Einmal Singapur und zurück

Keimzeit stellt im Brauclub das neue Album vor und wünscht noch immer "die Irren ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament".

Sie waren so etwas wie die andere Stimme der Wende: Keimzeit, die Band der Geschwister Leisegang, hatte sich mit unzähligen, bis zu fünfstündigen, mitunter sehr alkoholseligen Liveauftritten in Dorfgasthöfen und poetischen Songs eine Fangemeinde erspielt, die jedes der Konzerte zu einem unvergesslichen Erlebnis machte. Keimzeit konnte Lahme gehend und Blinde sehend machen - in ihren Liedern wie "Kling Klang", "Bunte Scherben" war ein Glitzern und Funkeln - Keimzeit waren die unbestrittenen Meister der unerträglichen Leichtigkeit des Scheins. Viele dieser Lieder spielen sie immer noch, streuen sie geschickt ein in die Songs der neuen Platte "Das Schloss", die sie vor schätzungsweise 300 Gästen Samstagabend im Brauclub vorstellen. Viele der Zuhörerinnen und Zuhörer sind mit der Band älter geworden. In die Gesichter haben sich wie bei Sänger Norbert Leisegang neben den Lachfalten auch Fältchen der Sorge, des Zorns und der Enttäuschung gegraben. Aber das Publikum tanzt immer noch, singt alte und neue Lieder textsicher mit, und Keimzeit belässt es noch immer nicht bei dem obligatorischen Anderthalbstundenkonzert.

Den neuen Songs fehlt es etwas an der leichten Eleganz früherer Stücke. Schien Norbert Leisegang einst manchmal breit lächelnd intuitiv wie einer anderen Welt entstiegen zu singen, ist er sich heute der Bedeutung bewusst, die man von einem Konzert erwartet. "Stillstand ist aktuell mein beliebtes Transportmittel" kommentiert etwas holprig die Zeit und das eigene Leben ebenso wie ein Lied übers Schummeln, nicht nur beim Kartenspiel, aber relativ banale Zeilen wie "Wir sehen nur, was wir sehen wollen" wären früher vielleicht nicht durchgegangen oder hätten anders geklungen. Umso frischer hören sich ältere Songs an: die "Ratten" aus dem Jahr 1990, "Deine Hände sind schmierig/ An deinen Fersen klebt Geld./Rattenland ist dein Paradies,/Mein Verderben - deine Welt."; der "Hofnarr", der sich einen König wünscht, der "ein Herz für die Narren hat". Womit nicht die "Irren" gemeint sind, die Keimzeit noch immer ins Irrenhaus wünscht und "die Schlauen ins Parlament". 1989/90 klangen darin noch die bunte Fantasie der der gewaltlosen Wende-Demonstrationen und die Hoffnung auf eine ebenso fantasievolle Freiheit mit, heute klingt das Lied ein bisschen wie Schlachtruf. Und natürlich "Singapur", eines der frühesten und schönsten Lieder über das Schiff "Welt", das die Menschen nur gemeinsam nach Singapur und zurück steuern können. Es gehört zu den Höhepunkten des Konzerts, was nicht zuletzt an der ausgezeichneten Band mit dem einfühlsamen Simon Anke am Elektropiano, dem virtuosen Gitarristen Martin Weigel, Sebastian Piskorz, der viele Songs mit Trompete und Flügelhorn veredelt, und der aufgeweckten Rhythmusgruppe mit Bassist Hartmut Leisegang und Schlagzeuger Lin Dittmann liegt. Sie sorgen, manchmal sogar ohne Norbert Leisegang, für einen anregenden Abend, wofür es viel Applaus vom Publikum und viele Zugaben von der Band gibt. Und am Ende gilt immer noch, was Keimzeit in "Kintopp" singt: "Das alles ist doch nur zur Unterhaltung gedacht./Was kann ich dafür, wenn ihr daraus ein Drama macht ?!"

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