Einbruch ins Leben

Noch nie gab es in der Region so viele Haus- und Wohnungseinbrüche wie im Vorjahr. Opfer rüsten auf, aber die Angst will nicht mehr weichen - wie Betroffene erzählen.

Chemnitz.

Wenn sich Petra B. an die Nacht zum 17. September vergangenen Jahres erinnert, läuft ihr noch immer ein Schauer über den Rücken. An jenem Morgen begrüßte sie ihren Mann gegen 5 Uhr mit den Worten: "Ich glaube, wir hatten letzte Nacht Besuch." Mehr kam ihr beim Anblick der offenen Türen im Souterrain ihres Reihenhauses nicht über die Lippen. Ihr Mann hatte den Wecker auf 4.50 Uhr gestellt. "Da war es im Haus totenstill."

Die Eheleute wohnen mit ihren beiden Kindern in einer nach 1990 entstandenen Eigenheimsiedlung im Chemnitzer Stadtteil Adelsberg zur Miete - eine idyllische ländliche Gegend, in der mancher Chemnitzer gern leben würde. Schlaf- und Kinderzimmer liegen zwei Etagen über der Tiefparterre, wo sich Garage, Heizungskeller, Gästezimmer und Hauseingangstür befinden. Auch alle Schlüssel wurden hier aufbewahrt, einschließlich der für den Audi A 7, den ihr Mann fährt.

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Als die 38-Jährige an jenem frühen Morgen in das untere Geschoss kommt, empfängt sie der "eklige Geruch eines ganz aufdringlichen Parfüms", erzählt sie. "Da hatte ich noch immer keine Ahnung, was mich erwarten würde." Als sie ihre Jacke von der Garderobe nehmen will, hing da nichts mehr. Bei der Kommode daneben war die oberste Schublade weit geöffnet. Der Inhalt war durchwühlt. Dann erst sah sie, dass auch die Haustür offen stand, ebenso die Türen zum Gästezimmer und zum Heizungskeller. "Sämtliche Schlüssel waren weg, und als ich den Heizungsraum betrat, sah ich, dass das Kellerfenster nicht mehr da war." Sie hatte es am Vorabend angekippt, damit die Wäsche besser trocknet. Nun hatte es jemand ausgehängt, um durch dieses Fenster im Schutz einer Ligusterhecke ins Haus einzusteigen.

"Ich weiß nicht mehr, wie lange ich fassungslos dastand, um das zu verarbeiten." Schließlich sei sie nach oben gespurtet, um nach den Kindern zu schauen. "Die schliefen fest. Auch im ersten Stock stellte ich keine Veränderungen fest", sagt die selbstständige Personalmanagerin. Erst dann schoss den Eheleuten der Audi A 7 durch den Kopf, der jeden Tag in ihrer torlosen Garagenzufahrt abgestellt wird. Am Vorabend hatte Petra B. den Schlüssel nicht wie üblich auf die Kommode im Souterrain gelegt, sondern in ein Regal in der Garage. "Ich weiß bis heute nicht warum. Aber das war wohl der Grund, weshalb der Wagen noch da war." Die resolute Frau ist überzeugt, dass es die Täter auf den Audi abgesehen hatten. "Weil sich der nicht so einfach knacken lässt, suchten sie offenbar nach dem Zündschlüssel." Doch unter dem Dutzend Schlüssel, die sie mitgehen ließen, war er nicht.

Die Eheleute B. wählten die 110. Wenig später traf die Polizei am Tatort ein. Ein Hund nahm eine Spur auf, lief durch die Haustür und den Garten bis zur nächsten Straße. Dort gab er auf. Die Ermittler glauben, dass die Einbrecher an dieser Stelle in ein Auto gestiegen sind. Fingerabdrücke hatten sie nicht hinterlassen. Zwei Wochen später verschwand bei einem Nachbarn ein Audi - geparkt in dessen Garageneinfahrt.

Inzwischen haben die Eheleute in Absprache mit ihrem Vermieter aufgerüstet. Die Haustür bekam ein neues Schloss mit zusätzlichen Schließzylindern. Das Kellerfenster wurde durch ein einbruchsicheres mit massivem Rahmen ersetzt. Alle Fenstergriffe im Erdgeschoss und im Treppenhaus sind jetzt abschließbar. Sämtliche Türen im Souterrain haben eine kleine unscheinbare Alarmanlage, die aufheult wie die eines Autos, sobald jemand die Tür öffnet. Allerdings muss die "Sirene" jeden Abend und bei Abwesenheit eingeschaltet und morgens deaktiviert werden, erklärt Petra B.

