Die Suche nach der Meinung der Mitte

Auf einer Kundgebung für Bürger, die sich weder links noch rechts sehen, wurde nach deren Gedanken gefragt. Ergebnis: Es geht ihnen um Grundsätzliches. Dabei gibt es aber auch Widersprüche.

Insgesamt 77 Zettel landeten in der Meinungsbox, die der Chemnitzer Dirk Richter am Sonntag bei seiner Kundgebung auf dem Neumarkt aufstellte. Am Dienstag übergab er sie ans Rathaus.

Von Benjamin Schaller

Eigentlich würde er lieber mit seinem Sohn auf dem Fußballplatz stehen, sagte Dirk Richter am Sonntagnachmittag im Nieselregen auf dem Neumarkt. Doch die Ereignisse der vergangenen Tage - der gewaltsame Tod des Daniel H. und die Demonstrationen mit Neonazi-Beteiligung danach - hätten ihn nicht kaltgelassen. Der 43-jährige Richter, ein politisch unbeschriebenes Blatt und, so sagt er, keiner Partei angehörig, stellte seine eigene Kundgebung auf die Beine. Für Bürger der Mitte, denen es derzeit schwerfalle, ihren politischen Kompass zu finden. Für Bürger wie ihn selbst.

Am Ende seiner Kundgebung bat Richter die Teilnehmer darum, ihre Meinung auf einen Zettel zu schreiben. Dabei wurde nach Gründen für das Kommen zur Demonstration und nach Wünschen für die Stadt und das Land gefragt. Insgesamt 77der rund 150 Demoteilnehmer nutzten diese Möglichkeit. Am Dienstag gab Richter die Zettel im Rathaus ab. Was bewegt die Chemnitzer, die ihre Meinung auf Richters Zetteln hinterlassen haben?

Mit den bisherigen Aufrufen zu Aktionen habe er sich nicht anfreunden können, schreibt ein Teilnehmer. Zwar habe er bei den Demonstrationen der vergangenen Tage auf beiden Seiten Gemeinsamkeiten entdecken können - ein "Ja, aber ..." sei jedoch stets geblieben. Bei der Versammlung von Dirk Richter sei hingegen die wirkliche Mitte angesprochen worden. Der unspektakuläre, ehrliche Aufruf eines Bürgers habe ihn überzeugt, begründet ein anderer Demonstrant sein Kommen. Ein weiterer sieht sich ebenfalls als Teil der Mitte - diese habe aber auch bei den "Demonstrationen der rechten Szene", wie der Bürger schreibt, die Mehrheit der Teilnehmer ausgemacht.

Auffällig ist, welche grundsätzlichen Wünsche die befragten Chemnitzer äußern. Immer wieder fallen Stichworte wie Respekt und Toleranz, die vermisst und/oder gefordert werden. Man solle mehr miteinander reden und einander zuhören, schrieben viele auf ihren Zettel. Ein friedliches Zusammenleben steht ebenfalls auf der Wunschliste. Man solle Empathie füreinander zeigen und nicht in Lager wie links und rechts, arm und reich oder Ost und West einteilen. Viele Kundgebungsteilnehmer berufen sich zudem auf das Grundgesetz als Fundament der Gesellschaft in Deutschland. Wer sich nicht dazu bekenne, müsse das Land verlassen, wird - mal mehr, mal weniger scharf formuliert - verlangt. Von den "Machenschaften von Pegida und der AfD" wolle er sich distanzieren, schreibt ein Bürger. Zugleich fordert er, dass kriminelle Ausländer schnellstmöglich ausgewiesen werden - ein immer wieder auftauchender Satz, häufig verbunden mit dem Wunsch nach einem Einwanderungsgesetz. Dieser Punkt wird allerdings nicht vertieft: Welche konkreten Hoffnungen mit einem solchen Gesetz verbunden werden, das hinterlässt keiner der Teilnehmer auf seinem Zettel.

Als Mutter von zwei Kindern habe sie Angst, wenn sie allein in der Stadt unterwegs sei, schreibt eine zur Demo gekommene Bürgerin. Ein Satz, der in dieser oder ähnlicher Form mehrere Male auftaucht - einmal aber mit dem Zusatz: "Ich habe Angst um meine Freunde, die eine andere Hautfarbe haben." Der Umgang mit Flüchtlingen scheint viele Bürger, die sich selbst zur Mitte zählen, umzutreiben. Durch das Thema habe es Spaltungen quer durch Familien und Freundschaften gegeben, heißt es in einer Meinungsäußerung. Die Politik, Personen der Öffentlichkeit und die Medien würden die Ursachen dafür nicht erkennen.

