Eine Seilbahn für Chemnitz - mehr als eine Vision?

Chemnitz diskutiert: Teilnehmer der Debatte über Mobilität schlagen den Bau einer neuen Attraktion vor. Die Stadtverwaltung war erst skeptisch, doch nun sollen die Einwohner gefragt werden.

Mit der Seilbahn über den Rhein in Köln, die Themse in London, zum Tafelberg in Kapstadt und über den Hafen in Barcelona gondeln - eine solche Fahrt in zumeist luftiger Höhe bietet Touristen nicht nur Ausblicke auf Sehenswürdigkeiten, sondern Einheimischen oft auch neue Sicht auf ihre Heimatstadt von oben. Eine solche Perspektive fehlt in Chemnitz. Aber warum sollte es eine Seilbahn nicht auch in der Stadt geben, mit der steile Anstiege oder Gewässer überwunden werden könnten?

Diese Frage stellten Teilnehmer der "Freie Presse"-Gesprächsrunde "Chemnitz diskutiert" zum Thema Verkehr und Mobilität in der Stadt. Bert Hippmann nahm dabei kein Blatt vor den Mund: "Ich habe eine Vision für ein verkehrstechnisches Prestigeobjekt: eine Seilbahn, die auf den Kaßberg führt", hatte er in der Debatte gesagt. Als Stadt sollte man sich etwas gönnen, wenn der Bürger das will, und Höhepunkte schaffen, war er überzeugt, denn: "Chemnitz braucht Visionen." Gesprächsteilnehmerin Maria Greif ergänzte: "Die Seilbahn könnte auch vom Schloßberg über den Schloßteich zum Kaßberg fahren."

Es ist nicht der erste Vorstoß für ein solches Projekt. Im vergangenen Jahr hatten Stadträte der Bündnisgrünen für den Bau einer Seilbahn als nachhaltigem Verkehrsmittel geworben. Christin Furtenbacher und Bernhard Herrmann schlugen Anbindungen des Kaßbergs und des Sonnenbergs mit einer Stadtseilbahn als "umweltfreundliche, barrierearme und witterungsunabhängige Alternative" vor. Doch ihre Fragen an die Stadtverwaltung zu notwendigen Bedingungen für das Betreiben einer Seilbahn, nach Linienführungen sowie der technischen und finanziellen Machbarkeit wurden kurz und knapp mit einem Satz beantwortet: Zu den gestellten Fragen "liegen der Stadtverwaltung keine Kenntnisse vor bzw. haben diesbezüglich noch keine Untersuchungen stattgefunden", teilte Baubürgermeister Michael Stötzer mit.

Doch mittlerweile scheint das Interesse an einer solchen Verkehrsattraktion im Rathaus größer geworden zu sein. Auf Nachfrage teilte ein Stadtsprecher mit, dass es Ende des Jahres eine Bürgerbeteiligung zum neuen Verkehrsentwicklungsplan geben wird. Dann werde die Verwaltung "den Bedarf für eine urbane Seilbahn abfragen", so der Sprecher.

Doch nicht überall in der Stadt scheint die Idee auf Begeisterung zu stoßen. Sören Uhle, Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft, die auch für den Tourismus in Chemnitz zuständig ist, ist von einer Seilbahn nicht wirklich überzeugt. Solche Singlelösungen, so Uhle, seien nicht zeitgemäß.

Auch Tino Fritzsche, Fraktionschef der CDU im Stadtrat, steht einem Seilbahnbau eher skeptisch gegenüber. "Wir haben ganz andere Probleme in der Stadt", sagt er. Zudem passe eine Seilbahn, die zum einen Touristenhighlight sein soll und zum anderen Nahverkehrsverbindung für Einheimische "nicht zusammen". Eine mögliche Verbindung vom Schloßberg zum Kaßberg hält er "für zu kurz". Wenn man ein solches Vorhaben umsetzen wolle, "dann muss man es schon richtig machen, dann muss es ein Kracher werden". Mit seiner Frau habe er sich darüber unterhalten. Sie habe vorgeschlagen, die zwei großen Chemnitzer Schornsteine mit einer Seilbahn zu verbinden, sagt Fritzsche. Auf der langen Fahrt zwischen der bunten Esse in Furth im Norden und dem Schornstein am Südring in Altchemnitz im Süden könnten die Passagiere viel sehen, so Fritzsche. Der Bau der rund acht Kilometer langen Strecke würde jedoch ziemlich teuer werden, meint der Architekt. Er geht von einem hohen zweistelligen Millionenbetrag aus. Zum Vergleich: Für den bis heute nicht verwirklichten Plan einer sogenannten Länderschaukel im Erzgebirge zwischen dem Keilberg in Tschechien und dem Fichtelberg in Oberwiesenthal waren vor rund zehn Jahren Kosten von etwa 22 Millionen Euro im Gespräch. Die Strecke sollte 3,7 Kilometer lang sein.

