind der Antrieb, den diese Gesllschaft dringend benötigt! Danke, dass Freie Presse sie vorstellt und danke, Britta, dass es dich gibt!



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