Sie fühlt sich in ihrem Haus heute wieder halbwegs sicher. "Aber in den ersten Wochen war das nicht so. Ich habe keine Nacht durchgeschlafen, war immer halb wach, habe auf jedes Geräusch gehört. Heute schau ich jeden Abend lieber zweimal nach, ob alles verschlossen ist und dass keine Wertsachen und Schlüssel auf der Kommode liegen." Auch mit den Nachbarn gibt es Absprachen. Da Adelsberg 2015 zu den bevorzugten Tatorten von Einbrechern gehörte, hat jeder auch ein Auge auf das Nachbargrundstück, vor allem auf Leute und Fahrzeuge, die da noch nie gesehen wurden. Bei Auffälligkeiten wird die 110 angerufen - lieber einmal mehr als zu wenig, hat ihnen die Polizei geraten.

Ähnlich wie den Eheleuten B. ist es Familie T. im Stadtteil Borna im Norden von Chemnitz ergangen. Ihr Haus wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren zweimal von Einbrechern heimgesucht. Beim ersten Mal hebelten sie tagsüber mühelos die Terrassentür auf und durchwühlten in drei Etagen alle Schränke und Schubfächer. Die Hausbewohner waren auf Arbeit.

Laptop, Handy, Kamera, Schmuck und Bargeld ließen sie in einer Reisetasche mitgehen, die sie in der Wohnung fanden. Vergangenen Herbst, als das Haus schon deutlich besser gesichert war, schmissen Unbekannte eines Abends einen Stein gegen die neue Terrassentür, bis das Glas zu Bruch ging. Familie T. war an jenem Tag von 18 bis nach 22 Uhr unterwegs. Diesmal ließen die Täter nur den Inhalt einer Sparbüchse und Reisepässe mitgehen. Vermutlich hatten sie Angst, dass jemand den Lärm gehört hatte. In derselben Nacht wurde noch eine Nachbarin Opfer von Einbrechern.

"So etwas verändert das ganze Leben. Dieses beklemmende Gefühl geht nie mehr weg, dass da jemand den ganzen Privatbereich durchwühlt hat - jedes Stück Wäsche, jedes Foto, jeden Kontoauszug in seinen schmutzigen Händen hatte", gesteht Waltraud T. "Man wird zugleich zum Kontrollfreak und schließt sogar schon alles ab, wenn man nur mal fünf Minuten zum Nachbarn geht", beschreibt die 54-Jährige, wie die Einbrüche das Leben der Eheleute verändert haben. Die Täter wurden nicht gefasst.

Viele Tipps für mehr Sicherheit in ihren Häusern hat die Polizei den beiden Familien in Adelsberg und Borna gegeben. Nicht erst, wenn etwas passiert ist, fahren Mitarbeiter der kriminalpolizeilichen Beratungsstelle an Ort und Stelle, um sich die Gegebenheiten und Schwachstellen der Häuser oder Wohnungen anzuschauen.

Frank Arnold, der Leiter der Beratungsstelle in Chemnitz berichtet, dass noch nie so viele Anrufe eingegangen seien und Bürger persönlich vorgesprochen hätten wie 2015. 3246-mal haben Rat suchende oder Betroffene Menschen um Hilfe gebeten. In 625 Fällen sei das vor Ort geschehen, in Wohnhäusern und Firmen - "oft leider erst, nachdem Einbrecher am Werk waren". Damit hat sich für Arnold und seine beiden Mitarbeiter das Arbeitspensum 2015 verdoppelt. Das setzte sich im ersten Quartal 2016 fort: Da gab es bereits halb so viele Beratungen wie im gesamten Vorjahr.

Stress haben die Beamten immer dann, wenn ein Ort über Wochen von Einbrechern in Schach gehalten wird. "Allein in Neukirchen bei Chemnitz waren wir 2015 zu 135 persönlichen Gesprächen bei Einwohnern, die einfach Angst hatten", berichtet der Polizeihauptkommissar. Arnold kann sich dabei einen Seitenhieb nicht verkneifen: "Immerhin standen wir vor wenigen Jahren im Zuge der geplanten Polizeireform 2020 noch ganz oben auf der Streichliste des Innenministeriums." Damals seien einige der Meinung gewesen, Prävention sei nicht Aufgabe der Polizei und "wir müssten doch nun inzwischen jeden beraten haben", erzählt der 57-Jährige. Doch obwohl die Zahl der Wohnungseinbrüche in ganz Sachsen 2015 um rund zehn Prozent gestiegen sei, hinke der Freistaat mit gerade einmal fünf solcher Beratungsstellen, wie es sie in Chemnitz und in Zwickau gibt, weit hinterher. In Bayern existieren 38.

Arnold bedauert, dass der Freistaat zwar alles Mögliche statistisch erfasst, nicht aber, wie viele Einbrüche durch Sicherungstechnik verhindert wurden. Bayern kann das konkret belegen. Dabei gilt längst die Erkenntnis: Wenn Einbrecher länger als zwei Minuten benötigen, um in ein Objekt einzusteigen, lassen sie aus Angst vor Entdeckung oft die Finger davon. Eine Studie der nordrhein-westfälischen Polizei kam zu dem Ergebnis, dass in 42 Prozent der Fälle der Einbruch im Versuch endete. Bei fast jedem zweiten Versuch seien die Täter an Sicherungseinrichtungen gescheitert.