Für Bernhard Herrmann ist die Bewerbung zur Kulturhauptstadt eine gute Möglichkeit, das Projekt Seilbahn wieder aufzugreifen. Es wäre ein Highlight für die Stadt, sagt er. Ein solches Projekt verbindet er mit dem Blick nach vorn. Es sei wichtig, Visionen zu entwickeln und "Ideen nicht gleich technokratisch abzubügeln oder durch den Kakao zu ziehen". Vor allem junge Leute könne man auf diese Weise ansprechen.

Bewertung des Artikels: Ø 4.6 Sterne bei 9 Bewertungen
20Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    Zeitungss
    30.08.2019

    War nicht das Lufttaxi, eine bayerische Erfindung, für die Zukunft gedacht. Irgendwelche Seile würden es nur behindern.
    @Juri, wenn Sie schon den Zukunftsgeist der Bevölkerung anmahnen, dann doch bitte mit der neusten Technik, das Verständnis wäre sicherlich auch größer.
    Solche zukunftsweisenden Erfindungen lässt man doch nicht aus, zumal in der zweiten Ebene noch ausreichend Platz ist.

  • 1
    7
    Juri
    29.08.2019

    Danke "Hankman", Ihr letzter Abschnitt hat mich versöhnt. Gibt es wirklich so viele schwarz-weiß-Denker in Chemnitz und so wenig Phantasie?
    Auch ich könnte mir eine Seilbahn nicht als aller erste Maßnahme vorstellen. Darum geht es doch gar nicht. Es geht um Ideen, um`s Mitmachen, Mitdenken und nicht nur dauernd um ein Denken, wie es nicht geht.
    Aber macht mal Ihr Chemnitzer.
    Auch ohne "Juris" gut gemeinte Hilfe werdet Ihr eine lebenswerte Stadt schon hinbekommen.

  • 4
    0
    Zeitungss
    29.08.2019

    @994374: Ja schon, in Koblenz läufts auch andes wie in Chemnitz und die Stadt ist verkehrstechnisch auch nicht von der Außenwelt abgeshnitten. Es lebe der kleine Unterschied.

  • 7
    0
    994374
    29.08.2019

    Ein Blick in die "Nachbarschaft" ist manchmal hilfreich:
    In Koblenz, am Zusammenfluss der Mosel mit dem Rhein, gibt es das "Deutsche Eck", zusammen seit 1897 ein Touristenmagnet. Daneben eine tolle Altstadt.
    Und 118m höher, auf der anderen Seite des Rheins, die museale Festung Ehrenbreitstein.
    Schön blöd wären die Stadtväter von Koblenz gewesen, wenn sie dazwischen NICHT eine Seilbahn errichtet hätten, die nach eigener Beobachtung auch sehr gut ausgelastet ist.
    Wo bitte, haben wir in Chemnitz entsprechende Voraussetzungen?

    Als Sofortmaßnahme fällt mir für Chemnitz nur ein Spaßbad oder Familienbad ein, für das wir mit unseren Enkeln dauernd bis ins Erzgbirge fahren müssen, obwohl doch Chemnitz so etwas wie ein "Zentrum" darstellen und bald auch noch Kulturhauptstadt werden soll.
    Ausserdem: Nachdem ich in London zusammen mit tausenden Touristen mal die Wachablösung bei der Queen gesehen hatte, überkam mich die spontane Vision - "Kampfgruppenbataillon" paradiert regelmäßig auf der Brückenstraße vor dem "Nischel" - beides Relikte der Vergangenheit!

  • 13
    2
    1371270
    28.08.2019

    Ein manchem vielleicht noch bekannter Politiker, Helmut Schmidt, hat mal gesagt: Wer Visionen hat, möge zum Arzt gehen.
    Mehr fällt mir zu dem Projekt leider nicht ein.

  • 8
    7
    Lesemuffel
    28.08.2019

    Was Chemnitz jetzt braucht, sind ausreichende E-Tretroller Strecken, wenn diese massenhaft für den Arbeitsweg genutzt werden. PKW bleibt stehen, Busse leer... in anderen Städten fordert man schon Geschwindigkeitsbegrenzungen, zu viele Unfälle mit dem klimarettenden Verkehrsmittel...

  • 18
    3
    Zeitungss
    28.08.2019

    Mal ein Vorschlag zur Güte, die angedachte Seilbahn gleich bis Leipzig verlängern und schon wäre die Verkehrsanbindung gelöst. Ein Seilbahngesetz hat Sachsen sicherlich schon und die Deutsche Bahn müsste auch nicht an ihre eigentlichen Aufgaben erinnert werden. Wer dem folgen kann, lasse mich es wissen.

