Eine Stunde für ein Foto

Schnell gemachte, x-fach geteilte Instagram-Fotos sind heute Alltag. Es geht aber auch anders: langsam, exklusiv, zeitlos. Die verstorbene Chemnitzer Fotografin May Voigt war eine Meisterin dieser Methode.

Es ist Herbst geworden in Deutschland. Regen und Kälte waren zu früheren Zeiten willkommener Anlass, um in der warmen Stube noch einmal die Bilder des Sommerurlaubs herauszukramen und die schönsten Motive mit einer kurzen Beschreibung in ein Fotoalbum zu kleben. Und heute? Natürlich gibt es noch Fotoalben, aber viele werden mittlerweile am Computer erstellt - weil's schneller geht und die technischen Möglichkeiten der Gestaltung vielfältiger sind. So wandern in Deutschland nach Angaben des Photoindustrie-Verbandes jedes Jahr rund neun Millionen solcher Fotobücher über den Ladentisch. Es gibt allerdings keine Statistik darüber, wie viele der in einem durchschnittlichen Urlaub geschossenen Bilder überhaupt jemals das Licht der Welt erblicken, also auf Papier gedruckt werden - ihr Anteil dürfte im Promillebereich liegen. Die übergroße Mehrzahl teilt das Schicksal allen Digitalen: Irgendwann werden sie vergessen, gelöscht oder fallen einem Update zum Opfer. Aus Schnappschüssen wird Datenmüll.

Mit den Möglichkeiten und Grenzen digitaler Fotografie hat sich auch May Voigt auseinandergesetzt. Die gebürtige Karl-Marx-Städterin starb im Januar dieses Jahres nach schwerer Krankheit. 15 Jahre war die Fotografin und Verlegerin als Lehrbeauftragte für Fotografie an der Fakultät für Angewandte Kunst der Westsächsischen Hochschule Zwickau in Schneeberg tätig. Eine Ausstellung in der Galerie der Fakultät auf Schloss Lichtenwalde gibt seit gestern unter dem Titel "Schwarzes Licht" einen Einblick in ihr Werk. Im Mittelpunkt stehen ihre "schwarzen Fotografien", mit denen sich Voigt einen Namen gemacht hat. So ist unter anderem die 1989 entstandene Fotografie "Aufmarsch" zu sehen - eine von vielen Aufnahmen, die auf symbolische Weise die damaligen Ängste vor Übergriffen durch die Staatsmacht verkörpern. In Lichtenwalde ist es nicht das einzige Werk, das zeigt, dass die Themen Angst, Beklemmung, Enge und Hoffnung eine große Rolle für May Voigt spielten. Insgesamt sind mehr als 75 Werke von ihr zu sehen.

Aus rund 15.000 Aufnahmen hat Jochen Voigt eine Auswahl zusammengestellt, die viele Facetten des breit gefächerten Schaffens seiner Frau abbilden. Der Design-Professor der Westsächsischen Hochschule Zwickau ist seit 2010 Leiter der Hochschulgalerie auf Schloss Lichtenwalde. Monatelang hat er Fotografien gesichtet, gegrübelt, Ideen entwickelt, verworfen, sich mit seinen Kolleginnen besprochen und wieder neu nachgedacht. Er hat sich die Zeit genommen, die er brauchte, wohlwissend, dass die Zeit für seine Frau sowohl beim Fotografieren als auch beim Entwickeln der Motive eine wichtige Rolle spielte.

"May Voigt hat nicht geknipst. May Voigt hat fotografiert", sagt Stephan Pfalzer. Der Chemnitzer hat in den 1980er-Jahren mit ihr im Stadtarchiv Karl-Marx-Stadt zusammengearbeitet. May Voigt war dort unter anderem für Sachaufnahmen und Reproduktionen verantwortlich. Im vergangenen Jahr hat sie zudem freiberuflich noch am Band "Album Chemnitzer Geschichte" mitgearbeitet. "Die Aufnahmen, die May Voigt angefertigt hat, tragen deutlich ihre Handschrift", sagt Stephan Pfalzer. Ähnlich äußert sich Uwe Fiedler, Leiter des Chemnitzer Schloßbergmuseums. Für die Ausstellungskataloge des Museums hat May Voigt in den vergangenen Jahren zahlreiche Exponate fotografiert. "Viele unserer Kataloge wurden in Fachkreisen wohlwollend aufgenommen, und wenn ein Katalog wohlwollend von einem Rezensenten besprochen wurde, dann waren May Voigts Fotografien epochaler Bestandteil dieser Besprechungen", sagt Fiedler. Mehrmals habe er sich die Zeit genommen, der Fotografin bei ihrer Arbeit in deren Chemnitzer Atelier über die Schulter zu schauen. Im intensiven Austausch mit Fiedler und seinen Kollegen wollte May Voigt, bevor sie den Auslöser drückte, zunächst möglichst umfassend wissen, was den Museumsmitarbeitern am jeweiligen Exponat besonders wichtig war. Für ein im Katalog abgedrucktes Foto konnte so wenigstens eine Stunde ins Land gehen. Vom schnellen Drücken auf den Auslöser also keine Spur. Alles Hektische dieses Berufes war ihr zeitlebens fremd. Bereits mit 16 Jahren bekam May Voigt mit der Pentacon Six eine professionelle Kamera geschenkt, mit der sie fotografierte und experimentierte. "Ihre Eltern haben schnell gemerkt, dass ihre Tochter anders war als die anderen und haben sie unterstützt", erzählt Jochen Voigt rückblickend.