Die Beratungsstelle in Chemnitz, Brückenstraße 12, hat Dienstag und Donnerstag 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr geöffnet. Sie ist auch für die Landkreise Mittelsachsen und das Erzgebirge zuständig. Hausbesuche werden auch telefonisch vereinbart: 0371 4572900.

Chemnitzer Polizei klärt in Sachsen die meisten Fälle auf

Ist es in Sachsen unsicherer geworden? Die Zahlen der Polizei sagen, auf lange Sicht nicht. Aber in Teilen der Politik gibt es Zweifel daran.

Im Bereich der Polizeidirektion Chemnitz ist die Kriminalität innerhalb der vergangenen 15 Jahre deutlich zurückgegangen. Wurden 2001 rund 71.400 Straftaten erfasst, waren es 2015 noch 55.300 - eingerechnet mehr als 5000 Verstöße gegen das Ausländerrecht. Die Aufklärungsquote stieg im selben Zeitraum von 57 auf reichlich 63 Prozent. Die Chemnitzer Polizei erreichte damit sachsenweit erneut das beste Ergebnis, wie aus der Kriminalitätsbilanz für 2015 hervorgeht. Und das, obwohl sie für ein nahezu gleich großes Gebiet über 1000 Beamte weniger als Leipzig und 600 weniger als Dresden verfügt. Auch die Polizeidirektion Zwickau hatte jüngst weniger Fälle und eine gestiegene Aufklärungsquote vermeldet (60,4 Prozent).

Der Chemnitzer Polizeipräsident Uwe Reißmann warnte allerdings: "Wir werden dieses Niveau nicht halten können." Die nahezu verfünffachte Anzahl von Einsätzen bei Demonstrationen und Veranstaltungen lasse weniger Zeit für Ermittlungen. Eine hohe Aufklärungsquote sei nur zu erreichen, wenn Beamte konsequent an Kriminalitätsschwerpunkten dranbleiben. "Gleichzeitig haben wir mehr Deliktfelder zu bearbeiten", so Reißmann. Als Beispiel nannte er die Internetkriminalität: "Da hinken wir weit hinterher." Handlungsbedarf sieht er auch im Drogenbereich. Während bisher vor allem Chemnitz als Umschlagplatz galt, habe sich nun auch Freiberg "zum absoluten Schwerpunkt entwickelt".

Im Landtag erneuerte gestern die Opposition den zuvor auch von Polizeigewerkschaften geäußerten Vorwurf der Schönfärberei, weil der Rückgang der Straftaten etwa auch durch mangelnde Polizeikontrollen oder durch viele liegengebliebene Vorgänge erklärbar sei. Dem widersprach Innenminister Markus Ulbig (CDU). Zwar sei 2015 für Sachsens Polizei "das anstrengendste Jahr seit der Wiedervereinigung" gewesen. Die zu Jahresende etwa 70.000 unerledigten Vorgänge seien aber normal. Ein Problem sieht Ulbig im deutlichen Anstieg bei Wohnungseinbrüchen. Um den organisierten Banden das Handwerk zu legen, müsse sich die Polizei europaweit besser vernetzen.

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5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    aussaugerges
    07.06.2016

    AfD ;Erst mal Rechtsstaat vor Rechtsbruch...

  • 5
    0
    aussaugerges
    24.04.2016

    So ist es denn vom Opfer ist ja Geld und Gerichtskosten zu holen.

  • 8
    0
    finnas
    23.04.2016

    Ich habe mir vorgenommen, mich zur Wehr zu setzen, wenn bei mir eingebrochen wird oder jemand mein Leben oder das meiner Angehörigen bei einem Einbruch bedroht, soweit ich es vermag und die Umstände es zulassen. Ich bin mir aber auch im Klaren, dass ich als Opfer unter Umständen die Justiz mehr fürchten muss als die Einbrecher.

  • 9
    0
    berndischulzi
    23.04.2016

    Ja, Schengenraum darf ruhig mal Unwort des Jahres werden. Der ist ja auch nicht für den Bürger gedacht, sondern für die Unternehmen. Man verkauft uns das nur ständig auf die übliche schmierige Art.
    Und dieses Aufrüsten der eigenen Wohnung oder des Hauses ist auch ein weiterer Schritt ins Mittelalter. Da konnte der Staat auch keine Sicherheit für den Bürger gewährleisten. Die durften da aber auch noch Waffen tragen... Heute ist man einem Einbrecher fast hilflos ausgeliefert... und das wissen die!

  • 14
    7
    testbildtester
    22.04.2016

    ... na Hauptsache, wir müssen nicht mehr vor dem Urlaub Geld umtauschen (furchtbar!) oder gar an den Grenzen den Pass zeigen (unwürdig!).

    Zäune machen gute Nachbarn - im Grossen wie im Kleinen...



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