Eine Holocaust-Überlebende und ihr Leben danach

Ihre Kindheit nahm ein abruptes Ende als die Nazis ihre Heimat besetzten. Sie verlor die Eltern, überlebte Flucht und Hunger, berichtete sie vor Burgstädter Gymnasiasten. Doch sie verlor nicht den Glauben an die Menschen.

Burgstädt.

Als die Flucht ihrer jüdischen Familie im Frühjahr 1943 endgültig zu Ende war und Henriette Kretz mit ihren Eltern von deutschen Soldaten in ein Konzentrationslager gebracht werden sollte, traf ihr Vater eine Entscheidung. Dass er sterben werde, sei ihm klar gewesen, sagt seine Tochter. Also habe er die Soldaten aufgefordert, ihn zu erschießen. Als der Soldat die Pistole zog, stürzte sich ihr Vater auf ihn und rief seiner Tochter zu "Lauf!". Es war das letzte Wort, das der Vater an seine Tochter richten konnte.

Im Weglaufen hörte die Achtjährige Schüsse, dann Schreie ihrer Mutter, wieder Schüsse. Dann Stille. Da sei ihr klar gewesen, dass sie keine Eltern mehr habe, sagte Henriette Kretz. Sie lief weiter und fand nach einer Nacht in einem Garten Zuflucht in einem Waisenhaus.

Die Geschichte ihrer Kindheit, geprägt von Flucht und Angst, erzählte Henriette Kretz gestern vor Neunt- und Zehntklässlern des Gymnasiums Burgstädt. Den Besuch der 83-Jährigen im Ethik- und Religionsunterricht hatte das Maximilian-Kolbe-Werk im Rahmen des Projektes Zeitzeugen an Schulen organisiert. Jeden Monat ist die ehemalige Lehrerin, die zehn Sprachen spricht, eine Woche in deutschen Schulen unterwegs. Sie sei unermüdlich, sagt Albrecht Liskowsky, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Kolbe-Werkes aus Burgstädt.

Bis der Krieg auch in ihre Heimat, die heutige West-Ukraine, kam, hatte Henriette Kretz das erlebt, was man eine glückliche Kindheit nennt. Von ihren Eltern behütet, wuchs sie als Einzelkind auf. Sie gaben ihr das Rüstzeug für ihr späteres Leben. Weil Henriette Kretz wegen des Krieges nicht eingeschult werden konnte, unterrichteten die Eltern, ein Arzt und eine Juristin, ihre Tochter auf der Flucht. "Sie lernten mir lesen, schreiben, rechnen", erzählte die Rentnerin. Zwischen 1941 und 1943 konnte sich die Familie verstecken. Zunächst half eine alleinerziehende Frau, später ein Feuerwehrmann. Er versteckte sie in einem Kohlenkeller. Als die Familie mehrere Monate später auf den Dachboden umzog, war Henriette Kretz so schwach, dass sie getragen werden musste. "Es gab nur wenig zu essen", erinnert sie sich. Kurz darauf wurde die Familie verraten und von deutschen Soldaten abgeholt. Einen Monat nach dem Tod ihrer Eltern befreite die Rote Armee die Stadt Sambor, in der die Familie Kretz gelebt hatte. Damals gehörte die Stadt zu Polen, heute zur Ukraine und heißt Sambir. Henriette Kretz konnte endlich die Schule besuchen. "Ich wurde gleich in die dritte Klasse eingeschult", erinnert sie sich. Später adoptierte sie ein Onkel ihres Vaters, der neben ihr einzige Angehörige der Familie Kretz, der den Holocaust überlebte. Großmutter, Onkel, Tanten, Cousinen wurden von den Nazis ermordet. Henriette Kretz wohnte nach dem Krieg mit ihm und seiner Frau im belgischen Antwerpen, wo sie heute noch lebt. 13 Jahre verbrachte die Mutter zweier Söhne in Israel, lernte dort ihren Mann kennen. Sie erinnerte die Burgstädter Gymnasiasten, die still zuhörten, daran, dass der Holocaust sechs Millionen Todesopfer forderte. "Und heute gehen Jugendliche in Deutschland und in anderen Ländern Europas auf die Straße und zeigen den Hitlergruß", sagte Henriette Kretz.

Wie lange habe sie benötigt, um das Erlebte zu verarbeiten, fragte eine Schülerin Henriette Kretz. Therapeutische Hilfe habe es nach dem Krieg nicht gegeben. "Man war glücklich, überlebt zu haben", erklärte die Frau. Sie habe die Erlebnisse ins Unterbewusstsein geschoben. "Man denkt darüber nicht nach, das alles kommt an anderer Stelle raus." Sie und ihre Leidensgenossen seien sehr, sehr besorgte Eltern geworden. "Wir haben unsere Kinder zu sehr behütet", sagte sie.

Eine andere Gymnasiastin fragte, wie sich Henriette Kretz ihren Glauben an die Menschen bewahrt habe. "Ich traf wunderbare Menschen, die ihr Leben in Gefahr gebracht haben, um mir und anderen zu helfen", erklärte sie. Es seien nicht nur die Helfer gewesen, die ihre Familie auf der Flucht vor den Nazis unterstützten, sondern noch weitere, etwa die Schwester, die sie im Waisenhaus aufnahm. Ihr Vater habe ihr Leben gerettet. Obwohl der Verlust ihrer Familie eine Wunde bleibe, hätten ihr Mutter und Vater das Wichtigste mitgegeben. "Meine Eltern gaben mir Liebe für mein Leben."

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