Ehrenamtliche schlichten Streit zwischen Schülern

An der Rudolfschule sorgt Herbert Hartmann dafür, dass Konflikte zwischen Kindern nicht eskalieren. Das Projekt ist in der ganzen Stadt gefragt. Es gibt allerdings ein Problem.

Wenn sich auf dem Schulhof Kinder in die Haare kriegen, es zu Hänseleien oder gar Rangeleien kommt, dann schlägt die Stunde von Herbert Hartmann. Der 66-Jährige hört zu, beruhigt - sodass sich die Streithähne hinterher wieder vertragen. Seit zwei Jahren engagiert sich der ehemalige Immobilienwirt als Streitschlichter. In der Rudolfschule im Lutherviertel hat er ein Büro.

"Grundsätzlich geht es darum, Kindern im Grundschulalter Streitkultur beizubringen", sagt Hartmann. Dabei folge die Mediation festen Regeln. So seien Beschimpfungen untersagt und man lasse die andere Partei stets ausreden. Außerdem würden die Schüler freiwillig kommen, niemand werde gezwungen. Die Wahrscheinlichkeit, danach im Frieden auseinanderzugehen, sei hoch. Die Gespräche finden dabei stets hinter geschlossenen Türen statt, in der Schule steht dafür ein eigenes Zimmer zur Verfügung.

Hinter den Streitschlichtern steht eine bundesweite Initiative namens "Seniorpartner in School". Deren Ziel ist es nach eigenen Angaben, Konflikte in der Schule gewaltfrei zu lösen - als Streitschlichter arbeiten dabei, wie der Name schon sagt, ausnahmslos Senioren. Das Mindestalter beträgt 55 Jahre. In Chemnitz sind derzeit zehn Personen an vier Grundschulen tätig. Neben der Rudolfschule sind das die Salvador-Allende- und die Valentina-Tereschkowa-Grundschule in Kappel sowie die Grundschule Gablenz. "Mit mehr Personal könnten das deutlich mehr sein, denn den Bedarf gibt es auf jeden Fall", sagt Hartmann. Exemplarisch nennt er die Grundschule Schönau und das Chemnitzer Schulmodell, die schon Interesse bekundet hätten. Der 66-Jährige hofft deshalb auf Zulauf. Interessenten, die abgesehen vom richtigen Alter auch im Besitz eines erweiterten Führungszeugnisses ohne Einträge sein müssen, können sich per Internet anmelden. Es folgt ein Vorstellungsgespräch, dem sich eine Ausbildung anschließt, die 80Stunden umfasst, in der unter anderem verschiedene Gesprächstechniken vermittelt werden. Gewisse grundsätzliche Eigenschaften sollten die Teilnehmer allerdings bereits von sich aus mitbringen. "Dazu gehören Geduld, Offenheit sowie die Fähigkeit, gut zuhören zu können", so Hartmann. Zudem sollten die entsprechenden Frauen und Männer nicht zu autoritär wirken und charakterlich stabil sein. "Denn manchmal nimmt man Probleme auch mit nach Hause." Meistens bekomme man schon im Vorstellungsgespräch ein gutes Bild, fügt er an. Ansonsten hänge die sprichwörtliche Latte aber nicht zu hoch - so sei am Ende der Ausbildung beispielsweise keine Prüfung zu absolvieren.

Dass es schwierig ist, neue Mitstreiter zu finden, hat der 66-Jährige in der jüngeren Vergangenheit selbst erlebt. Hartmann, der auch regelmäßig das Seniorenkolleg an der Technischen Universität Chemnitz besucht, hatte dort für das Projekt geworben - vergeblich. "Da waren 800 Leute da, aber das Interesse war gleich null. Das war schon ziemlich traurig". Dabei sei er selbst seinerzeit über das Seniorenkolleg zu den Streitschlichtern gelangt. "Ich war damals gerade frisch in Rente, habe mir das angehört und gedacht: Das wäre was für mich."

Sylvana Oeser, Leiterin der Rudolfschule, ist mit der Arbeit ihrer Mediatoren hochzufrieden. "Gerade ältere Menschen gehen mit ihrer Gelassenheit und ihren Erfahrungswerten ganz anders an die Sache heran", sagt sie. Das werde von den Schülern akzeptiert und führe in der Regel zu konstruktiven Lösungen, so die Schulleiterin.

Sprechstunden für Interessierte finden am 4. September und am 13. September jeweils von 14 bis 16 Uhr im Mehrgenerationenhaus, Irkutsker Straße 15, statt. Die nächste Ausbildung startet am 25. September.

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