"Eigentlich will ich ja optimistisch sein"

Herbst 89: Die Malerin und Grafikerin Dagmar Ranft-Schinke über Kunst und Opposition in der DDR, alte Kränkungen und neue Sorgen

Wie denken Zeitzeugen und Protagonisten der Wendezeit in Chemnitz und Umgebung über damals und über die Entwicklung seither? Heute: Dagmar Ranft-Schinke im Gespräch mit Michael Müller.

"Freie Presse": Frau Ranft-Schinke, im Herbst 1989 waren Sie Mitte vierzig und freischaffende Künstlerin. Was war die DDR für Sie bis dahin gewesen?

Dagmar Ranft-Schinke: Heimat. Wie auch Adelsberg Heimat war und ist - der Stadtteil, in dem ich bis heute zu Hause bin. Aber ich sage mal ganz provokant: Ich könnte auch auf einer einsamen Insel malen, zeichnen, Texte schreiben.

Wann haben Sie das erste Mal das Gefühl gehabt: Dieses Land DDR wird bald ein anderes sein?

1988, als die Zeitschrift "Sputnik" und eine Reihe sehr guter sowjetischer Filme verboten wurden.

Sie waren Mitglied der Künstlergruppe Clara Mosch, die von der Stasi beobachtet wurde. Verstanden Sie sich als Oppositionelle?

Ich bin schon immer ein unheimlich kritischer Mensch gewesen, damals wie heute. Aber ich habe nie um der Opposition Willen opponiert. Und ich habe immer versucht, darauf zu achten, in der kritischen Auseinandersetzung andere nicht lächerlich zu machen. Sondern ihnen in die Augen zu sehen.

Welche Anliegen waren Ihnen damals besonders wichtig?

Die Gefahren der Gentechnik zum Beispiel. Daraus entstanden ab Anfang der 1980er-Jahre meine Arbeiten um die Fliege Drosophila. Manche meiner selbst erfundenen Fabeln in den Grafiken haben die Funktionäre gar nicht verstanden. Pegasus beispielsweise spielte bei mir eine zentrale Rolle. "Warum?", wollte einer von denen wissen. Da habe ich ihm geantwortet: "Mit Pegasus fliege ich zum Horizont. Zum nächsten Horizont muss er ohne mich fliegen."

Hatten Sie mal daran gedacht, das Land zu verlassen?

Nur einmal für kurze Zeit. Als mein damaliger Mann und ich glaubten, es sei hier nicht mehr auszuhalten. Wie hielten aber durch nach dem Prinzip: Kunst ist unter anderem seelischer Stabilisator.

Durften Sie schon vor dem Mauerfall in den Westen reisen?

Ein einziges Mal. Eine Studienreise nach München, nur ein paar Tage. Genehmigt wurde mir das auch erst, nachdem ich mehrere energische Briefe ans Ministerium geschrieben hatte. Sie haben mir dann zwei Aufpasser mitgeschickt. Die habe ich dann aber jeden Tag abgeschüttelt und mein Ding für mich gemacht.

Was zum Beispiel?

Ich hab mir all die Kunstmuseen dort angeschaut. Und ich habe den Sohn von Max Beckmann getroffen. Er hat mir Murnau gezeigt, wo Anfang des 20. Jahrhunderts die Künstler der Gruppe "Der Blaue Reiter" gelebt und gearbeitet hatten.

Nach dem Mauerfall lief die Entwicklung recht schnell in Richtung Wiedervereinigung. Wie war Ihre Meinung dazu?

Ich fand das positiv. Wie bei einem unfreiwillig getrennten Paar, das wieder zusammenfindet. Und ich konnte endlich reisen. Ich hatte mich seit Ende der 1970er-Jahre ja immer wieder mit Reflexionen über die Kultur der Inka beschäftigt. Nach Südamerika zu fahren, war nun nicht mehr nur ein Traum. Aber wie das dann alles gelaufen ist, da hätte man sich vieles sicher anders gewünscht. In den Museen hier, da wurden damals auch Bilder von mir ganz schnell abgenommen. Die verschwanden als "DDR-Kunst" im Depot. Das war schon ein Schlag. Zumal ich alles andere als eine sogenannte "Hofkünstlerin" war.

Wissen Sie noch, was Sie sich von Ihrem Begrüßungsgeld gekauft haben?

Nichts Besonderes. Ich hatte damals eine Ausstellung in Helmstedt, gleich hinter der Grenze. Da ging das Geld für alltägliche Ausgaben drauf.

Hatten Sie in den Jahren nach der Wiedervereinigung Existenzängste, so wie viele andere Menschen im Osten?

Nein. Ich habe damals sehr viele Grafiken verkaufen können. Heute aber leben viele Künstler unserer Generation von der Mindestrente. Dass schnelllebige Digitalzeitalter frisst seine Kinder.

Was war der größte Fehler bei der Wiedervereinigung?

Man hätte sich etwas mehr Zeit nehmen sollen. Es kam mir so vor, als ob einem mit einem Mal eine große Glocke übergestülpt würde. Der grüne Pfeil und die Polikliniken verschwanden, der Kindergarten war plötzlich nicht mehr angesagt. Diese Besserwisserei von Leuten, die ganz anders sozialisiert worden waren als wir im Osten, das war für viele Menschen hier sehr kränkend.

Haben sich Ihre Hoffnungen vom Herbst 1989 erfüllt?

Wenn ich nicht meinen Beruf hätte und die Natur, für die ich mich seit jeher begeistere, wäre ich wohl recht hoffnungslos. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Was Kriege betrifft, so bewegen wir uns auf des Messers Schneide. Die Politik wird meines Erachtens mehr und mehr von der Wirtschaft gesteuert. Und die Wirtschaft wiederum verdient an Vernichtung. Auch die unkontrollierte Forschung macht mir Angst - künstliche Intelligenz, autonome Roboter und dergleichen. Das kann uns unmündig machen.

Sind Sie heute politisch oder zivilgesellschaftlich aktiv?

Ich treffe durch meine Arbeit viele interessante Leute, auch Minister, Politiker, Wissenschaftler. Ich bin Mitglied der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft und des Fördervereins der Stadtbibliothek. Und da freut es mich, dass wieder mehr gelesen wird - trotz all der Smartphones und all der Überinformation, die schon Kinder psychisch schädigt.

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Dass wir Menschen begreifen, dass wir nur ein kleiner Teil der Natur sind, und wir die Natur niemals beherrschen können. Eigentlich will ich ja optimistisch sein.


Dagmar Ranft-Schinke

Geboren 1944 in Chemnitz, studierte sie bei Werner Tübke an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Das Diplom als Grafikerin schloss sie bei Wolfgang Mattheuer ab. Seit Ende der 1960er-Jahre freischaffend tätig, gründete sie 1977 gemeinsam mit Carlfriedrich Claus, Michael Morgner, Thomas Ranft und Gregor-Thorsten Schade in Karl-Marx-Stadt die Künstlergruppe Clara Mosch. Die Kunstsammlungen Chemnitz ehrten Dagmar Ranft-Schinke zuletzt 2017 mit einer großen Ausstellung ihrer Aquarelle. (micm)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    0
    701726
    14.10.2019

    Eine tolle Frau !



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