  • 10
    2
    Deluxe
    28.08.2019

    Na, macxs, da haben Sie ja schon die Idee zu einer neuen Attraktion geboren:
    Eine Seilbahn, die teilweise am Grunde des Schloßteiches verläuft. Tiefseerlebnis made in Chemnitz. Bei den Sichttiefen des Pleißenbachwassers im Teich wird das sicher ein großes Erlebnis.

  • 15
    1
    macxs
    28.08.2019

    Was für eine Seilbahn ist denn gemeint? Etwa eine Gondelbahn?

    Eine Gondelbahn braucht steile und vor allem hohe Anstiege. Um vom Schlossberg über den Schlossteich zu kommen müsste man mindestens noch 50m Berg aufschütten, will man nicht die Hälfte des Weges unter Wasser im Schlossteich zurücklegen. Ebenso fehlt ein solcher Anstieg am Kassberg, um nennenswerte Entfernungen zu überbrücken. Da kann man vielleicht mit angeseilten Loren durch die Bier-Katakomben fahren.

    Oder ist eine Seilbahn wie in Erdmannsdorf/Augustusburg bzw. San Francisco gemeint? Da ist wohl eine durchdachte Straßenbahnanbindung - Chemnitzer Modell - um Größenordnungen sinnvoller.

    Dass ein normaler Sessellift gemeint sein könnte, glaube ich mal nicht. Wobei, bei solchen Vorschlägen weiß man ja nie.

    VG!
    Marco

  • 17
    5
    Pixelghost
    28.08.2019

    @Juri, „Lassen Sie die (jungen) Menschen denken, quer Denken, ihre Stadt entwickeln.“

    Betonung liegt auf (jungen)!

    Rechercheergebnis zu Bert Hippmann:

    Wenn das der Herr Bert Hippmann aus dem Artikel ist:

    Der gefundene Bert Hippmann ist 46 Jahre alt und arbeitet beim Sozialamt der Stadt Chemnitz, hat kein Auto, fährt Fahrrad und wohnt auf dem Kaßberg.

  • 9
    4
    Steuerzahler
    28.08.2019

    @701726: Richtig, was Sie schreiben. Allerdings wurde in letzter Zeit mehrfach anhand konkreter Beispiele bewiesen, dass gemacht wird, was die Verwaltung in diesem Chemnitz will und nicht was der Staftrat beschließt. Beispiele wie Bad Erfenschlag, Radweg Erfenschlager Straße und gibt es genug! Also es ist nichts unmöglich.

  • 23
    1
    Hankman
    28.08.2019

    Ja, auch ich halte das für eine Schnapsidee. Und als Stadtverwaltung würde ich keine Energie darauf verwenden, die Machbarkeit zu analysieren - da haben wir in der Tat dringendere Probleme, die hier auch schon genannt wurden. Neben dem Südring, der nun endlich mal zügig zu Ende gebaut werden sollte, fällt mir auch der innere Stadtring ein. Dann ließe es sich auch irgendwann im Stadtzentrum besser aushalten. Und wie wäre es - statt einer Seilbahn - mit einer Straßenbahn auf den Kaßberg? War bis Anfang der 80er-Jahre technisch möglich, müsste es daher heute auch oder erst recht sein. Oder wie wäre es mit Oberleitungs-Bussen ...?

    Dennoch: Ich halte es für richtig, so viele Ideen wie möglich zusammenzutragen, Visionen für die Stadt zu entwickeln, auch mal verrückte. Ich würde diese Bürgerdialoge als Brainstormings betrachten. Da fliegen auch mal zum Teil abwegige Ideen durch den Raum, aber am Ende findet man gemeinsam praktikable Ansätze. Man darf sich bloß in die verrückten Ideen nicht verbeißen ...

  • 16
    9
    701726
    28.08.2019

    Um auf solche Ideen zu kommen und diese auch noch zu diskutieren muß schon mal nachgedacht werden ob diese Herrschaften gesund sind.
    Ich hoffe das unser neuer Stadtrat solche Schnapsideen ablehnt und die Bevölkerung hoffe ich auch. Die Daumen bei den Kommentaren sagen ja schon alles aus.

  • 7
    13
    fschindl
    28.08.2019

    der eine Narr will ein Atomkraftwerk...der andere träumt von einer Seilbahn. hätte natürlich den Vorteil dass man Hilfsgüter direkt über den Sonnenberg abwerfen könnte. damit stände der Name auch schon fest...Rosinenbomber..Endstation Ambrosia..powered by AKW SuperGauLand.