Die Asyl- und Migrationspolitik mag ein dominierendes Thema sein. Dennoch gibt es auch Kundgebungsteilnehmer, die Wert darauf legen, dass andere Probleme nicht zu kurz kommen. Der Fokus solle auf die wirklichen Probleme zurückkehren: Bildung, Rente und das Gesundheitssystem, ist auf einem Blatt Papier zu lesen. Auf einem anderen wird verlangt, dass die Politik mehr Geld für Bildung, Kinderbetreuung und Freizeitangebote ausgeben soll. Um diese und weitere Ideen erörtern und an die Politik herantragen zu können, wünschen sich viele der Befragten Plattformen oder Foren, um den Austausch mit Entscheidern zu ermöglichen. Wie genau das aussehen könnte und was gegen bereits bestehende Formate wie die Bürgersprechstunde spricht, ist nicht weiter ausgeführt.

Viel Lob sprechen die gekommenen Demonstranten dem Initiator Dirk Richter aus. Es sei lobenswert, wenn ein normaler Bürger ohne Parteibuch sich engagiere, ist zu lesen. Viele hoffen auf eine Fortsetzung - und auf eine Versachlichung der Debatte. Die Emotionen, die zuletzt eine so große Rolle spielten, brachte ein Teilnehmer auf den Punkt. Auf die Frage, was ihn zur Kundgebung geführt habe, schrieb er lediglich: "Wut." Und auch seine Wünsche konnte er in einem Wort zusammenfassen: "Liebe."

