Ein Leben für den Frieden

Das Schloßbergmuseum widmet dem Vorwende-Jahrzehnt eine Ausstellung. Gezeigt werden auch Plakate des 2005 verstorbenen Pfarrers Hans-Jochen Vogel. Sein Engagement für den Frieden brachte ihm Ärger ein - mit der Stasi und später der bundesdeutschen Justiz.

Es ist so etwas wie ein Vermächtnis. Mehrere Seiten lang ist die Stellungnahme, die Hans-Jochen Vogel am 28. März 2000 vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten verlas. Dort musste sich der Chemnitzer Pfarrer in zweiter Instanz verantworten, weil er einen Aufruf an Bundeswehrsoldaten, sich nicht am Kosovokrieg zu beteiligen, unterzeichnet hatte - Aufruf zur Fahnenflucht lautete die Anklage. Vogel räumte alles ein und umriss seine Motive. "Mir ging und geht es um die konkrete Verhinderung von Zerstörung menschlichen Lebens und seiner Grundlagen." Ein Satz, der als Leitspruch über seinem Leben hätte stehen können.

Vogel, 1943 in Chemnitz geboren, wuchs in Bräunsdorf im heutigen Limbach-Oberfrohna auf - ohne seinen Vater, der den Zweiten Krieg genauso wie drei Onkel nicht überlebt hatte. Das und die Not der Nachkriegsjahre, als auch im Hause Vogel über Hunger, Armut und Tod gesprochen worden sei, hätten ihn stark geprägt, berichtet Elke Vogel, Witwe des 2005 verstorbenen Chemnitzers. "Sein späteres Engagement für den Frieden kam aus der Überzeugung heraus, dass so etwas wie die Nazi-Zeit und der Zweite Weltkrieg nie wieder passieren dürfen." Schon in Kinder- und Jugendjahren habe er viel gelesen, gezeichnet, Gedanken zu Papier gebracht - auch angeregt durch das Wirken seines Cousins, des Dramatikers Heiner Müller. Als junger Mann verweigerte Vogel den Wehrdienst, studierte in Leipzig Theologie, um später in den Kirchendienst zu treten. Ab 1974 arbeitete er als Studentenpfarrer in Karl-Marx-Stadt.


In den Gemeinderäumen, die sich im Wohnhaus des Ehepaares Vogel befanden, organisierte er Seminare, Tagungen und Gesprächskreise. Mit Beginn der 1980er-Jahre habe er seine politische Arbeit intensiviert, berichtet Elke Vogel. "Das war seine Zeit. Er konnte seine Ideen gut verbreiten." Zu den Treffen lud er mit selbstgestalteten Plakaten ein, von denen hunderte bis heute erhalten geblieben sind. In den Runden sei es um Religion, Frieden sowie soziale Gerechtigkeit gegangen und um Kapitalismus, den ihr Mann kritisch gesehen habe, erinnert sich die 72-Jährige. Aber auch das Leben von Randgruppen wie Migranten, Lesben und Schwulen habe eine Rolle gespielt. Themen, die ihm schon früh die Skepsis des Staates und seiner Sicherheitsorgane bescherten.

Die Stasi habe ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter gewinnen wollen, sagt Elke Vogel. "Die kamen immer zu zweit, haben ihm Bücher aus dem Westen angeboten, weil sie wussten, dass er viel liest. Er hat aber abgelehnt." Statt eines Gehilfen wurde Hans-Jochen Vogel zum Beobachtungsfall. "Wandler", "Bär" und "Adler" hießen die Aktionen der Stasi gegen ihren Mann, berichtet Elke Vogel. Das habe er beim Blick in seine Stasi-Akten nach der Wiedervereinigung nachlesen können. "Der Aktenberg war einen Meter hoch."

Dabei sei ihr Mann, der nie einer Partei angehört habe, sowohl der Kirche als auch der DDR gegenüber kritisch eingestellt gewesen. "Die Idee des Sozialismus fand er gut, der real existierende Sozialismus war aber keine Lösung für ihn", erklärt Elke Vogel. Von der Kirche sei er enttäuscht gewesen, weil sie so konservativ gewesen sei. "Umgekehrt galt er dort wegen seiner linken Ansichten als 'der rote Vogel'." Auch der Prozess der Wiedervereinigung habe ihm missfallen. Solange es um demokratische Reformen gegangen sei, habe sich Hans-Jochen Vogel an Montagsdemonstrationen beteiligt. "Als alle nur noch die D-Mark wollten, ist er ferngeblieben", sagt die Witwe.

Das Engagement für den Frieden setzte der Hobby-Ornithologe aber auch nach 1990 fort, initiierte beispielsweise eine Konferenz zu Sozialfragen, schrieb und protestierte gegen Kriege wie jene im früheren Jugoslawien. Der Aufruf an Bundeswehrsoldaten, nicht im Kosovo zu kämpfen, blieb letztlich folgenlos: Das Berliner Gericht sprach Vogel frei. In Chemnitz setzte er sich dafür ein, den Jahrestag der Bombardierung der Stadt durch die Alliierten neu zu konzipieren - der Grundstein für den Friedenstag, wie er seitdem jedes Jahr am 5. März begangen wird. 2004 erhielt er den Chemnitzer Friedenspreis, ein Jahr vor seinem Tod.

Witwe Elke Vogel hat nun einen Teil seiner Arbeiten, vor allem Plakate aus den 1980er-Jahren, dem Schloßbergmuseum geliehen. Das Haus bereitet eine Schau mit dem Titel "Wendezeit" vor, die ab 15. September gezeigt werden soll. Die Ausstellung rückt das Jahrzehnt ab etwa 1978 in den Fokus, um die Vorgeschichte für den Mauerfall und die Wiedervereinigung zu dokumentieren.


Chemnitzer können Schau mitgestalten

Für die Sonderausstellung "Wendezeit" ab 15. September nimmt das Schloßbergmuseum Dokumente von Chemnitzern - beispielsweise Faltblätter, Plakate oder Aufzeichnungen - entgegen. Seit einem ersten Aufruf in der "Freien Presse" vor einem Monat seien "fast täglich" potenzielle Exponate eingegangen, sagt Museumsleiter Uwe Fiedler: "Ich bin positiv überrascht." Wer noch etwas für die Schau zur Verfügung stellen möchte, kann dies an das Schloßbergmuseum, Schloßberg 12, 09113 Chemnitz, schicken oder telefonisch einen Termin vereinbaren: 0371 4884501. (lumm)

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