  • 23
    8
    Eichelhäher65
    28.08.2019

    Ich schließe mich HHCL und Deluxe vollkommen an. Erst mal sollten die wirklichen Pflichtaufgaben, die den eigenen Bürgern nützen, erfüllt werden, ehe man sich an "Touristenattraktionen " macht. Wo sind denn überhaupt die vielen Touristen, die un- sere Stadt von oben sehen wollen ? Oder sollen die Chemnitzer jedes Wochenende für teures Geld ihre Stadt von oben anschauen ( die Baustellen, die fehlenden Ampeln ect. ). Ein Witz, nur leider nicht zum Lachen.

  • 15
    26
    Juri
    28.08.2019

    Deluxe ich verstehe was Sie fühlen. Dennoch, denken wir viel zu schnell und zu oft darüber nach, wie etwas nicht geht. Auch aus verrückten Ideen, von mir aus auch aus Schnapsideen, sind schon tolle Dinge und vorher unvorstellbare Veränderungen entstanden. Warum nicht auch in Ihrer Stadt?
    Nicht selten wurden dadurch lange liegen gebliebene, wichtige Dinge plötzlich mit hochgerissen und angepackt. Lassen Sie die (jungen) Menschen denken, quer Denken, ihre Stadt entwickeln. Oft genug schon wurden gute Gedanken, durch sofortige Abwehr kaputt gemacht. Ob das geht oder nicht, das werden Gespräche, Diskussionen und Prüfungen ganz schnell herausfinden. Vielleicht gibt es ein gemeinsames fröhliches Aufstehen und Anpacken. Wenn zu viel dagegen spricht, dann wird die Realität recht behalten.
    Aber der guten Gedanken, der neuen, wenn möglich der gemeinsamen Ideen und sein sie noch so verdreht, der kann es nicht genug geben.

  • 35
    4
    HHCL
    28.08.2019

    Aus meiner Sicht ist das wartungsintensives Kasperletheater. Das Ding muss ja nicht nur gebaut werden, sondern (wie das bei Seilbahnen so ist) regelmäßig aufwendig gewartet werden.

    Vielleicht versuchen wir es erstmal mit ernsthaftem ÖPNV in Chemnitz, ohne betriebsbedingte Fahrtausfällen, ohne Sommerferienfahrplan und mit funktionierenden Echtzeitfahrtanzeigen, die nicht wild "sofort" blinken wenn weit und breit kein Bus zu sehen ist.

    Wie Delux schon schrieb: Vielleicht versuchen wir's auch erstmal mit Ampelschaltungen (auch für Fußgänger) bei denen man nicht von einer zur nächsten Ampel zuckelt, sondern mal durchfährt (oder es mal direkt bis zur anderen Straßenseite schafft und nicht auf dem Mittelstreifen mit Stickoxiden eingenebelt wird).

    Klingt für mich, als wolle sich da jemand ein Denkmal setzen und nicht nach einem ernsthaftem Verkehrskonzept.

  • 37
    5
    Pixelghost
    28.08.2019

    Man könnte das Geld auch dafür verwenden, dass man an die Behörden der Stadt verschlüsselte e-Mails schicken kann, so wie das andere Behörden schon seit Jahren machen.

    Wir brauchen eine funktionierende Infrastruktur und kein Prestigeobjekt. Das haben wir schon.

    Deluxe spricht mir aus der Seele.

    Baut den Südring endlich fertig und stellt sicher, dass man, z.B. auf der Annaberger Straße bei Einhaltung der vorgeschriebenen Geschwindigkeit, nicht an jeder Ampel angehalten wird.
    Kein Linksabbieger, keine Strab , kein Fußgänger - und trotzdem steht man sinnlos rum.

  • 37
    12
    Hinterfragt
    28.08.2019

    Schon komisch, für die Sanierung von Schulen, KITAs, Spielplätzen, Straßen, Bürgersteigen,,... oder gar Neubau von Sport.-/ Freizeiteinrichtungen gibt es kein Geld , aber solch einen Quatsch will man finanzieren oder gibt's die Bahn für 3,50, bzw. gar umsonst?
    Bringt die Stadt erst mal auf Vordermann, bevor solche Hirngespinste angegriffen werden!

  • 43
    12
    Deluxe
    28.08.2019

    Mal wieder eine neue Luftnummer...

    Eine Stadt, in der weder eine grüne Welle noch der Südring fertiggebracht wird und nichtmal ein Anschluß an die überregionale Eisenbahn besteht, braucht ganz bestimmt eine Seilbahn vom Schloßberg auf den Kaßberg. Gewiß...

    Leute, kommt bitte wieder in der Wirklichkeit an.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...