Ein Leben als Spiegel der Geschichte

Andrée-Thérèse Leusink, Tochter des in Chemnitz geborenen Schriftstellers Stephan Hermlin, ist im April in Berlin verstorben. Ein Nachruf.

Als Andrée-Thérèse Leusink, Tochter des in Chemnitz geborenen Schriftstellers Stephan Hermlin, Anfang Oktober 2015 das letzte Mal in der Geburtsstadt ihres Vater weilte, kam sie zur Verlegung eines Stolpersteins zu Ehren von Alfred Leder. Die damals 77-Jährige konnte sich noch verschwommen an ihren Onkel erinnern, der - ebenfalls aus Chemnitz stammend - als Flugschüler der Royal Air Force bei einem Übungsflug am 7. Januar 1943 in der kanadischen Provinz Alberta zu Tode gekommen war.

Leusink hatte Chemnitz damals in Begleitung ihrer Schwester Bettina und ihres Bruders André besucht. Außerdem hatte ihr Inge Heym, Witwe des ebenfalls aus Chemnitz stammenden Schriftstellers Stefan Heym, bei dieser nicht einfachen Reise zur Seite gestanden. Der gemeinsame Besuch von Kindern der bedeutenden Schriftsteller Hermlin und Heym blieb damals in Chemnitz weitgehend unbeachtet.

Andrée-Thérèse war Hermlins älteste Tochter und das einzige Kind aus der Ehe mit Juliette Brandler. Ihre jüdischen Eltern, deren Herzen links schlugen, hatten sich im Dezember 1935 in Berlin das Jawort gegeben, bevor sie einige Wochen später nach Palästina emigrierten. Die Eheleute lebten nur anderthalb Jahre in dem britischen Mandatsgebiet, in dem damals der Arabische Aufstand tobte. Im Sommer 1937 verließen sie das "Land der Verheißung" wieder und entschieden sich für ein Leben in Frankreich. Ihre Tochter wurde am 14. Mai 1938 in Paris geboren.

Es schien so, als sollte Frankreich für die jungen Eheleute das wirkliche "Land der Verheißung" werden. Doch der Schein hatte sie erneut getrogen. David Leder, Hermlins Vater, wurde während der Novemberpogrome 1938 in Deutschland verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Im Juli 1939 verließ auch Hermlins Mutter Deutschland. Frankreich indes wurde zehn Monate später von Hitlers Wehrmacht überfallen.

Andrée-Thérèse verlor in der Folgezeit ihre Mutter. Ihr Vater war vorübergehend unbewaffneter Arbeitssoldat der französischen Armee. Später wurde er zu Arbeiten in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt. Mit Hilfe französischer Widerstandskämpfer wurde das Mädchen in einem Kinderheim im Departement Creuse versteckt. Als dort Razzien drohten, floh Hermlin mit seiner Tochter am 17. April 1943 in die Schweiz. Der besorgte Vater hatte damals geahnt, dass er nur so sein Kind vor Verrat und Tod retten konnte.

Endlich waren Vater und Tochter wieder vereint, wenn auch nur in einem Internierungslager. Danach wurde Andrée-Thérèse einer Pflegefamilie in Zürich übergeben, in der sie sich aber nicht geborgen fühlte. 1948 holte Hermlin seine zehnjährige Tochter mit Hilfe seiner Mutter Lola nach Ostberlin.

In Pankow konnte Andrée-Thérèse endlich ihre Muttersprache erlernen. Später studierte sie Geschichte, Sport, Psychologie und Philosophie und wurde Lehrerin. Sie hatte vier Kinder und war eine überzeugte, aber auch eine kritische DDR-Bürgerin. Noch im hohen Alter erinnerte sie sich an "Hetze und tätliche Übergriffe, antisemitische Schmierereien und Pöbeleien", die im NS-Staat an der Tagesordnung waren.

Am 9. April 2020 starb Andrée-Thérèse Leusink an den Folgen einer schweren Operation in Berlin. In Anwesenheit ihrer Familie wurde Hermlins älteste Tochter am 17. April auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

2Kommentare

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    Interessierte
    03.05.2020

    Als sie - das letzte Mal in der ´Geburtsstadt ihres Vaters` weilte, kam sie zur Verlegung eines Stolpersteins zu Ehren von Alfred Leder - ihres Onkels …
    ( wo wohnte der denn ?

    Ihr Vater war doch ´somit` auch Jude , vor dessen Geburtshaus wurde aber wohl noch kein Stolperstein verlegt …
    Und interessant , er hatte vier Kinder mit vier Frauen zwischen 1938 und 1965
    https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Hermlin

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    Interessierte
    03.05.2020

    Da hat sie nun nicht einmal mehr die Sanierung des Geburtshauses ihres Vaters erlebt , ganz anders aber die Witwe des Schriftsteller Stefan Heym …

    Der gemeinsame Besuch von Kindern der bedeutenden Schriftsteller Hermlin und Heym blieb damals in Chemnitz weitgehend unbeachtet.
    ( von wem - wurde das denn nicht beachtet ?