Mit dem Staatsapparat lag sie schnell über Kreuz, weil sie sich im Untergrund bewegte und dort ab 1979 viele Künstler fotografierte. "Viele Aufnahmen machte sie in der Galerie Oben, die in den 1980ern eines der fortschrittlichsten Podien für Kunst war, die es in der DDR gab", sagt Jochen Voigt. Er schätzt, dass damals hunderte Fotografien entstanden, nicht wenige davon zeigen Künstler wie Ulrich Mühe, Conny Bauer oder Carlfriedrich Claus. Es ist ein riesiger ungehobener Schatz, ein einzigartiges Dokument des unangepassten Lebens im damaligen Karl-Marx-Stadt.

Anfangs erschienen May Voigts Fotografien auch in Zeitungen, wie dem "Sächsischen Tageblatt". Später hat sie als Dokumentarin der oppositionellen Künstlerszene der Stadt mehrmals unangenehmen Kontakt mit den Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit gehabt. Trotzdem war sie seit 1983 als Fotografin des Stadtarchivs Karl-Marx-Stadt beschäftigt und seit 1984 die Leiterin der dortigen Bildstelle. Offensichtlich konnte und wollte man trotz allem nicht auf ihre Erfahrung verzichten.

Neben der Reportagefotografie widmete sich May Voigt auch der künstlerischen Fotografie, die ohne Menschen auskommt. "Meine Frau war eine Perfektionistin, sie hat lange überlegt und Dinge im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht gerückt, bevor sie fotografierte. Ihre künstlerischen Fotografien entstanden jedoch ganz anders", erinnert sich Jochen Voigt. Sie streifte durch Industrieruinen, Abrisshäuser, schlich sich unter falschem Vorwand im Schlachthof ein, besuchte Mülldeponien und Tagebaue. "Mit stark emotionalem Blick hielt sie Details fest, die im übertragenen Sinn ihre Gefühle, vor allem Ängste, zum Ausdruck brachten", sagt Jochen Voigt.

Mitunter musste sie schnell auf den Auslöser drücken - und doch war es ein Fotografieren, das sich vom wilden Geknipse der heutigen Zeit, in der in jeder Sekunde überall auf der Welt millionenfach auf den Auslöser des Handys gedrückt wird und Bilder entstehen, die kaum ein zweites Mal betrachtet werden, wesentlich unterschied. "Natürlich wachsen unsere Studenten mit diesen modernen Techniken auf. Wir verteufeln das in der Ausbildung auch gar nicht, denn man kann auch mit dem Handy gute Bilder machen. Die Technik ist nicht immer entscheidend, der Fotograf macht das Bild. Deshalb hat sich meine Frau auch viel Zeit genommen, den Studenten zu erläutern, wie viel Zeit ein perfektes Bild braucht", sagt Jochen Voigt. May Voigt hat aber nicht nur lange nachgedacht, bevor sie auf den Auslöser drückte, sie hat sich auch beim Entwickeln ihrer künstlerischen Fotografien im eigenen Studio viel Zeit genommen, sie experimentierte viel mit Nach- und Doppelbelichtungen und verschiedenen Papieren. Zudem schuf sie ein riesiges Negativarchiv, aus dem sie je nach Gefühlslage wählte und dann das eigentliche Bild entstehen ließ. Fast jedes Foto ist deshalb ein Unikat. Kaum ein Bild gibt es ein zweites Mal.

Nachdem sie fast in Vergessenheit geraten war, erlebt die analoge Fotografie auch aufgrund der Vielzahl der Möglichkeiten, die sich bei der Entwicklung ergeben, seit ein paar Jahren wieder ein kleines Comeback. "Wir merken, dass es ein steigendes Bedürfnis gibt, wieder mit analogen Kameras zu fotografieren", sagt Pantea Khaledpour, Pressesprecherin des Photoindustrie-Verbandes in Frankfurt am Main. Die Gründe dafür seien vielfältig: Gute analoge Kameras seien im gebrauchten Zustand sehr günstig zu haben, zudem müsse man sich im Gegensatz zu den digitalen Kameras gedulden, bis man das Ergebnis des Fotografierens in den Händen hält. Auf viele Fotografen übe das einen gewissen Reiz aus, so die Pressesprecherin.

Weil Einzigartigkeit eine der wichtigsten Währungen im Kunstbetrieb ist, hat May Voigt Wert darauf gelegt, den Studenten der künstlerischen Studiengänge der Westsächsischen Hochschule Zwickau nahezubringen, wie ein Kunstwerk möglichst eindrucksvoll fotografiert wird. "Denn es nützt nichts, wenn man ein tolles Objekt entwirft, aber nicht in der Lage ist, es zu verkaufen", sagt Jochen Voigt.

Zeit, Wissen, Talent und Technik sind demnach die Zutaten für ein gutes Foto. Die Technik ist heute überall erhältlich, Wissen lässt sich erarbeiten, Talent muss man haben. Nur die Zeit, die muss man sich nehmen.

Die Ausstellung "Schwarzes Licht" kann bis zum 8. März 2020 jeweils freitags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr in der Galerie Angewandte Kunst in Schloss Lichtenwalde besichtigt werden. Der Eintritt ist frei. www.fh-zwickau.de/galerie

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