Ein Stück wie für die Bühne gemacht

In kleinen Schritten zum Erfolg: Der Verein Küchwaldbühne feiert zehnjähriges Bestehen - und zur Feier kam einer der Initiatoren im Hochzeitsanzug.

Fast gehört die Geschichte des Vereins Küchwaldbühne selbst auf die die Bretter, die die Welt bedeuten: Ein Theaterliebhaber möchte eine alte Bühne vom Verfall retten, findet auf seiner Mission treue Gefährten und feiert zehn Jahre später mit ihnen das bestandene Abenteuer.

Im Jahr 2009 steht Theaterliebhaber Werner Haas vor einer Ruine. Die einst von tausenden Bürgern errichtete Küchwaldbühne ist marode, war von Feuer beschädigt und von der Natur zurückerobert worden. Woran erinnert ihn das? An die Geschichte von Momo, dem Mädchen aus Michael Endes gleichnamigen Roman. Momo lebt in einer Ruine und dennoch kommen die Menschen zu ihr. Warum? Momo schenkt ihnen Hoffnung.

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"Dieses Stück musste auf diese Bühne", erzählt Haas. Noch im selben Jahr gründete er einen Verein und fand sechs Gefährten. Anschließend startete er ein Casting für Schauspieler. Mit dabei: Julia Esche, damals 14 Jahre alt. Ihr Opa istBauingenieur Rolf Esche. "Opa, Opa! Die brauchen jemanden vom Bau", soll Julia ihren Großvater zur Hilfe aufgefordert haben. Esche schmunzelt: "So habe ich hierher gefunden." Mittlerweile ist er Vereins-Chef.

Eine Symbiose war geboren, die bis heute anhält: Werner Haas kümmert sich um die künstlerischen Belange, Esche und seine Frau Evelyn um die baulichen Herausforderungen. Von letzteren gab es zu Beginn besonders viele. "Als ich damals die Bühne betrat, habe ich gesehen, wie hoffnungslos verloren wir waren", sagt Esche heute. Meterhohes Gras sei darauf gewachsen, der Zuschauerraum sei nicht mehr vom umliegenden Wald zu unterscheiden gewesen. "Und der rechte Flügel war von einem mutwillig gelegten Feuer in Mitleidenschaft gezogen worden." Auch die Historie des Ortes machte anfangs wenig Hoffnung auf Erfolg: Sieben Versuche zur Wiederbelebung hatte es seit der Schließung zu Beginn der 1990er-Jahre gegeben - alle waren gescheitert. Doch Werner Haas war sich sicher: "Das muss was werden! Wir sind der achte Versuch, wir sind die Oktave!"

Die geplante Vorgehensweise des Vereins: Ganz wie man sie vom Straßenkehrer Beppo in Momo lernt: "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du?", rät er. "Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich." Keine große Gesamtsanierung also, sondern eine schrittweise Instandsetzung. Mittels Einnahmen aus Kleinkunst und Kindertheater sollte Schritt für Schritt das Geld für die Instandsetzung und Sicherung des Geländes erwirtschaftet werden. Und tatsächlich: Am 20. August 2010 feiert "Momo" Premiere, in die Ruine im Küchwald war die Hoffnung eingezogen.

Am Freitag nun hat der Verein Küchwaldbühne sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Werner Haas trägt zur Feier des Tages seinen Hochzeitsanzug, und Weggefährte Esche sagt: "Wir sind glücklich, überglücklich." In den vergangenen zehn Jahren hat der Verein zahlreiche Renovierungsarbeiten umgesetzt und Stücke auf die Bühne gebracht: Besonders gern erinnert sich Werner Haas an "Emil und die Detektive". Dabei hat er Schauspieler Michael Weichesmüller entdeckt, der in zahlreichen späteren Produktionen mitwirkte.

"Momo" wird nicht zum Jubiläum gespielt, stattdessen feiert das Musical "Anatevka" am 24. August Premiere. Warum gerade dieses Stück? "Es ist eine Reaktion auf den Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit in der Stadt", sagt Werner Haas. Das Stück spielt in der ukrainischen Stadt Anatevka im Jahr 1905. Der jüdische Milchmann Tevje ringt um die Tradition in einer vom Umbruch bewegten Zeit. Haas: "Im Stück sind Lebensfreude und Schrecklichkeit gleichermaßen enthalten."

Auch weitere Sanierungsprojekte sind geplant. Als nächstes soll das Bistro der Bühne wieder aufgemacht werden. Die Geschichte des Vereins geht also in das nächste Kapitel.

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