13Kommentare
👍2👎1 Zeitungss 07.09.2018 @Distelblüte: Ich habe Ihren Beitrag aufmerksam gelesen und kann ihm auch Einiges abgewinnen. Die Zustände in der DDR kenne ich bestens und durfte diese auch voll auskosten. Um es nun kurz zu machen, versuchen Sie mal heute mit dem falschen Parteibuch an eine Stelle zu kommen, wo Einfluss möglich ist, ich glaube , weiter muss ich es nicht ausschmücken, oder doch???? Wer z.B. bei unseren lieben Christlichen nicht mitspielt, bekommt auch keinen Listenplatz bei der nächsten Wahl, bei anderen Vereinen ist es leider nicht anders. Es war jetzt ein kleiner Ansatz zum Thema "auf Linie", ich hätte es auch weiter ausschmücken können, wie z.B. mit Darmbegehungen (um es vornehm auszudrücken) kommt man weiter, wobei alle bisherigen Systeme absolut GLEICHE Grundlagen hatten, bzw. haben. Dank meiner Unabhängigkeit darf ich dieses Thema auch angehen, was manchen Bürger heute in diesem Staat Lohn und Brot kosten würde.
Für weitere Fragen zu diesem leidigen Thema stehe jederzeit und gerne zur Verfügung. Die Roten zu diesen Thema hake ich schon im Vorfeld ab, warum, ist aus dem Beitrag ersichtlich.
👍1👎2 Distelblüte 07.09.2018 @Zeitungss: Ich gebe zu, den Artikel, auf den Sie sich beziehen, nicht gesehen zu haben. Woran ich mich gestört habe, ist die Unterstellung, "man" müsste heute auf Linie sein, und wenn nicht, dann stünde man als Rechter da. Dem widerspreche ich hiermit nochmals ausdrücklich.
Es ist piepegal, ob und welches Parteibuch Sie besitzen. In Deutschland genießen ich und Sie Meinungsfreiheit, auch wenn mancher das gefühlt anders sehen mag. Sie dürfen im privaten Rahmen und in der Öffentlichkeit sagen, was Sie denken; es kann allerdings passieren, dass Ihnen jemand widerspricht, so wie das auch hier in den Kommentaren funktioniert. Das müssen Sie und ich hinnehmen, denn zumindest ich weiß, dass ich nicht im Besitz einer alleinigen Wahrheit bin, und sachliche Kritik kann sehr gut als Korrektiv funktionieren.
Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe mit 20 Jahren die Wende miterlebt. Ich habe eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, was es bedeutet, wenn Menschen auf Linie gebracht werden sollen. Ich kenne erschrockene Gespräche mit meinen Eltern, die Anrufe bekamen mit der Bemerkung:"Reden Sie mal mit... Sie wollen doch, das Ihr Kind mal studieren darf..." Oder wie mein Mann es erlebt hat: "Also für diese Ausbildung müssen Sie sich schon drei Jahre zur Armee verpflichten!" (Er hat sich dem übrigens verweigert.) Nichts von dem, was ich oder andere damals erlebt haben, kenne ich aus den letzten 29 Jahren. Deshalb schätze ich die Möglichkeiten einer Demokratie, und Sie sollten das auch. Ob Sie eher wertkonservativ eingestellt sind oder sich eher linksliberal sehen, Sie werden aufgrund Ihrer politischen Ansichten weder beruflich benachteiligt noch müssen Sie zur Klärung eines Sachverhalts bei der örtlichen Polizeidienststelle anrücken. Soviel dazu.
Worin ich Ihnen zustimme, ist die Tatsache, dass der staatliche Umgang mit Migration und den Befürchtungen des Menschen mangelhaft ist und dringend geändert werden muss. Ich persönlich finde es problematisch, dass Flüchtlinge monatelang oder jahrelang keinen klaren Status erhalten. Die Versuche von Firmen, Migranten in Lohn und Brot zu bringen, werden nicht genügend unterstützt oder sogar verzögert. Ob das in voller Absicht geschieht, weiß ich nicht. Ich begreife das Recht auf Arbeit als extrem wichtig, damit Menschen in Würde und Respekt miteinander leben können; wird Ihnen diese Möglichkeit vorenthalten, sind Probleme vorprogrammiert. ich erwarte von den Parteien egal welcher Couleur, dass sie an gemeinsam an Lösungen arbeiten. Um ihnen das klarzumachen, muss man wahrscheinlich hin und wieder etwas lauter werden. Das ist unser gutes Recht und unsere Pflicht.
Zu rechts- und linksaußen sage ich jetzt nichts mehr, das ist schon oft genug deutlich gemacht worden.
Für heute Abend hoffe ich auf eine allseits präsente Polizei und geringe Deppendichte rund um den Nischel.
👍1👎2 Zeitungss 07.09.2018 @Distelblüte: Von besagter DDR war auch keine Rede, sondern von der Gegenwart und hier speziell dieses Land. @Hinterfragt hat es auf den Punkt gebracht, was sonst nur hinter vorgehaltener Hand in Umlauf kommt. Das Parteibuch ist heute wichtiger, als es in der DDR jemals war. Sollten Sie diese Zeit nicht miterlebt haben, forschen Sie nach, es wird sich lohnen. Besagten Bericht des Schweizer Fernsehens kennen Sie mit Sicherheit nicht, sonst wären diese Zeilen nicht nötig.
Wenn Sie meine Beiträge der letzten Monate kennen sollten, dürfte bekannt sein, wo ich einzuordnen bin. Ich bin für Veränderungen auf ganzer Breite, allerdings brauche ich dazu weder die AfD noch dergleichen. Eine Partei, welche am Wahltag 18.01Uhr ihr eigenes Wahlprogramm noch kennt, wäre schon einmal die richtige Richtung, ich kenne nur leider keine mit dieser BESONDERHEIT und über Höcke, Gauland & Co müssen wir uns wirklich nicht unterhalten.
👍1👎0 Nixnuzz 07.09.2018 Ich sags mal anders rum: Welche "Richtung" hat keine gewaltbereite Fußtruppen: Die Mitte. Welcher aus der Mitte will notfalls leid-ertragend zwischen die harten Argumente geraten? Wenn sich unsere oberen "Mitten-Schützer" in der Durchzählung der Fußtruppen vertun, sind die friedlichen Mitten-Menschen ungeschützt und für die Medien mit ihren Problemen oder Argumenten plötzlich nur die eigentlichen nichtzuberücksichtigen Randfiguren. Wenn die Medienvertreter vor Ort für ihre persönlichen Gesichtspunkte mehr Zeit verbraten als die nicht immer Sprachgewandten Mitten-Menschen sich ausdrücken, wird wohl auch einwenig "Politik" gemacht. Und wenn es "nur zu akustischen Problemen" kommt, bleibt die Mitte weiterhin auf Randzeiten beschränkt, wenn sich die harten Fußtruppen mehr als Argumentativ in den Haaren liegen..
👍0👎0 Hinterfragt 07.09.2018 Wenn ich so sehen muss (mein EP rechts oben) dass es doch wirklich Leute gibt, die keine echten Freunde haben, muss ich sagen, die tun mir echt sehr, sehr leid.
An diese richte ich die Botschaft; es gibt richtige echte leibhaftige Freunde im wahren Leben, außerhalb von den virtuellen bei Facebook und Twitter!
👍7👎1 Distelblüte 06.09.2018 @Zeitungss: Noch mal... es gibt nicht "auf Linie". Die DDR ist seit knapp 30 Jahren Geschichte. Gott sei Dank. Es gibt aber einen breiten Konsens, und zwar unabhängig von Parteizugehörigkeit, was das Bekenntnis zu demokratischen Werten betrifft, von Anstand und Respekt ganz zu schweigen.
Die AfD rückt mit dem Schulterschluss zu rechtsextremen Gruppen weiter nach rechtsaußen. Wie lange wollen Sie und andere das noch vor sich verdrängen? Oder ist das okay?
👍3👎9 Zeitungss 06.09.2018 @Distelblüte: Entweder auf Linie oder rechts, so ist die gegenwärtige Argumentation, da hat es @Hinterfragt genau getroffen. Es geht auch anders, wie es das Schweizer Fernsehen zu diesem Thema tut, die sind glücklicherweise nicht in Deutschland angesiedelt und müssen demnach auch nicht dienern. Beim besagten Fernsehsender gab es einen Beitrag "WIR SCHAFFEN DAS" und dieser war objektiv, da keiner Seite verpflichtet.
👍9👎2 Distelblüte 06.09.2018 @Hinterfragt: Ihr letzter Satz ist in so vieler Hinsicht falsch. Schade, dabei stimme ich zu, dass man in der Mitte von beiden Seiten angegriffen werden kann. Das bedeutet aber nicht, sich deswegen an den äußeren Rändern zu positionieren.
Also man kann das schon tun, dann wird es halt Mist.
👍2👎10 Zeitungss 06.09.2018 @Hinterfragt: Genau SO sieht das Problem aus. Der letzte Satz könnte nicht treffender sein.
👍0👎11 Hinterfragt 06.09.2018 @DTRFC2005

