Ein Mann der Schrift

Eine Ausstellung in der Neuen Sächsischen Galerie widmet sich der Typografie. Bekannte Beispiele aus Chemnitz werden auch gezeigt, darunter mehrere aus der Hand eines Künstlers.

Jeder Chemnitzer hat schon einmal eine Arbeit des Künstlers Heinz Schumann gesehen. Es ist fast nicht möglich, durch die Stadt zu gehen, ohne auf seine Spuren zu stoßen. Er ist keiner, der Bilder malt oder Skulpturen meißelt. Schumann gestaltet Schriften. Zu sagen, dass er schreibt, wäre zu banal für einen Grafiker, Typografen und Experten der Kalligrafie.

Die Neue Sächsische Galerie zeigt aktuell eine Ausstellung, die sich der Schrift widmet. Sie zeigt Dokumente Chemnitzer Typografieleistungen aus allen Epochen. Die Schau ist eine Gemeinschaftsarbeit mit der Stadtbibliothek. Diese steuert Kostbarkeiten bei, wie eine Bibel aus dem Jahr 1277, das wertvollste Exemplar des Bibliotheksbestandes, oder eine Blattsammlung vom Anfang des 16. Jahrhunderts mit Chor- und Solistengesängen aus dem Chemnitzer Franziskanerkonvent. Die Ausstellung zeigt, wie sich die Schrift im Laufe der Jahrhunderte veränderte und erklärt Fachbegriffe. Anhand von Objekten aus Chemnitz gibt sie Beispiele wie das Corporate Design der Theater Chemnitz. Auch die Firma Friedrich, die unter dem Namen Typoplex, später Typofix, Rubbelbuchstaben herstellte, hat einen Platz. Tests und Spiele ermöglichen dem Besucher, seinen typografischen Blick für Feinheiten und Details zu schärfen.

Museumsdirektor Mathias Lindner, selbst gelernter Schrift- und Grafik-Maler, sagt, Typografie sei in Chemnitz ein unbekanntes Thema, dabei habe jeder Mensch damit zu tun. "Am Computer muss er sich entscheiden, mit welcher Schriftart er schreibt, oder er ist als Leser mit Schrift konfrontiert und spürt, ob sie gut oder schlecht gewählt ist", so Lindner. Heinz Schumann, dessen Arbeit ebenfalls in der Ausstellung beleuchtet wird, "ist international hoch geschätzt, aber in Chemnitz kaum bekannt", so Lindner weiter. Am 26. August wird er sich mit Schumann zu einem öffentlichen Gespräch in der Ausstellung treffen.

Schumann wurde in Chemnitz geboren, absolvierte eine Lehre als grafischer Zeichner, studierte dann an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Danach war er als Grafiker in Berlin bei der Defa-Synchron tätig. Aber 1962 kehrte er nach Chemnitz zurück und wurde bei der "Freien Presse" fest als Grafiker eingestellt. Schumann war für das Layout der Zeitung verantwortlich, schrieb den Zeitungskopf, der wie leicht mit dem Pinsel hingeworfen wirkt und der bis 1989 das Erscheinungsbild der Zeitung ausmachte. Ab 1967 arbeitete Schumann dann freischaffend. Er schuf die visuellen Erscheinungsbilder des VEB Numerik Karl-Marx-Stadt und des VEB Werkzeugmaschinenkombinats "Fritz Heckert", beschriftete das Rat- und das Opernhaus. In letzterem ist seine Arbeit heute noch zu sehen. In der Ausstellung wird seine Grafik gezeigt, die er für die internationale Buchkunstausstellung in Leipzig angefertigt hatte, und die eine Silbermedaille für Deutschland einbrachte.

Auch auf sein bekanntestes Chemnitzer Werk wird in der Ausstellung eingegangen: auf den Schriftspiegel hinter dem Marx-Kopf. "Eigentlich wollte ich es nicht machen, weil ich gar keine Zeit hatte", sagt der 85-Jährige. Er sei dann aber mit dem Bildhauer Lew Kerbel schnell übereingekommen und sein Entwurf wurde bestätigt. Ein halbes Jahr habe er daran gezeichnet. Seine Arbeit diente als Vorlage für den Stuckateur, der insgesamt 170 einzelne Gipsmodelle anfertigte, die schließlich in Lauchhammer in Hydronalium, einer Seewasser-beständigen Aluminiumlegierung, gegossen wurden. "Ich muss jedes Mal hinschauen, wenn ich am Marx-Kopf vorbeikomme", sagt Schumann, "und frage mich, wie lange das Werk wohl noch dort stehen wird."

Die Ausstellung "ZEE.3.7.1" in der Neuen Sächsischen Galerie im Tietz ist noch bis 16. September zu sehen. Eine Ausstellung mit 50 Kalligrafien von Heinz Schumann ist im Haus der Chemnitzer Siedlungsgemeinschaft, Hoffmannstraße 47, noch bis März zu sehen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...