Die Wiederentdeckung einer Malerin

Der Name Helene Funke ist nur den Wenigsten bekannt. Zu ihren Lebzeiten war das anders. Die Künstlerin stellte mit Matisse und Picasso in Paris aus. Jetzt widmen die Kunstsammlungen der vergessenen Chemnitzerin eine Ausstellung.

Ihre Familie dürfte nicht entzückt gewesen sein. Helene Funke, 1869 als Tochter aus gutem Hause in Chemnitz geboren, wollte Künstlerin werden. Gegen den Willen der Eltern studierte sie ab 1899 an der Münchner Damenakademie. "Der Bruch mit der Familie muss enorm gewesen sein", erläutert Viola Weigel, Kuratorin der neuen Ausstellung "Expressiv weiblich" in den Kunstsammlungen Chemnitz. Indiz dafür sei auch, dass Funke nur noch mit ihrer Mutter Kontakt hatte, obwohl sie ihre Heimatstadt mehrmals besuchte. Außerdem war Funke schon 30 Jahre alt, als sie Chemnitz verließ - ein Alter, in dem von einer Frau erwartet wurde, verheiratet zu sein und Kinder zu haben.

Was genau Helene Funke dachte und was ihre Beweggründe waren, ist unbekannt. Denn vor allem aus den Chemnitzer Jahren gibt es kaum Dokumente und Quellen. In München studierte sie bis 1902. Ab 1906 hatte sie ihren Wohnsitz in Paris, im selben Haus wie die Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein. Sie muss Künstlern wie Matisse und Picasso begegnet sein, denn sie habe "auf Augenhöhe mit ihnen in den Pariser Salons ausgestellt", so Weigel. "Mit Helene Funke wurde die Moderne weiblich", sagt die Kuratorin. Die Malerin aus Chemnitz habe eine eigenständige Form des Expressionismus begründet. Doch von den männlichen Kritikern sei das anfangs nicht goutiert worden. "So hat eine Frau nicht zu malen", sollen sie gesagt haben. Erst um 1920 kam die Anerkennung.

Funke siedelte nach Wien über. Dort feierte sie Erfolge neben Klimt und Schiele. So erhielt sie 1927 den Österreichischen Staatspreis für das Gemälde "Tobias und der Engel".

Eine Verbindung zu Chemnitz hatte Funke immer. Zwei ihrer Bilder wurden zur Eröffnungsausstellung des König-Albert-Museums gezeigt, insgesamt wurden ihre Arbeiten acht Mal in ihrer Geburtsstadt ausgestellt. Sie habe auch eine besondere Beziehung zu Friedrich Schreiber-Weigand, dem Direktor der städtischen Kunstsammlungen bis 1933. Er erwarb Werke von ihr für das Museum, unter anderem "Tobias und der Engel". Funkes Markenzeichen: Ungewöhnliche Bildnisse von Frauen und Frauengruppen. Ihre Protagonistinnen stehen auffallend eng beieinander und tragen Reformkleider statt Korsetts. "Sie löste die Frau aus ihrer passiven Rolle in der Gesellschaft", sagt Weigel, der Mann werde zur Randfigur.

Unter den etwa 60 Gemälden, Grafiken und Zeichnungen, die in den Kunstsammlungen gezeigt werden, sind aber auch Landschaften, Stillleben und Frauenakte. Diese Bilder zusammenzutragen, sei eine Aufgabe von Jahren gewesen. Die ehemalige Kuratorin Beate Ritter habe das Projekt jahrelang vorbereitet. Einige der gezeigten Gemälde galten als verschollen und sind nun erstmals wieder zu sehen. Eine Besonderheit sind auch fotografische Selbstporträts von Funke, die zum Beginn des 20. Jahrhunderts von sich angefertigt hatte, was zu dieser Zeit sehr ungewöhnlich war.

Um über die Runden zu kommen, habe Funke viele kleinformatige Bilder gemalt, da sich diese am besten an private Sammler verkaufen lassen. Weigel vermutet, dass sich noch viele dieser Bilder finden lassen könnten. Funke hatte nach 1920 einen Großteil ihres Vermögens durch die Inflation verloren. Trotz ihrer mehr als 40 Ausstellungsbeteiligungen von Paris, Hamburg, Berlin bis Stockholm starb sie 1957 verarmt und vergessen in Wien. Ihr künstlerischer Nachlass wurde zerstreut. Erst seit wenigen Jahren wurde ihr Werk wiederentdeckt, was auch ihrem Neffen zu verdanken ist, der Funke nie kennengelernt hatte, aber zu forschen begann und 2011 ein Buch über sie schrieb. Funke wird auch im Film "Hurra, es ist ein Mädchen!", der in diesem Sommer erschien und Frauen aus Chemnitz porträtiert, vorgestellt. Im Jahr 2007 gab es eine Ausstellung in Linz. Die neue Chemnitzer Ausstellung, die am heutigen Samstag um 17 Uhr eröffnet wird und bis 13. Januar zu sehen ist, ist die erste Einzelausstellung von Helene Funkes Werken in Deutschland.

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