Einzelhändler fordern härtere Konsequenzen für Ladendiebe

Der Frust in der Branche sitzt tief, weil Anzeigen außer Ärger oft wenig einbringen. Doch nun kündigt die Justiz eine härtere Gangart an.

Sie gelten als ein Massendelikt wie Fahrradklau und Schwarzfahren, doch der Schaden ist beträchtlich: Ladendiebstähle belasten den deutschen Einzelhandel nach Angaben von Branchenverbänden jährlich mit mehreren Milliarden Euro. Auch in Chemnitz werden im Schnitt täglich fünf bis sechs Ladendiebe erwischt und bei der Polizei angezeigt. Übers Jahr gerechnet sind das rund 2000 (siehe Grafik).

Doch diese Zahl stellt nach Einschätzung von Polizei und Einzelhandel nur die sprichwörtliche Spitze des Eisberges dar. Allgemein wird davon ausgegangen, dass von 100 Ladendiebstählen 98 unentdeckt bleiben. "Viele Einzelhändler merken erst bei Inventuren, wie unheimlich groß das Ausmaß ist", sagt René Glaser vom Handelsverband in Chemnitz. Gestohlen werde nicht zuletzt alles, was sich zu Geld machen lässt - von Mobiltelefonen, Markenkleidung, Zigaretten und Alkohol bis zu teurer Kosmetik.

Dass die Zahlen zuletzt wieder zurückgegangen sind, führen Branchenvertreter auch auf Investitionen der Geschäftsinhaber zurück. Vor allem Filialen großer Einzelhandelsketten haben in den zurückliegenden Jahren aufgerüstet, sei es mit neuen Systemen zur Warensicherung, Videoüberwachungsanlagen oder den Einsatz von zusätzlichem Sicherheitspersonal. "Für kleinere Händler allerdings rechnet sich dieser Aufwand kaum angesichts der ohnehin überschaubaren Gewinnmargen", gibt Bert Rothe, Referatsleiter Handel bei der Industrie- und Handelskammer in Chemnitz, zu bedenken.

Für zusätzliche Frustration sorgt zudem immer wieder, dass ein Großteil der bei der Polizei angezeigten Fälle für die Täter offenbar kaum Folgen hat. Viele Verfahren, so heißt es, würden entweder eingestellt oder zögen sich über mehrere Monate hin. So mancher Betroffene stelle sich seit Langem die Frage, ob sich der Aufwand, bei der Polizei eine Anzeige zu stellen, überhaupt noch lohne.

Die Hoffnungen der Branche richten sich nun auf eine vor wenigen Wochen erlassene Rundverfügung des sächsischen Generalstaatsanwalts. Sie sieht vor, dass Straftaten auch dann konsequent verfolgt und geahndet werden, wenn es sich um sogenannte Bagatelldelikte handelt. Taten im öffentlichen Raum sollen künftig im Regelfall angeklagt und nur noch sehr eingeschränkt eingestellt werden. Explizit genannt werden neben Straftaten in öffentlichen Verkehrsmitteln und rund um Bahnhöfe auch solche in Einkaufspassagen.

IHK-Hauptgeschäftsführer Hans- Joachim Wunderlich geht davon aus, dass durch den neuen Kurs auch Ladendieben verstärkt Einhalt geboten wird. "Damit erhöht sich das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung, was sich positiv auf die Wirtschaft niederschlägt", äußerte er. Bereits die in jüngerer Zeit von der Staatsanwaltschaft Chemnitz verstärkt eingesetzte Strafverfolgung in beschleunigten Verfahren sei von den Unternehmen als Schritt in die richtige Richtung gewertet worden, ergänzt IHK-Referatsleiter Rothe.

Nichtsdestotrotz steht sowohl für die IHK, als auch für den Handelsverband außer Frage, dass der Umgang mit Ladendieben weiterhin ein großes Thema bleibt. Nicht zuletzt, weil sich den einfachen Ladendiebstählen immer häufiger auch Taten bandenmäßig organisierter Diebe hinzugesellen. Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaft werden im kommenden Monat im Einzelhandelsausschuss der IHK dazu Rede und Antwort stehen.

Von Gesetzes wegen drohen ertappten Ladendieben Geldstrafen oder - theoretisch - bis zu fünf Jahre Haft. Oft kommt ein entsprechendes Hausverbot hinzu, das in größeren Einkaufszentren meist nicht nur für das jeweilige Geschäft, sondern fürs gesamte Haus gilt - in der Galerie Roter Turm laut Centermanager Jörg Knöfel beispielsweise auch fürs Kino. Wird dagegen verstoßen, droht eine weitere Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Das geschieht offenbar häufiger als gedacht: Eine mehrmonatige Erhebung im Jahr 2016 ergab, dass rund um den Stadthallenpark derlei Fälle fast die Hälfte aller Straftaten ausmachten.

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2Kommentare
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  • 0
    2
    CPärchen
    15.04.2019

    Stimmt nicht ganz Hankman, aber sehr vieles ist richtig.
    Richter und Staatsanwälte sind schnell zu bekommen. Die kommen vom freien Arbeitsmarkt und da ist der öffentliche Dienst sehr beliebt, zu Recht.
    Probleme gibt es eher bei der "unteren" Ebene (soll keinesfalls despektierlich klingen). Die müssen tatsächlich erst ausgebildet werden und das dauert nunmal. Der Rest meiner Ausführungen wären lediglich Wiederholungen von Ihnen.

    Naja... im Nachhinein wissen es immer alle besser. Zumindest unternimmt man, was möglich ist.

  • 9
    1
    Hankman
    15.04.2019

    Nun, ich glaube nicht, dass ein konsequentes Vorgehen gegen Ladendiebstähle das Sicherheitsgefühl der Bürger stärkt. Meist kriegt der Bürger ja von den Delikten gar nichts mit. Die Schätzungen über das Ausmaß halte ich auch für gewagt. Dass bei Inventuren Fehlbestände festgestellt werden, kann auch andere Ursachen haben (etwa Fehler an der Kasse, die jeder schon mal erlebt hat). Es ist schwer, daraus verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen.

    Gleichwohl: Ladendiebstahl ist unbestritten ein Problem. Ich fände es gut, wenn alle festgestellten Delikte strafrechtlich verfolgt würden. Das Strafrecht bietet dafür fein abgestufte Möglichkeiten, so dass man maßvoll vorgehen kann. Man sollte sich allerdings erst mal fragen, warum so viele Verfahren wegen Ladendiebstahls und anderer Delikte eingestellt werden: Sind Polizei und Justiz zu nachsichtig? Sind sie zu faul? Zweimal nein. Polizei und Justiz sind überlastet. Zum einen weil sie immer reichlich zu tun haben, zum anderen weil Personal und zuweilen auch Ausstattung fehlen. Hier wirkt immer noch der neoliberale Ansatz vom "schlanken Staat" nach. Und auch wenn jetzt gegengesteuert wird: Es dauert, bis mehr Polizisten, mehr Staatsanwälte und Richter zur Verfügung stehen. Und man könnte, milde ausgedrückt, beim Personalaufbau auch etwas ambitionierter vorgehen. Ich zweifle also, dass der Runderlass des Generalstaatsanwalts kurzfristig viel ändern wird.



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