Ein Aufbruch auf 60 Seiten - So will Chemnitz Europas Kulturhauptstadt werden

Nun ist es offiziell: Acht deutsche Städte konkurrieren um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 - darunter Chemnitz. Diese Woche wurden die Bewerbungsbücher in Berlin eingereicht. Chemnitz zeigt, wie aus Ruß Goldstaub werden könnte.

Chemnitz.

Mit Schornsteinen kennt sich Chemnitz aus. Hat etliche davon. Und scheint nicht müde zu werden, sich an ihnen kreativ austoben zu wollen. Das legt eines der geplanten Projekte nahe, die im Bewerbungsbuch um den Titel Kulturhauptstadt Europa 2025 auftauchen und - auch in der Region - eines der auffälligsten werden könnte.

Das Bewerbungsbuch musste bis Montag in Berlin bei der Kulturstiftung der Länder vorliegen. Mit dem fristgerechten Einreichen ist Chemnitz einen Schritt auf dem Weg zum Titel weiter, denn es gehört nun offiziell zu den acht deutschen Städten, die um den Titel konkurrieren: dazu gehören Dresden, Gera, Zittau, Magdeburg, Nürnberg, Hildesheim und Hannover. Am Mittwoch hat Chemnitz sein Bewerbungsbuch im Internet veröffentlicht.

Rund 60 Seiten ist es dick - und darf nach Vorgaben der Jury auch nicht umfangreicher sein. Die Bewerbung muss vorgegebene Fragen beantworten, darunter, warum sich die Stadt bewirbt und wie ihr Konzept aussieht. Ein Blick in die Bewerbungsbücher der Städte zeigt: Den Verantwortlichen ist klar, dass die Jury beim Lesen nicht einschlafen sollte. Die Texte sind gegliedert, farblich unterlegt, sie wechseln mit Grafiken, Fotos und Zitaten. In der Chemnitzer Bewerbung finden sich der Songtext "Karl-Marx-Stadt" der Chemnitzer Band Kraftklub, zudem Bilder vom Marx-Kopf und Theaterplatz, von Brachflächen, von den Chemnitzer Ausschreitungen 2018 genauso wie von Kulturveranstaltungen, und ein Bild zeigt eine Arbeiterhand mit einem rot lackierten Fingernagel - auf der Nagellackflasche daneben steht "Culture". Zu sehen auch: der Schornstein, der vor einigen Jahren nach dem Entwurf des französischen Künstlers Daniel Buren mit Farbflächen bemalt wurde und nachts beleuchtet wird. Und damit sind wir bei "Vierzig".

So heißt der neue Schornstein-Plan in der Bewerbung. Von 2021 bis 2025 sollen 40 Künstler aus ehemaligen Kulturhauptstädten Europas 40 Schornsteine in der Region gestalten. 40, weil im Jahr 2025 der Kulturhauptstadt-Titel zum 40. Mal vergeben wird. Die Region ist mit im Boot, weil rund 25 Kommunen um Chemnitz herum die Kulturhauptstadt-Bewerbung unterstützen. Gut gelingen könnte das Projekt mit den Schornsteinen, wenn man sich die bunte Chemnitzer Esse nach dem Entwurf Burens anschaut: erst Aufreger, heute meist akzeptiertes und beliebtes Wahrzeichen. Schornsteine sind Zeugen der arbeits- und rußreichen Vergangenheit der Region, Kunst kann sie in Sinnbilder für Veränderungen verwandeln.

Zu anderen konkreten Projektvorhaben in der Bewerbung zählen die "Zukunft Werk Stadt Chemnitz", bei der ab 2020 europäische Künstler Arbeiten im öffentlichen Raum zeigen; der "Mural Trail Chemnitz", wo bis 2025 ein Pfad entstehen soll, auf dem man an Fassadenmalerei entlang läuft; auch vom Aufbau eines choreografischen Zentrums für Tanz in Kooperation mit Akteuren in Prag und Stockholm ist die Rede sowie von einem Institut für Ostmoderne, das eine Auseinandersetzung mit der jüngeren Kunst- und Kulturgeschichte der Stadt in der DDR anstoßen soll. Weitere Vorhaben werden genannt, auch solche, die ganz andere Themen beackern, das Bierbrauen und die Eisenbahn beispielsweise. Etliche bereits bestehende Veranstaltungsreihen sollen im Falle, dass Chemnitz in die zweite Bewerbungsrunde kommt, ausgeweitet werden, wie etwa die Kunst- und Kulturfestivals "Pochen" und "Begehungen".