Die Antwort auf das Problem kann man auch ganz gut in "grafischer Darstellung" an der Wertung meines Kommentars unter:

https://www.freiepresse.de/chemnitz/der-firmenlauf-in-chemnitz-mit-bett-brezeln-und-kostuemen-artikel10304525

(wobei die Worte dort nicht meine sind) sehen. Und ich bin mir sicher, dass die Farbe mit der Richtung übereinstimmt.
👍7👎12 Hinterfragt 06.09.2018 @DTRFC2005; ich stimme Ihnen in vielen Dingen zu.
Das Problem der Mitte ist es aber, genau zwischen den Fronten zu stehen.
Und im Moment ist von regierender Seite keine Mitte gewünscht, kommt zumindest mir so vor.
Die Devise lautet im Moment, entweder auf Linie oder rechts.
👍15👎2 DTRFC2005 06.09.2018 Die Mitte anstreben, genau das wäre auch mein Wunsch. Ein Miteinander, statt einem Gegeneinander. Im Moment hat man das Gefühl, auch wenn ich mich selbst ehe Links verorten würde, das es nur die beiden Tendenzen gibt. Radikalismus jedoch ist in jedweder Form ein absolutes No Go. Wenn sich Menschen, wie kürzlich geschehen, rechts hinstellen und von sich selbst aber skandieren nicht rechts zu sein, dann sollten sie sich im Nachhinein noch einmal ernsthaft die Frage stellen, ob sie sich wirklich thematisch dort einordnen würden. Wenn dem nicht so ist, sie sich auch nicht auf der Linken Seite sehen, sie aber nur ihre Angst umtreibt, dann wäre es hilfreich gewesen sich einfach mal in die Mitte zustellen. Es braucht nur eine Person, die sich in der Mitte verankert sieht und alle die sich damit identifizieren können, würden folgen. Herrn Richtes Aufruf habe ich leider zu spät gesehen. Letztlich aber geht es doch darum , das alle zusammen etwas schaffen, ohne Ausgrenzung jedweder Nationalitäten, mit Toleranz und Respekt voneinander.
👍21👎2 Hinterfragt 06.09.2018 "...Durch das Thema habe es Spaltungen quer durch Familien und Freundschaften gegeben, heißt es ..."

Für mich bedeutet Freundschaft vor allem auch, dass man verschiedene, ja sogar gegensätzliche Meinungen haben kann und trotz allem ordentlich miteinander umgeht, sowie die Meinung des Anderen respektiert.
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