Einen konkreten Programmablauf für das eigentliche Kulturhauptstadtjahr 2025 gibt es noch nicht - betont wird in der Bewerbung das "Prozesshafte": Es werden jetzt all die Projekte angeschoben, die sich über die Jahre bis hin zu 2025 und darüber hinaus entfalten sollen. Und das liegt durchaus im Sinne der Vergaberichtlinien für die Kulturhauptstadt Europas.

Wurden anfangs noch Städte wie Florenz und Paris mit ihrer Kunst- und Kulturvielfalt ausgezeichnet, geht es heute um ganz andere Fragen. So zählt nicht mehr, wer mit den aufregendsten Kulturgütern aufwarten kann, sondern wer die pfiffigsten Ideen für die Stadtentwicklung und das Zusammenleben der Menschen - und beides ist Kultur - vorweisen kann. In diesem Sinne steht die Chemnitzer Bewerbung unter dem Titel "Aufbrüche".

So werden im Bewerbungsbuch nicht nur konkrete Projektangaben gemacht. Auch die Vergangenheit der Stadt - mit Industrialisierung, DDR und Wende - und Visionen darüber, was aus dieser Vergangenheit folgend für die zukünftige Stadtentwicklung generell wichtig ist, werden skizziert. Der Fokus liegt auf den Themen Arbeit, Räume und Spuren. So geht es etwa darum, gute Rahmenbedingungen für Startups und Mittelstand zu schaffen. Es geht um die Neugestaltung von Brachflächen. Um das bessere Einbinden des Flusses Chemnitz ins Stadtbild. Um Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch um die Diskussion und Verarbeitung der Vergangenheit. Darum, dass sich Einwohner für ihre Stadt einsetzen.

Ein Prozess, der durch die Vorbereitung auf die Bewerbung als Kulturhauptstadt bereits läuft: Seit Monaten sind Chemnitzer durch Stadtverwaltung und diverse Initiativen eingeladen, ihre Gedanken und Ideen zur Stadtentwicklung einzubringen. Sie spiegeln sich in der Bewerbung wider.

Das Prozedere

Die Europäische Union ernennt seit 1985 die Kulturhauptstädte Europas für jeweils ein Jahr. Zusammen mit Slowenien ist Deutschland berechtigt, für das Jahr 2025 eine Europäische Kulturhauptstadt zu stellen. Derzeit sind die italienische Stadt Matera und die bulgarische Stadt Plowdiw Kulturhauptstädte.

Ziel ist, das Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa sowie nachhaltige Stadtentwicklungen zu fördern.

Bewerbungsfrist für die deutschen Städte für das Jahr 2025 war der 30. September diese Woche. Eingereicht werden musste die Bewerbung bei der Kulturstiftung der Länder als Organisatorin des nationalen Auswahlverfahrens. Im Rennen um den Titel sind nun Chemnitz, Dresden, Gera, Zittau, Magdeburg, Nürnberg, Hildesheim und Hannover. Die Bewerbungsbücher werden jetzt von einer europäischen Jury bewertet.

Am 12. Dezember werden die Städte bekanntgegeben, die es in die zweite Runde schaffen, im Herbst 2020 empfiehlt die Jury eine der Städte für die Ernennung zur deutschen Kulturhauptstadt Europas 2025.

Die Chemnitzer Bewerbung kam durch Initiative der Stadtverwaltung vor drei Jahren ins Rollen. (kl)

Das Bewerbungsbuch gibt's im Internet unter chemnitz2025.de

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